Urige Tage bei Schafszüchtern und Strandräubern auf Texel: von De Waddel nach De Waal

Der Leuchtturm von Eierland auf Texel. Quelle: Pixabay, Foto: Evgeni Tcherkasski

Texel, Königreich Niederlande (MaDeRe). So viele Schafe wie Menschen leben auf Texel lautet die Legende, jeweils etwa 14.000: bestätigt die Statistik. Im Frühling kommen einige Tausend Lämmer dazu und im Sommer meist mehr als ein paar Tausend Touristen. Die putzigen Tiere sind herangezüchtete Fleischlieferanten. Fast alle; aber einst wurden sie eher wegen der Milch für jenen begehrten Schafskäse gehalten, welchen Ludovico Guiccardini 1567, des Lobes voll pries er sei „unvergleichlich und sogar delikater als Parmesan“. Mehr geht nicht, für einen Italiener.

Ein Blick auf Texel und den Leuchtturm von Eierland. Quelle: Pixabay, Foto: Evgeni Tcherkasski

Annette van Ruitenburg kennt die Geschichte und die Geschichten vom „De Smaak van Texel“. Im Stall vom Bauernhof „De Waddel“ unter Aufsicht neugieriger Schafe kommt man auf den Geschmack. Das Gehöft gruppiert sich um einen stolp, dem charakteristischen Bauernhaus der Insel mit pyramidenförmigem Dach – stolz trägt dieses 1625 als Geburtsjahr zur Schau. Eine Herde von 500 ooien, deutsch Mutterschafe, tummeln sich im Gelände. Aus der Milch von 150 entsteht goldgelber, grasgrüner Schapenkaas. Köstlich zu verkosten an der in Delfter blau-weiß gedeckten Tafel im Anblick der Produzenten. Annette kann nett erzählen; die präsentierten Spezialitäten sind in ihrem anregenden Werk über authentische regionale Genusserlebnisse anschaulich dargestellt. Lamm, sagt der Texeler, ist schmutzig – Vieh mit Wolle, dass isst man nicht. Meeuwenstruif ist das einzige echte Gericht, es wurde im späten 18. Jahrhundert auf der Halbinsel Eyerland zubereitet und galt als Delikatesse. Ein Omelett mit Möweneiern, dem Gold der Gegend. 30.000 wurden jährlich nach Amsterdam geliefert. Eierland war erst teil von Vlieland, lange eigenständig, mit Drang gen Süden, dann 1835 eingepoldert: eine bewegte Story. Vom Leuchtturm – 153 Stufen – Blick über Meer und Watt und Inseln.

Im Schafstall von De Waddel auf Texel wird lecker aufgetischt. © 2019, Foto/BU: Christoph Merten

Die Köstlichkeiten aus dem kulinarischen Kompendium munden ohne Ende. Iss was iss wads – wer Alge sagt, muss hier Zeekraal sagen, Queller oder Seespargel aus dem Watt ist wahrer Genuss. Und „Grünkohleintopf mit Grütze auf Groninger Art“ ein Gedicht. Zum Abschluss: Zakkoek. Sackkuchen, wobei der Mehlklumpen in einem Tuch gekocht wird. Stimmt, gibt’s in verschiedener Form auf den Inseln im Nationalpark Wattenmeer bis Sylt: Sakkaak und Fano: Sakkuk. Eine, nicht zu süße, veredelte Resteverwertung, mit Apfelstücken und Rosinen. Nun aber noch zur großen Käseschau. Regale voller riesiger runder Laibe, versehen mit dem Signet TX und Anker, plus einer Nummer. Wieder probieren – der Gaumen wandern lassen im Seewind auf Salzwiesen. Piet und Hanna Baker sind als schapenkaasmakers Mitglied bei Slow Food. Von Mai bis Oktober ist gut melken. Lamsvlees, Fleisch kein Vlies ist ebenfalls im Angebot. Wobei, Wolle bewirkt wahre Woolness-Wunder auf Texel. Ehemals füllte man weiches Weiß statt warmes Wasser in bäuerlichen Holzzuber, jetzt werden Wraps aus gereinigter Wolle um den Körper gewickelt. Langsam wird’s wohlig warm, will man nicht mehr raus, entsteigt endlich mit samtiger Haut dank dem im Wirkstoff enthaltenen Lanolin-Fett dem Bad.

Dat smaakt! – „Gemüseernte“ aus dem Wattenmeer. © 2019, Foto/BU: Christoph Merten

De Waddel steht nur ein paar hundert Meter von der Waddenzee südlich der Inselhauptstadt Den Burg und unterhalb von De Hoge Berg, ein 1500er – gemessen in Zentimetern. 2 km östlich liegt Oudeschild, der traditionelle Hafenort – die Fähren vom Festland legen im Süden der Insel an – und ein beliebtes Touristenziel auf Texel, schon wegen der Ausflüge mit dem Krabbenkutter. Mehr Gaudi als Genuss ist das Pulen von dem gefangenen Getier. Das Wattenmeer vor Oudenschild, geschützt von dem „Gibraltar des Nordens“, der Festung Den Helder am Festland und dem Inselfort De Schans war die Reede von Texel zu Zeiten der VOC. Noch heute haben die drei Buchstaben für Holländer einen magischen Klang – die Vereinigte Ostindien Kompanie war im 17. Und 18. Jh. der Stolz der niederländischen Handelsmarine. Eine große Maquette im Museum Kaap Skil zeigt sehr anschaulich das Geschehen und die Geschichte vom bedeutenden Ankerplatz. Das Museumsareal ist vielgestaltig angelegt und birgt zahlreiche interessante Stücke: VOC-Exponate mit Trouvaillen wie die Gemüse- und Kräuterkiste als „Garten an Bord“, Unterwasserarchäologie mit Schätzen vom Meeresgrund wie Textilschmuck vom „Palmholzwrack“. Draußen eine Windmühle von 1727 in Funktion, eine Straße: Leben wie vor 100 Jahren. Dazu Ausstellungen zum Deichbau und „Von Alge zu Ware“ – was das Watt künstlerisch hergibt.

Fundstück aus der Schatztruhe eines Strandräubers. © 2019, Foto/BU: Christoph Merten

Zu guter Letzt die Schatztruhe der Jutter wie Strandräuber, jetzt eher Strandgutsammler, genannt werden. Eine bis zur Decke auf allen Seiten und in jeder Ecke mit Utensilien unterschiedlichster Formen, Farben und sogar noch Inhalten proppenvoll gefüllte Halle. Ja, und wer sich hier nicht genug sattsehen kann: Nördlich von Den Burg auf dem Weg zum Weststrand wartet „das größte Strandräubermuseum der Welt“. Das Reich des Jan Uitgeest von Flora haben Andre Eelman und Judith van der Zee übernommen, die beide schon von klein auf mit Vatter und Mutter jutten zum Klauben schritten. Gut wohnen bei Juttern geht nahe Den Burg bei Belinda und Maarten im Hotel de Waal inmitten vom adretten Bauerndorf. Maarten Brugge bringt seine Exkursionen gern am Abend anschaulich zu Gehör indem er die eigenartigsten Funde vorweist – garniert mit humorigen und spannenden Geschichten. Die Pranke mit den sechs Krallen… Originelles auch in den kamers. Beide Seiten von Texel lohnen das Herumschweifen: die Dünen und der kilometerlange breite Strand zur Nordsee und das Watt. Vom Eierland-Polder kann man in die Lüfte gehen und die Insel vom Flieger aus erkunden bevor am Boden fietsen kein flitzen die Runde macht. Radfahren verläuft hier gemächlich. Und wer wegen dem Flug ein schlechtes Gewissen hat: einkehren bei Nieuw Leven Texel nahe Den Burg. Ökologischer ist nicht.

Anmerkung:

Die Recherche wurde unterstützt von Visit Wadden.