Start Fernreisen Entlang des Sankt-Lorenz-Stromes – Montréal – eine Stadt mit Untergrund-Leben

Entlang des Sankt-Lorenz-Stromes – Montréal – eine Stadt mit Untergrund-Leben

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Ein Blcik auf die Silhouette von Montréal. Quelle: Pixabay
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Montréal, Kanada (MaDeRe). Der Flieger nähert sich nach zehn Stunden endlich dem Ziel: Montréal. Doch dem Auge erschließt sich zunächst nur eine weite Seenlandschaft. Die Landung wenig später gelingt butterweich, und wer dann glücklich alle Kontrollen hinter sich gebracht und endlich den gebuchten Leihwagen gefunden hat, kann sich auf den Weg zum Hotel machen. Ein bisschen relaxen, das Bett testen, ein kühles Bierchen zischen… Und das Bier schmeckt tatsächlich in Kanada.

Anflug auf Montréal. © 2019, Foto/BU: Eva-Maria Becker

Doch deswegen kommt trotzdem wohl keiner nach Kanada – dem nach Russland flächenmäßig zweitgrößten Land der Erde. Es ist eines der beliebtesten Reisziele: Hier lockt vor allem die Natur, die zum Teil noch unberührt scheint. Die Niagara-Fälle. Die Rocky Mountains. Die ausgedehnten Wildnisregionen bis hoch nach Alaska, zum Polarkreis. Die großen Seen im Osten des Landes. Aber auch Städte locken, die zu den schönsten der Welt zählen: Vancouver, Quebec, Toronto, Montréal.

Auf geht’s: Erkunden wir zunächst also Montréal. Die Stadt liegt am großen Strom des Landes, dem Sankt-Lorenz-Strom – von der Quelle in Minnesota (USA) bis zur Mündung 3590 Kilometer lang und an seiner Mündung zum Atlantik rund 150 Kilometer breit. Er verbindet die fünf großen Seen, den Eriesee, den Huronsee, den Michigansee, den Oberen See und den Ontariosee, mit dem Atlantik.

Über diesen Strom können Frachter vom Atlantik ihre Waren bis in die Mitte des Kontinents transportieren. Im Strom, nahe der Stadt Kingston in der Provinz Ontario,  liegen die „Thousand Islands“, eine Gruppe von fast 2000 kleinen Inseln – eine echte Touristenattraktion. Links und rechts des Stromes, jeweils im Abstand von etwa 100 Kilometern, haben sich Menschen angesiedelt. Weiter im Norden wird das Land unzugänglich und weitgehend menschenleer. Hier herrschen noch Bär und Wolf.

Ein Blick vom Mont Royal auf die Stadt Montréal. Quelle: Pixabay

Montréal also. Montréal ist die zweitgrößte Stadt Kanadas, liegt im Südwesten der Provinz Quebec und auf einer Insel. Prägend für das Stadtbild ist der Mont Royal – der 233 Meter hohe „Königliche Berg“ auf dieser Insel, der der Stadt auch ihren Namen gab. Als die ersten Europäer im 16. Jahrhundert erstmals in dieser Gegend auftauchten, lebten hier Irokesen.

Die sollten natürlich bekehrt werden, und so wurde auch auf dieser Insel eine katholische Missionsstation errichtet. Daraus entwickelte sich die Siedlung Montréal, zunächst als Kolonie unter französischer Krone und nach dem Siebenjährigen Krieg ab 1760 unter britischer Herrschaft. Der Kampf um die Unabhängigkeit vom Vereinigten Königreich begann schon 1867, doch erst 1982 wurden per Gesetz alle verfassungsrechtlichen Bindungen getrennt.

Das Rathaus von Montréal. © 2019, Foto/BU: Eva-Maria Becker

Im Jahre 1832 erhielt Montréal das Stadtrecht und entwickelte sich seither rasant. Für kurze Zeit, von 1844 bis 1849, war Montréal sogar Hauptstadt der Provinz Kanada, einem Zusammenschluss der Kolonien Ober- und Niederkanada. Auf dem Höhepunkt einer Wirtschaftskrise steckten Straßenkämpfer den Marché Sainte-Anne, das provisorische Parlamentsgebäude, in Brand. Es wurde vollständig zerstört, und aufgrund der unsicheren Lage beschloss die Regierung, Toronto als neue Provinzhauptstadt zu benennen.

Als weltweit bedeutende Ereignisse in Montréal gelten die Weltausstellung Expo 67 und die Olympischen Spiele 1976. Heute zählt die Stadt ohne Vororte etwa 1,9 Millionen Einwohner. Die meisten Bewohner sprechen Französisch, etwas weniger verbreitet ist Englisch. Das Zentrum der Stadt mit den meisten öffentlichen Einrichtungen und Sehenswürdigkeiten ist das Arrondissement Ville-Marie zwischen Mont Royal und Sankt-Lorenz-Strom.

Die Basilika Notre-Dame de Montréal in der Altstadt. © 2019, Foto/BU: Eva-Maria Becker

Hier liegt auch die Altstadt „Vieux-Montréal“, durch die sich die Rue Notre-Dame zieht. Die Straße trägt den Namen der hier von 1823 bis 1843 erbauten Basilika Notre-Dame de Montréal, einer imposanten neugotischen Kirche. Sie ist 69 Meter hoch und war bis 1928 das höchste Gebäude der Stadt. In der Nähe, am Place d’Armes, erhebt sich seit 1931 das 96 Meter hohe Aldred-Gebäude, ein Art-Deco-Bau aus Kalkstein – das erste Hochhaus der Stadt, das in seiner Art zur historischen Umgebung passt.

Älteste Bauwerke sind das Seminar des Sulpizianerordens und die ehemalige Gouverneursresidenz Château Ramezay aus dem 17. Jahrhundert. In diesem Viertel befinden sich auch das Rathaus, die eindrucksvolle Markthalle mit vielen kleinen Geschäften und Vieux Port, der Alte Hafen, mit ehemaligen Pieranlagen an der Uferpromenade. Von hier aus ist es nicht weit zum 60 Meter hohen Riesenrad, aus dessen klimatisierten Gondeln die Altstadt überblickt werden kann. Und vom Parc du Mont-Royal auf dem gleichnamigen Hügel aus hat man eine spektakuläre Aussicht auf die Skyline von Montreal, deren Finanz- und Wirtschaftszentrum heute natürlich auch über zahlreiche Wolkenkratzer verfügt.

Mitte des vergangenen Jahrhunderts verfiel die Altstadt zusehends, und es gab Pläne, sie zu großen Teilen abzureißen. Glücklicherweise rettete ein Stadtplaner den historischen Teil von Montréal, indem er die Stadtväter davon überzeugen konnte, die Stadtautobahn unterirdisch zu bauen. Schließlich wurde die Altstadt 1964 unter Denkmalschutz gestellt, und seither wird hier restauriert. Heute ist Vieux-Montréal mit seinen kopfsteingepflasterten Straßen und verwinkelten Gassen, den vielen kleinen Cafés, Pubs, Museen und Läden ein Anziehungspunkt für Touristen.

Zu den Sehenswürdigkeiten von Montréal zählen zweifellos auch die über 600 Sakralbauten verschiedenster Glaubensrichtungen – überwiegend sind das katholische Kirchen, entsprechend der vorherrschenden Konfession der Einwohner. Das Sankt-Josephs-Oratorium, ein 97 Meter hoher Kuppelbau an einem Hang des Mont Royal, ist eine bedeutende Wallfahrtskirche und wird von zwei Millionen Menschen jährlich besucht. Diese Kirche ist die höchste von ganz Kanada. Ältestes erhalten gebliebenes Kirchengebäude im Stadtzentrum ist die Wallfahrtskapelle Notre-Dame-de-Bon-Secours aus dem 18. Jahrhundert.

Blick vom Riesenrad auf den Alten Hafen von Montréal und den Sankt-Lorenz-Strom. © 2019, Foto/BU: Eva-Maria Becker

Aufgrund der Insellage ist Montréal auf dem Landweg nur über Brücken und Tunnel erreichbar. Ab 1859 konnte man über Pont Victoria, der damals längsten Brücke der Welt, erstmals auch über der Sankt-Lorenz-Strom gelangen. Heute stehen 24 Brücken und drei Tunnel zur Verfügung, die von Fahrzeugen, Eisenbahnen und U-Bahnen genutzt werden.

Die Geschichte des öffentlichen Nahverkehrs der Stadt begann 1861 mit der Montréal Street Railway Company, der ersten Pferdebahn. Das erste Teilstück der Metro wurde 1966 eröffnet. Das heute 69 Kilometer lange U-Bahn-Netz der Metro Montréal mit täglich mehr als 1,1 Millionen Fahrgästen ist das wichtigste Verkehrsmittel in der Stadt und in die Vorstädte.

Und hier befinden sich nicht nur U-Bahn-Stationen, sondern auch „Montréal souterrain“, die Untergrundstadt von Montréal, weltweit die größte dieser Art. Das 32 Kilometer lange, weit verzweigte und zum Teil mehrere Stockwerke tiefe Tunnelsystem erstreckt sich über eine Fläche von zwölf Quadratkilometern im zentralen Stadtbezirk Ville-Marie.

Es ist eine eigene Welt und verbindet zehn U-Bahn-Stationen, zwei Busbahnhöfe, die beiden Hauptbahnhöfe, Hunderte von Läden, Restaurants und Kinos, Hotels, drei Veranstaltungshallen, ein Eishockeystadion, verschiedene Büro- und Wohngebäude sowie zwei Universitäten miteinander. Die meisten Büros und ein Drittel aller Läden der Innenstadt sind an die Untergrundstadt angeschlossen. Etwa eine Million Touristen und Einheimische nutzen die Untergrundstadt jeden Tag zum Einkaufen, Flanieren, Essen und Vergnügen bei jedem Wetter – geschützt vor Regen, Kälte oder Hitze.

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