Kleines Schiff ganz groß! – MS World Voyager hat sich an der deutschen Küste vorgestellt

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Das schöne Heck. © Foto/BU: Dr. Peer Schmidt-Walther, Aufnahme: 22.7.2021, 13.45 Uhr

Kiel, Deutschland (MaDeRe). „Wo liegt sie denn?“, fragt jemand verwundert vor dem Ostseekai in Kiel? Und in der Tat: Zu sehen ist nichts von ihr. Sonst überragen hier nämlich mächtig gewaltige Pötte alles.

„Willkommen an Bord“, wird man nach der Corona-Kontrolle am Gate zur Pier von einer maskierten Nicko-Mitarbeiterin begrüßt. „Bitte dort entlang“, weist sie auf das jetzt vierkant von vorn sichtbare Schiff hin. Schade, dass man ihr freundliches Lächeln nur vermuten kann!

Bis man seitlich die großen weißen Lettern auf vornehmem grauen Grund entdeckt: World Voayager. Es ist eine Premiere für die Ostsee-Stadt, aber auch fürs Schiff.

Jetzt werden auch ihre eleganten Linien sichtbar. Nirgendwo Gedrängel, alles in ruhigen Bahnen. Die Einschiffungsbürokratie an der Rezeption absolut entspannt und schlangenfrei. Auf die Frage „Darf´s ein Gläschen Sekt sein“ antworte nicht nur ich: „Immer gern doch!“ Swetlana führt ein Deck höher auf die Kabine. „Wow“, entfährt´s einem da spontan. Helles Buchenholz-Imitat – aus feuerpolizeilichen Gründen sind Holz und andere brennbare Stoffe verboten – dominiert die sehr funktionale Einrichtung, und auf dem Balkon könnte man sogar tanzen. Viel Schrankraum und Ablagefläche, Sitzecke mit Sofa und ein kleiner Schreibtisch. Die Betten bestehen sofort den Test für schlafförderndes Liegen. Das Bad überrascht durch seine Größe, eine Dusche sogar mit Massagestrahlen für den Rücken und Sitzecke. Wer viel Platz für Hygiene und Schminkutensilien braucht, hat hier reichlich davon. Summa summarum alles zum Wohlfühlen.

MS WORLD VOYAGER vierkant von vorn in Kiel. © Foto/BU: Dr. Peer Schmidt-Walther, Aufnahme: Kiel

Goodbye, Kiel!

Bis zur vorgeschriebenen Rettungsübung vor dem Auslaufen kann man sich im Lido-Grill rings um den Pool mit Burgern, Pommes, Shrimps, Salaten und Eis vergnügen – wie jeden Tag zwischen 12 Uhr und 20 Uhr. Dazu ein kühles Glas Weißwein mit Meerblick – was will man mehr?!

Dann schrillen die Alarmglocken. Zeit zum Aufbruch zur Kabine, Rettungsweste geschnappt und ein Deck tiefer. Anwesenheitskontrolle, Anlegevorführung: fertig! Kein langes Stehen, untermalt von langen, kaum verständlichen Vorträgen, wie man´s sonst kennt.

Das Sailaway mit live von der bezaubernden lettischen Pianistin Zanna intoniertem Song steht an, natürlich mit Sekt, während Kapitän Augusto Neto das Typhon zum Abschied dreimal losdröhnen lässt: goodbye, Kiel! Hinter Laboe steigt der Lotse ab und World Voyager nimmt Kurs auf Flensburg.

Bis dahin hat sie 14 Stunden Zeit, viel zu viel. Also wird noch eine Weile durch die Kieler Bucht gekreuzt, fernab der üblichen Dampferroute. Immer wieder blitzen dieselben Leuchtfeuer von der schleswig-holsteinischen und dänischen Küste herüber. Die Gäste stört´s nicht, denn sie haben sich bei Wein oder Cocktails in den Bars oder der Observation Lounge übers Schiff verteilt oder träumen aus Balkon- oder Bettperspektive dem nächsten Tag entgegen.

MS WORLD VOYAGER zu Anker vor Boltenhagen. © Foto/BU: Dr. Peer Schmidt-Walther, Aufnahme: Boltenhagen, 22.7.2021, 10.00 Uhr

Wikinger lassen grüßen

Pünktlich um acht Uhr sind alle Leinen fest – und man schaut auf Berge: Baustoffe, die neben dem Schiff gelagert werden. Nicht unbedingt ein Traumblick, aber wohl nicht anders zu machen. Flensburg hat noch keine eigene Kreuzfahrtpier. Aber dafür in den Mauern seiner Altstadt einiges zu bieten. Fußläufig erreicht man sie in 20 Minuten, vorbei an vielen Booten und Oldtimern aus der Dampf-, Motor- und Segelschiffs-Ära.

Andere zieht es nach Glücksburg und zu seinem berühmten Schloss. Hier war das herzögliche Haus Schleswig-Holstein, einst auch Haus Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg, kurz: Haus Glücksburg, als eine Linie des Hauses Schleswig-Holstein-Sonderburg zu Hause, die wiederum eine Nebenlinie des Gesamthauses Oldenburg ist, dem viele gekrönte europäische Häupter entstammen. Sogar eine Badepause in den warmen Fluten der Flensburger Förde ist drin. Immer mit Blick auf die wald- und strandreiche dänische Seite gegenüber. Alles ist in bester Ferienstimmung, und der Sommer zeigt sich am Nachmittag wieder von seiner strahlenden Seite.

Wieder zur besten Sehzeit um 18 Uhr heißt es „Leinen los!“ mit gewundenem Förde-Kurs auf das mecklenburgische Boltenhagen. Die schöne Schiffslady wird von vielen Seglern angesteuert und immer wieder fotografiert. Sonderburg und die Insel Alsen mit ihren Märchenhäusern gleiten an Backbord vorbei, an Steuerbord das Naturschutzgebiet Geltinger Birk mit seinen Wildpferden. Eine filmreife Kulisse allemal. Von Ferne winkt Schleimünde herüber, wo es 45 Kilometer auf der idyllischen Schlei landeinwärts über Kappeln zur Wikinger-Siedlung Haithabu und nach Schleswig geht. Zu flach für unsere VOYAGER. Aber es ist ein Reisetipp, den man sich unbedingt merken sollte.

Im Restaurant mit herrlich luftigem Außenbereich wird nach dem „Captains Willkommens Cocktail“ das „Willkommens Abendessen“ serviert. Freundlich, gastorientiert und flott. Die Speisekarte kann sich sehen lassen! Vor allem aber die dann folgenden Kreationen einer einfallsreichen Küche. Jeder Gang ein echter Genuss! Wer gern Steak isst, kann das statt Hauptgericht sogar allabendlich ordern. Aber das wäre doch schade angesichts der gebotenen Genüsse! Abgesehen vom fast schon kitschig-romantischen Sonnenuntergang, der den Himmel schließlich sogar noch vergoldet.

Viel Platz auf dem Sonnendeck. © Foto/BU: Dr. Peer Schmidt-Walther, Aufnahme: Ostsee, 22.7.2021, 09.00 Uhr

Nordostdeutsche Kleinodien

An Fehmarn vorbei steuert Kapitän Neto die Lübecker Bucht an. Pünktlich rasselt der Anker vor dem wiedererstandenen Ostseebad in den sandigen Grund. Die Stunde der bordeigenen Zodiacs hat geschlagen. Am Kranhaken schwebt eins nach dem anderen zu Wasser. In Gruppen zu Acht geht es auf Exkursion entlang der steinreichen Steilküste. Die beiden Tenderboote indes pendeln zum Anleger, wo vor einem Schutzzaun ein großes Aufgebot von Sicherheitskräften, der Zoll und ein Shuttlebus warten. Boltenhagen hat sich herausgeputzt und bietet allen Komfort eines Seebades mit Tradition. Sogar eine Seebrücke sowie einen dünenparallelen hölzernen Wandersteg. „Ab hier geht´s zu Fuß weiter“, wird man auf die sportliche Seite hingewiesen. Der breite Strand ist gut besucht, die Strandkörbe alle belegt. Auch hier lockt glasklares, badewannenwarmes Ostseewasser. Hinein geht´s wieder mal in die Fluten. Fast schon ein Badereise. Die Gäste sind begeistert, dass sie diese Kleinodien der nordostdeutschen Heimat erleben dürfen. Ein kurzer Sprung durch die Wismar Bucht und man spürt den Hauch der Hansezeit. Die wird sogar die Kogge WISSEMARA mit geblähtem Großsegel vor dem Hafen überholt. Ein Fotomotiv der besonderen Art. Auch die Stadtkulisse mit ihren Backsteinkirchen. In der himmelblauen Halle der MV Werften schweißen sie an einem der größten Kreuzfahrtschiffe der Welt herum. In der GLOBAL-Class sollen einmal 10.000 Menschen mitfahren. „Für mich nicht vorstellbar!“, sagt ein Relingsnachbar, und ein anderer meint: „Keine zehn Pferde kriegen mich da rauf“ World Voayer hingegen punktet mit ihrer überschaubaren Größe, ihrem Yachtcharakter, ihrer familiären Atmosphäre. „Und“, ergänzt eine kreuzfahrterfahrene Mitpassagierin, „sie fährt dorthin, wo die Großen mit ihren Massen nicht hinkommen.“ Die Hansestadt Wismar gehört mit Sicherheit dazu. Aber sie hat etwas in diese Zukunft investiert: eine neue 200 Meter lange Pier und die Umgestaltung der wunderhübschen alten Markthalle in ein Kreuzfahrtterminal.

Bei Sonnenuntergang am Heck. © Foto/BU: Dr. Peer Schmidt-Walther, Aufnahme: Ostsee, 21.7.2021, 0.00 Uhr

Plötzlich Schüsse

Am Zaun des Liegeplatzes drängeln sich die Seh-Leute, Einheimische wie Touristen. Die World Voyager ist wie schon in den Häfen zuvor auch hier erster Nach-Lockdown-Corona-Anlauf. Beamte der Wasserschutzpolizei fischen noch schnell einen Baumstamm aus dem Wasser, den die Voyager-Nase voll getroffen hätte. Die 130 Gäste verteilen sich schnell auf den weitflächigen Terrassen der Hafenpromenade oder tauchen ab in den heimeligen Gassen der fast vollständig restaurierten Altstadt. Mit Stadtplänen ausgerüstet, fällt es nicht schwer, die Highlights zwischen Wassertor, Nikolai-, Marien- und Sankt Georgen-Kirche

anzulaufen. Eine kontemplative Pause in einer der traditionsreichen Gaststätten auf dem Rathausmarkt samt Wasserkunst-Brunnen inklusive. Wer mag, kann vor dem Abendessen noch einen Blick auf die hochmoderne Brücke werfen. Zwei portugiesische Offiziere und eine Kadettin sind mit Kaffee nach Wunsch für alle Fragen rund um die Navigation offen. Ein seltenes Erlebnis angesichts strenger Sicherheitsvorschriften.

Shantyklänge der Gruppe „Bänke“ untermalen das Rückwärts-Auslauf- und anschließende Drehmanöver. Plötzlich Schüsse von der Pier. Die Hanseaten lassen es krachen: nach guter, alter Manier mit Böllerschüssen aus zwei Minikanonen. Viele Hände winken durch den Pulverdampf hin- und herüber: und Tschüß, World Voyager!

Bei gegrilltem Lachs oder Steak schrumpft achteraus langsam Wismars Kulisse, währen die schöne Insel Poel das Schiff noch eine Weile an Steuerbord begleitet. Zum Abschied kriecht die Sonne noch einmal glutrot durch die Lücke einer grauen Wolkenbank. „Schade“, meint jemand, „dass diese Schnupperreise schon morgen früh in Kiel zu Ende ist. Sie hätte gern noch länger dauern können.“

Anmerkung:

Die Recherche wurde von Nicko Cruises Schiffsreisen GmbH unterstützt.