Von San Severino Marche über Tolentino nach Urbisaglia – Serie: Zu Besuch bei Borghi più belli, schönste Orte Italiens (Teil 3/3)

Das Theater von Urbisaglia. Quelle: Wikimedia, CC BY-SA 4.0, Foto: Saro di Bartolo - Eigenes Werk

San Severino Marche, Tolentino, Urbisaglia, Italien (MaDeRe). Eine ‚Italienische Reise’ zu diesen schönsten Städtchen des Landes ist, dank gutem Plan und einer Portion Glück, parallel die Tour zu den besten, somit auch schön gelegenen, Landhotels mit Park und Pool – sowie genussreicher Gastronomie aus Küche und Keller. Es kann sein, besonders im Sommer, dass sie den Verlauf einer Route bestimmen wie hier in den Marken. Also einchecken in Cesolo und vorbei am Thermalbad Santa Lucia, platziert in einem Eichenhain, gen Tolentino. Tollkühn mag im Mittelalter der Zugang über den reißenden Fluss Chienti erschienen sein, da der Brückenbau der Ponte del Diavolo dem Teufel zugeschrieben wurde. Das schnelle Wasser trieb Mühlen an und den Gewerbefleiß, die Kommune war bekannt für Färbereien, Textilien, für Ziegeleien, Töpferwaren – und nicht zuletzt für Lederwaren.

Eine Sitzgelegenheit der Marke Frau. © 2018, Foto: Christoph Merten, BU: Stefan Pribnow

Das mag Nazzareno Gabrielli 1962 bewogen haben den Firmensitz wie die Produktion von „Poltrona Frau“ aus Torino nach Tolentino in den Marken zu verlegen, um die Marke im passenden Zuschnitt wieder am Weltmarkt für Ledersitzmöbel zu etablieren. Ihre Story plus Philosophie präsentiert das Modelabel vor Ort im modernen Museum. Ein Lichtschacht, „La Chiostrina“, ist bereits inszenierte Innenarchitektur für ein Icon, ins beste Licht gesetzt: Vanity Fair, weiß glänzendes Werk von Renzo Frau, 1930 gefertigt. Da hatte die in Turin ansässige Manufaktur schon erfolgreich erste Kapitel ihrer Designgeschichte geschrieben, mit den Modellen Chester, Bergère und mit 128. Der Sessel, „poltrona“, war 1919 der erste gepolsterte, ein Auftrag des Duca di Pistoia. Als starker Raucher legte er Wert auf den angefügten Aschenbecher – eine originelle Novität. 1926 wurde Poltrona Frau Hoflieferant des italienischen Königshauses, richtete Paläste zu Lande und zu See ein, wie „Rex“ die 1932 als Stolz der Marine vom Stapel lief.

Die Sitzmöbelfabrik erlangte bald internationale Geltung sowie wachsendes Ansehen für in hochwertiger Handarbeit hergestellte Produktpalette an Sofas und Sesseln, so  der Serie 904. Auf diese bequem abgefederten folgten in den 50ern rauere Zeiten. Das Unternehmen Frau und die Objekte a la Poltrona erhielten in den 70ern und 80ern wieder klare Konturen. in der Residential-Sparte ist das an Intervista, dem Fernsehsessel im auffälligen Design von Lella und Massimo Vignelli zu erkennen. Außer „Residential“ sind „Contract“ und „Interiors in Motion“ Produktionsbereiche, wobei in allen dreien eine illustre Schar von Designern zu Werke geht. Markenzeichen von Interiors ist die Polsterung des Lancia Thema 8:32 – inzwischen schneidert Frau sogar für Ferrari und Maserati. Contract hilft zum Beispiel bei der Ausstattung hoher Häuser wie dem Europarlament Straßburg. Ein Sessel in Nachtblau: Monsieur Pol, eingesetzt 1999 als „Thron für das neue Jahrtausend“.

Aus dem letzten Jahrtausend hat sich auch innerhalb der noch gut erhaltenen Stadtmauern manches Schmuckstück bewahrt. Durch das Brückentor geht es zur Basilika San Nicola in schlichter Gotik wie es einem Augustinerkloster gebührt aber mit majestätischem Portal 1433-35 von Nanni di Bartolo. Bruder Nikolaus werkelte von 1275 bis 1305 am Sanktuarium und bewirkte weiter Wunder. 1446 kanonisiert, wurde – wie es sich beim Heiligenkrimi gehört – sein Korpus öfters entwendet um 1926 endgültig zu erscheinen. Zwei Sterne wert sind die Fresken in der Großen Kapelle rechts nahe dem Kreuzgang. Ausgeführt von lokalen Künstlern unter Anleitung von Pietro da Rimini im Stil von Giotto zeigen sie im unteren Register Szenen aus dem Leben und Wunder des Heiligen. Wunderbare Kunst kucken können Kenner auch im Museo del-l’Opera del Santuario nebenan von der Kirche. Im Dom ein Stück weiter östlich tragen romanische Löwen römischen Sarkophage. Noch erstaunlicher ist die Geschichte des Friedens von Tolentino 1797 zwischen Napoleon und Papst Pius VI, anschaulich erzählt im Palazzo Parisani Bezzi in der Via della Pace 3. Bewundernswert geradezu die Etablierung des „Museums von Humor in der Kunst“, als Sammlung von Karikaturen 1970 gegründet, jetzt im Palazzo Sangallo beheimatet. Zur Biennale trifft man sich seit 1961.

Castello della Rancia. © 2018, Foto: Christoph Merten

Zum entscheidenden Waffengang trafen 1815 die Truppen von Joachim Murat noch König von Neapel und die der Österreicher beim Castello Della Rancia aufeinander. Die Schlacht gilt als erste des Risorgimento. Das trutzige Geviert gruppiert sich um einen Innenhof mit 25 Meter hohem Viereckturm und war seit 1355 sowohl für Wohn- wie Wehrzwecke eingerichtet, mit Zugbrücke und Zinnenkranz. Zuerst Getreidespeicher der Zisterzienser kam Rancia in den Besitz der Herzöge von Varano und fiel 1581 dank Papst Gregor XIII wieder an die Abbadia di Chiaravalle di Fiastra, unser nächstes Ziel eingebettet im Grün eines Naturreservats. Nur wenige Kilometer sind es von Ort zu Ort; oben vom nahen Hügel grüßt über Baumgipfel schon Macerata als ein Mekka der Musik. Mönche aus Clairvaux fanden 1142 hier am Fluss Fiastra das für sie passende Domizil.

© 2018, Foto: Christoph Merten

Aus 12 wurden 200, das Kloster war reich, mit Ländereien von Spoleto bis Rimini bis es 1422 von Braccia da Montone dem „unbezwingbaren“ Condottiere geplündert wurde. Die Abtei kam ab 1773 an die Familie Bandini, der südliche Trakt vom Komplex – um einen Kreuzgang gefügt – wurde ab 1859 zum Palazzo Nobile. Nun residiert deren „Fondatione“ in Fiastra, mit einigen Zisterziensern. Deren Baukunst ist in der Kirche sowie im Kapitelhaus und Refektorium abzulesen. Aber – die Kapitelle?

Das Theater von Urbisaglia. Quelle: Wikimedia, CC BY-SA 4.0, Foto: Saro di Bartolo – Eigenes Werk

Sind gut erhaltenes Abbruchmaterial der römischen Siedlung Urbs Salvia, Vorfahr des heutigen Urbisaglia. Das Ausgrabungsgelände mit Theater und Amphitheater und Kryptoportikus liegt offen da, eine heiße Sache nach der Kühle im Klosterareal. In Bälde streben wir ins nahe Borghi beschützt von dem Festungswerk der Rocca –  und lassen uns nach Lust und Laune ganz lecker auftischen in der „Locanda Le Logge“.

Reisehinweise:

Borghi Italia Tournetwork, Via Angelo Bargoni, 78, I-00153 Roma, Telefon: 0039 06 58334825, Heimatseite im Weltnetz: www.bitn.it, E-Mail: info@bitn.it

Italienische Zentrale für Tourismus ENIT, Barckhausstraße 10, 60325 Frankfurt am Main, Telefon: 069 237434, Heimatseite im Weltnetz: www.enit.de, E-Mail: frankfurt@enit.it

Unser Hotel auf dem dritten Teil der Tour: La Villa Teloni, Loc. Cesolo, San Severino Marche, www.lavillateloni.it

Anmerkungen: