Von Spello und Bevagna über Matelica nach San Severino – Serie: Zu Besuch bei Borghi più belli, schönste Orte Italiens (Teil 2/3)

© 2018, Foto: Christoph Merten

Spello, Bevagna, Matelica, San Severino, Italien (MaDeRe). In Spello waren Mitte Juni nur noch die Bordüren der Teppiche zu erkennen, der floralen Dessins, der farbenprächtigen Kunstwerke; Bilder, als Bildnisse kunterbunt gefügt aus Blumen zur „Infiorate“, der großen Freilichtschau vom Wochenende nach Corpus Christi. Zur Sonntagsmesse schritten dann Tausende über Millionen von Blütenblättern die in hellsten sowie grellsten Farben erstrahlten. Aber Bevagna, gleich nebenan, erging sich noch in Feststimmung. Ein munterer Marktplatz des Mittelalters, elf Tage lang, morgens bis Mitternacht. Der „Mercato delle Gaite“ ist ein heiteres Festival, kein Gauklerspektakel sondern das bedeutendste „Re-enactment“ des täglichen Lebens in der Epoche 1250 bis 1350. Eine Zeitreise zurück ins Geschehen vom Stauferkaiser bis zur Schwarzen Pest – letztere heutzutage wohl unvorstellbar.

Die vier Gaite: San Giovanni, San Giorgio, San Pietro, Santa Maria

Ein Kerzenzieher in Bevagna. © 2018, Foto: Christoph Merten

alte Stadtviertel des Borghi, konkurrieren im Wettbewerb in vier Disziplinen. Die jeweiligen Sieger erhalten als Trophäe den Palio della Vittoria. Beim Handwerk glänzen die Gaite in traditionellen Fertigkeiten –je zwei pro Viertel. Wir können ihm wie ihr bei der Arbeit über die Schulter schauen: dem Meister und Gesellen beim Ziehen von Kerzen, beim Schöpfen von Papier, beim Spinnen von Seide, beim Anrühren der Farben im Atelier, beispielsweise, und so manchem Musikanten bei seinem Spiel auf Laute oder Gitarre. Wobei die Werkstätten das ganze Jahr über Besucher empfangen. Nach dem üppigen Bankett vor dem Fest wetteifern die Gaite auf gastronomischem Gebiet mit geschmackvollen Gerichten, deren Rezepte seit 7 Jahrhunderten überliefert sind. Aufgetischt wird in Stätten mit dem passenden Gepräge, und Gäste sind gerngesehen. In jedem Quartier findet sich ein Platz fürs Marktreiben wo bunte Buden und stolze Stände mit wahrhafter Ware prämiert werden. Dass alle Bewohner von Bevagna prachtvolle oder einfache Tracht tragen, als würde Dante mit Tante umherschreiten, versteht sich. Das spannendste Ereignis ist wohl das Bogenschießen. Drei mal vier Schützen treten mit je elf Pfeilen an einen Tontopf von 10 cm Durchmesser aus 18 Meter Entfernung zu treffen – alle Achtung!

In Bevagna. © 2018, Foto: Christoph Merten

Bevagna bewahrt ganzjährig sein mittelalterliches Gepränge – mit dem Ring einer turmbesetzten Stadtmauer, den Kirchen, Klöstern, Stadtpalästen, Alltagsbauten wie das Waschhaus vor der Kaskade. Geradeaus nach Gubbio könnte nun unsere Route führen, aber es sind ja die kleinen Ziele der Borghi più belli die uns anziehen. Also bewegen wir uns von Bevagna in Umbrien auf Schlängelstraßen in Hügelhöhen durch Wald, Wiesen sowie Weinland eines Verdicchio nach Matelica in den Marken. Noch waren hier und dort Schäden des Erdbebens zu erkennen. Daran mag es liegen, dass uns von all der Kunst in den barock verunstalteten Kirchen das Bild mit einer „terremoto“-Darstellung in San Filippo am meisten beeindruckte – die Errettung des späteren Papstes Benedetto XIII, 1688, durchs Wunder von San Filippo Neri, Werk des Pier Leone Ghezzi, 1726. Sternesehenswürdigkeit ist das Kruzifix von Antonio da Fabriano, datiert 1452, im Museo Piersanti. Erstaunt waren wir aber eher vom Teatro Piermantini: im klassizistischen Stil, 1812 eingeweiht, gestaltet vom Architekten der Scala, Mehrspartenhaus (mit Foyer-Bar voller Verdicchio) einer Gemeinde von 10.000. Ob’s hilft dass der Gründer von ENI-Agip aus dem Ort stammt?

Bernardino di Betto detto il Pinturicchio, Madonna della pace in der Pinacoteca Comunale „P. Tacchi-Venturi“ in San Severino. © 2018, Foto: Christoph Merten

Großes Theater ebenso in San Severino Marche, klassizistisch, von Ireneo Aleandri, 1827. Er entwarf – an der elliptischen Platzanlage Piazza del Popolo, Zentrum der Unterstadt – auch den Campanile vom Palazzo del Governatori, eins der vielen Türme des Stadt, von denen der steil aus den Ruinen des Castello emporragende Torre Comunale ein weithin sichtbares Herrschaftszeichen setzt. Vorbei an Tor und Brunnen Fonte delle Sette Cannelle führt eine Straße in die von der Burganlage einst geschützte Oberstadt. Im Duomo Vechio gilt der Chor – Meisterwerk der Jahre 1483 bis 1513 – und die Überreste der spätgotischen Fresken von Jakobo und Lorenzo Salimbeni um 1400 als die Sternchensehenswürdigkeiten. Wobei die meisten ihrer Wand- sowie andere Gemälde nunmehr in der kommunalen Pinakothek zu bewundern sind, dem Palazzo Tachi-Venturi der Unterstadt. Als bedeutendstes Exponat der Sammlung zählt die Madonna della Pace von Renaissancemaler Pinturicchio. Kleiner Maler, da klein an Wuchs. Seine Friedensmadonna schaut andächtig auf das liebliche Christuskind, aber der ungläubige Laie lässt den Blick gerne von der Huldigungsszene schweifen hinauf nein nicht zu Gottvater ganz oben im Halbrund sondern ins Grün der Landschaft, zum genau gesehenen Blätterwerk der sich im Wind wiegenden Bäume. Womit wir hinausstreben aus schöner Städte Mauern in die Campagna und zu unserer Logis, lässig das Ambiente obgleich luxuriös im Stil.

Reisehinweise

I Borghi più belli d’Italia, Via Ippolito Nievo 61, I-00153 Roma, Tel. +39 06 45650688, Heimatseite im Weltnetz: www.borghipiubelliditalia.it, E-Mail: info@borghipiubelliditalia.it

Italienische Zentrale für Tourismus ENIT, Barckhausstraße 10, 60325 Frankfurt am Main, Telefon: 069 237434, Heimatseite im Weltnetz: www.enit.de, E-Mail: frankfurt@enit.it

Unser Hotel auf dem zweiten Teil der Tour: Borgo Lanciano, ein 5 Sterne Relais in der Campagna, mit Park und Pool, dem Ristorante I Due Angeli und dem Kimben Spa – beliebt auch als Hotelresort für Hochzeiten.

Adresse: I-62022 Castelraimondo Localita Lanciano, Heimatseite im Weltnetz: www.borgolanciano.it, E-Mail: info@borgolanciano.it, Telefon: +39 0737 642 844

Anmerkung: