Libyen – es war einmal…

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Abenstimmung in den Dünen. © Foto: Gerhard Kotschenreuther

Tripolis, Libyen (MaDeRe). Gar keine Frage, Ghaddafi war schon sehr bizarr, aber er hatte auch Unterhaltungswert. Seine persönliche Leibgarde bestand aus ausgewählt hübschen Frauen, die alle im Offiziersrang waren und ihn auf seinen Reisen begleiteten. Für Soldaten in anderen arabischen „Bruderländern“ muss es ein Schock gewesen sein, wenn sie vor den in Kampfanzügen gekleideten Frauen salutieren mussten. Aber genau das war ja der Sinn des Ganzen. Großartig war auch, wie er bei Staatsbesuchen in Italien im eigenen Beduinenzelt nächtigte und den schmierigen Berlusconi zum Affen machte.

Eines der zahlreichen Propaganda-Plakate in Libyen. © Foto: Gerhard Kotschenreuther

Oberst Ghaddafi kam 1969 durch einen Putsch an die Macht und blieb der starke Mann, auch wenn er seit den 1980er Jahren überhaupt kein offizielles Amt mehr innehatte. Um so absurder war daher später die Forderung westlicher Politiker, er solle sofort von seinen Ämtern zurücktreten. Von welchen denn?

Von den Amerikanern war er in der Hitliste der ‚Schurken’ ganz oben angesiedelt und daher immer wieder Ziel militärischer Aggressionen der USA. Als eine der schillerndsten Figuren der Weltpolitik war er für politische Kapriolen und Kehrtwendungen berüchtigt.

Durch eine selbst gewählte Isolation, durch einen islamischen Staatssozialismus und nicht zuletzt wegen der (nie wirklich bewiesenen) angeblichen Verwicklung in das Lockerbie-Attentat (1988) ins Abseits geraten, war ein größtenteils falsches Bild von Libyen entstanden.

Ich war 2005 in Libyen, als das Land für relativ kurze Zeit relativ einfach zu bereisen war.

Ich habe ein wunderbares Land mit reichen Kulturschätzen und mit sehr freundlichen und unaufdringlichen Menschen erlebt. Hier ist mein Bericht von 2005:

Ein paar Fakten

Irgendwo in der Wüste. © Foto: Gerhard Kotschenreuther

Libyen ist ca. 5x so groß wie Deutschland, hat aber nur knapp 6 Millionen Einwohner. Die Alphabetisierung liegt bei 100%. Es gibt eine 12-jährige Schulpflicht. Studentinnen und Studenten erhalten vom Staat großzügig bemessene Auslandsstipendien. Männer und Frauen sind gesetzlich gleichberechtigt und beziehen gleiche Löhne. Die Geburtenrate ist dank staatlicher Familienpolitik niedrig. Das Gesundheitswesen ist gut entwickelt und kostenlos, Steuern und Mieten gibt es nicht, außerdem werden alle Staatsbürger anteilig an den Gewinnen der Erdölproduktion beteiligt (jährliche Ausschüttung). Alles zusammengerechnet entspricht das pro Kopf Einkommen dem in der Bundesrepublik Deutschland. Wo gibt es so etwas noch in der arabischen Welt? Vor der Revolution war Libyen das ärmste Land in Afrika, es gab so gut wie keine Ärzte, kein Schulwesen usw. Heute ist es das reichte! Aber es gibt noch viele weitere Besonderheiten in diesem noch so fremden Land. Libyen unterhält kein Militär (Ghaddafi weiß natürlich, was passieren kann, wenn sich Offiziere langweilen). Für Ordnung und Sicherheit sorgen Polizeikräfte, die aber nur wenig auffallen. In Libyen gibt es keine politischen Parteien, das Land wird in erster Linie durch dezentrale Basiskomitees verwaltet, an denen alle Bürger beteiligt sind.

Schon die alten Römer…

Das römische Theater in Leptis Magna. © Foto: Gerhard Kotschenreuther

Da Nordafrika früher viel fruchtbarer war als heute, war es schon immer äußerst begehrt bei Siedlern und Eroberern. Die auffälligsten Zeugnisse dafür stammen von den Griechen und vor allem von den Römern. Sabratha mit seinem prächtigen römischen Theater und natürlich Leptis Magna (beide UNESCO Weltkulturerbe), einst eine Großstadt, in der vor fast 2000 Jahren Geld keine Rolle gespielt haben muss, betrachtet man die monumentalen öffentlichen Prachtbauten. Auch wenn bislang nur ein relativ kleiner Teil dieser früheren Metropole ausgegraben wurde, so bekommt man doch ein gutes Bild vom Leben damals. Luxuriöse Thermen Anlagen, Tempel und Triumphbögen, Märkte, Säulenhallen, der künstlich angelegte Hafen, Theater und Amphitheater und eine komplette Kanalisation unter allen Straßen der Stadt sind beeindruckende Beispiele für einen sehr hohen Lebensstandard.

Tripolis

Aber auch das heutige Libyen kann sich sehen lassen: allen voran die Hauptstadt Tripolis. Schön an der Küste gelegen, bietet Tripolis eine gute Lebensqualität. Die seit der Reprivatisierung wieder zum Leben erwachte Altstadt (anders als z.B. in Ägypten sind die Menschen zwar freundlich, aber eher zurückhaltend und unaufdringlich), die zahlreichen Restaurants und Straßencafés, dazu die bis spät geöffneten Laden vermitteln eine moderne arabisch-mediterrane Atmosphäre. Außerdem ist Tripolis sauber und sicher (Da könntet Ihr Euch ein paar Scheiben abschneiden, liebe Amerikaner!). Das insgesamt moderne Gesicht der Stadt kommt nicht von ungefähr, große Teile von Tripolis waren im 2.Weltkrieg zerstört worden.

Ab in die Wüste

Ghadames. © Foto: Gerhard Kotschenreuther

90% der Einwohner leben in der fruchtbaren Küstenregion. Der weitaus größte Teil des Landes besteht aus Geröll-, Stein- und Sandwüsten. Da das Land über ein Netz sehr gut ausgebauter Straßen verfügt, sind auch die meisten Orte im Süden gut erreichbar. Ein Hauptziel für Reisende ist Ghadames (ebenfalls UNESCO Weltkulturerbe), gut 700 Km tief in der Wüste, im Länderdreieck Libyen, Algerien, Tunesien. Schon die Fahrt dorthin ist ein Erlebnis: Immer wieder kleine Siedlungen, zum Teil mit historischen Speicherburgen, wie es sie nur hier gibt und die man unbedingt besichtigen muss, erstaunliche Berg- und Landschaftsformationen, Kamelherden, Oasen mit Palmen, Dünen – und dann eben Ghadames mit seiner einmaligen Altstadt. Ein Labyrinth aus höhlenartigen Gängen, reich verziert. Häuser im traditionellen Stil. Einfach atemberaubend und faszinierend. Einst war diese Stadt mit ihrer Dattelpalmenoase Ziel und Ausgangspunkt für Karawanen, die Reichtum bescherten.

Sicher, Libyen ist als Reiseland erst vor kurzer Zeit erwacht, daher ist die Hotelkapazität noch sehr gering und nicht für einen großen Ansturm geeignet. Aber gerade das macht den Reiz aus. Nicht zuletzt dank seiner Menschen ist es daher ein ganz besonders sympathisches Reiseziel.

Nachtrag 2020

Seit der Ermordung Ghaddafis im Oktober 2011 herrscht in Libyen ein Machtvakuum und es regiert das Chaos. Banden und Milizen bekämpfen sich äußerst brutal und fremde Staaten wie die Türkei mischen sich in den Dauerkonflikt ein und versuchen daraus Kapital zu schlagen. Außerdem sind zahllose Flüchtlinge aus Afrika in Libyen gestrandet.

Was aus den Kulturschätzen geworden ist, weiß niemand so genau, man kann nur hoffen, dass die Schäden und Plünderungen nicht allzu verheerend sind.

Fotoreportage

Mehr Bilder zum Beitrag in der „Fotoreportage: Von Ghaddafi bis Ghadames“ von Gerhard Kotschenreuther.