Havel und Humboldt – Serie: Lob der Langsamkeit auf MS Sans Souci (Teil 2/24)

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Begrüßung durch den Berliner Bären in Spandau. © Foto/BU: Dr. Peer Schmidt-Walther, 2017

Berlin, Deutschland (MaDeRe). Die 80 Passagiere erleben das knappe Manöver-Schauspiel beim Frühstück im Restaurant. Für sie ist jetzt das Sonnendeck tabu, bis der Brückenschatten über den weißen Binnenkreuzer hinweg gestrichen ist. Jogger stoppen ihren Lauf und wundern sich, wie´s scheint, über den Heimathafen Peißen am Heck. „Kommt ihr aus Sachsen“, hört man einen rufen, der wohl „Meissen“ meint. „Nee, aus Berlin“, erwidert jemand schlagfertig. Die deutsche Flagge am Heck knattert dazu fröhlich im Morgenwind. Grunewald trägt zwar den Namen des größten Berliner Waldgebietes, ist aber waschechter Sachsen-Anhaltiner aus dem Saale-Städtchen Mukrena, „nicht zu verwechseln“, schiebt er nach, „mit Mukran auf Rügen“.

Eingerahmt von Instrumenten, Monitoren und Radargerät hockt Grunewald in seinem Fahrstand. Schiffsverkehr und Einfahrt in die Spandauer Schleuse hinter der Spree-Mündung verlangen volle Konzentration.

Spandauer Schleuse mit Kontrollturm. © Foto/BU: Dr. Peer Schmidt-Walther, 2017

Nach der Schleusenpassage noch etwas Großstadtkulisse zwischen der historischen Festung und den Brücken. Bald duckt sich der Speckgürtel Berlins hinter der hohen Kiefernkulisse, worin sich an Steuerbord am Tegeler See das Schloss der Familie von Humboldt versteckt. In einem Punkt jedoch gleicht die vor uns liegende Strecke den Abenteuerreisen Alexander von Humboldts vor 200 Jahren: der Geschwindigkeit. Erlaubt sind zwischen neun und zwölf Kilometer im Radfahrertempo. Am Ufer lauern manchmal auch „Wegelagerer“: Wasserschutzpolizisten mit Blitzgerät auf der Jagd nach Temposündern. Da braucht´s denn schon fünf Tagesreisen bis zur rund 300 Kilometer entfernten Ostsee. Entschleunigung pur oder Lob der Langsamkeit.