Silber, leichte Mädchen und viel Landschaft – Unterwegs im Norden von Idaho

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Aufsatteln in der Red Horse Mountain Ranch (am 18.8.2008). © 2020, Foto/BU: Rainer Hamberger

Wallace, Coeur d’Alene und Sandpoint, Idaho, VSA (MaDeRe). Der Lärm ist ohrenbetäubend. Ein Pressluftbohrer zerteilt das Gestein, nur für ein paar Sekunden. Dann ist es wieder still. Die Demonstration war eindrucksvoll. Es ist nicht viel Fantasie nötig, um sich den Alltag eines Bergmannes in der Silbermine vorzustellen. Acht oder mehr Stunden diesem Krach ausgesetzt, dazu ständig Staub, der bei jeder Bohrung frei wird. John führt uns durch die unterirdischen Stollen und erzählt von der Silbergewinnung im letzten Jahrhundert und in der Gegenwart. Heute unterstützen elektrische Geräte die schwere Arbeit. Schweißtreibend ist sie trotz allem, denn hier unten herrschen Temperaturen von etwa 40 Grad Celsius.

Die historische Minenstadt Wallace, mit ca. 1000 Bewohnern, liegt im Norden Idahos. Seit 1884 wird hier und aus den umliegenden Bergwerken Silber gewonnen. Auch heute noch spielt das wertvolle Edelmetall eine wichtige Rolle in dieser Gegend. Alte Häuser prägen den Ortskern, liebevoll renoviert sind sie alle vom Denkmalschutz registriert und beherbergen Geschäfte, die sich an den Bedürfnissen in dieser Region orientieren. Gucci und Lacoste sucht man vergebens. Dafür gibt es eine gute Auswahl an Jagdgewehren und allem, was dazu gehört: Tarnanzüge, Campinggeschirr und Spezialnahrung, die sich schnell und problemlos zubereiten lässt. Die alten Holzwände der verwinkelten Läden sind geschmückt mit Trophäen: Bären- und Elchköpfe, aus Wapitistangen gefertigte Deckenleuchter, ausgestopfte Gänse. Hinter den Verkaufstheken sitzen richtige Männer. Kariertes Hemd obligatorisch, 3-Jahres-Bart und an ihren Frisuren wurde auch kein Frisör reich. Geduldig geben sie den Touristen Auskunft, lockere Sprüche gehören hier genauso zum Geschäft, wie die Munition zu den zahlreichen Gewehren.

Die Damen hatten wohl einen hastigen Aufbruch, als sie im Januar 1988 die Räume des Oasis verließen. Kleider, Make-Up, Lebensmittel, selbst persönliche Gegenstände befanden sich noch in dem als Bordell fungierenden Hotel. Damit war der Grundstock für das Bordell-Museum gegeben, das den Gästen bei einer 20-minütigen Tour Einblick in das Nachtleben der damaligen Zeit gibt. Erstaunlich mit welchen Mitteln die Damen versuchten ihre Oberweite zu vergrößern. Ob die Saugnäpfe, mit denen bei uns verstopfte Abflussrohre freigemacht werden die gewünschte Wirkung zeigten, mag man bezweifeln. Die harten Lebensumstände der Bergleute in Betracht ziehend ist es verständlich, dass sie in ihrer Freizeit nach Abwechslung dürsteten. Zumal auf 200 Männer nur eine Frau kam! Das zweistöckige Ziegelgebäude begann 1895 als Hotel und Saloon. Es gehörte zu den wenigen Häusern, die das zerstörerische Feuer 1910 überlebten.

Idaho grenzt an seiner schmalsten Seite im Norden, dem so genannten Pfannenstiel, mit fruchtbarem Farmland an die Grenzen von Britisch Kolumbia in Kanada; westlich an Washington und Oregon, östlich an Montana und Wyoming, im Süden an die Wüstenstaaten Nevada und Utah. Von der 216.446 km ² großen Staatsfläche sind rund 50 % mit Wald bedeckt. Die Landschaft ist bergig mit unberührten Gegenden. Durch das gesamte Land ziehen sich die Rocky Mountains mit ihren schroffen Bergspitzen. Bodenschätze sind in großen Mengen vorhanden.

Vom Tourismus noch nicht überbeansprucht hat dieser Staat doch allerhand Sehenswertes zu bieten. Das Wasser des Snake River grub die beeindruckende Schlucht des Hell ´s Canyon aus den Wallowa Mountains, die tiefer als der Grand Canyon ist. Die Shoshone Falls stürzen aus einer wesentlich größeren Höhe als die Niagarafälle. Der höchste Punkt in Idaho ist Borah Peak im Custer County und befindet sich in 3.859 Meter Höhe.

Neben dem Snake River, sind noch der Clearwater River und der Salmon River nennenswerte Flüsse. Die Hauptstadt ist Boise mit nahezu 200.000 Einwohnern. Idaho wird auch als Gem State (Edelstein-Staat) bezeichnet. Der Name des Staates stammt angeblich vom indianischen Wort „Ee-dah-how“ der Shoshone, was sinngemäß etwa „Licht auf den Bergen“ bedeutet.

Hell´s Canyon – Auf den Wellen durch die Schlucht des Teufels

Die Wolken haben sich noch nicht verzogen. Hin und wieder tröpfelt es. Doch dann heißt es: “Alle Mann an Bord“. Der Motor kommt röhrend auf Touren, der Bug richtet sich hoch auf, bis die normale Betriebsgeschwindigkeit erreicht ist. Unterwegs mit Amerikanern

gibt es immer viel zu lachen. Schnell hat man sich mit dem Vornamen bekannt gemacht und tauscht seine Reiseerfahrungen aus. Durch die tiefste Schlucht Nordamerikas sind wir zum ersten Mal unterwegs. Die vom Snake River über Millionen von Jahren in die Wallowa Mountains geformte Schlucht mit einer Tiefe von 2.438 Metern überbietet sogar den Grand Canyon. Selbst im Jetboat geht es gemütlich den Fluss entlang. Die Strecke ist geschichtsträchtig. Schon vor langer Zeit ließen sich Indianer hier nieder. Felszeichnungen geben Hinweis auf die frühe Besiedelung. Heute gibt es nur wenige Farmen, die in der kargen Landschaft ihren Lebensunterhalt verdienen. Der Fluss verläuft zwischen Oregon und Idaho, was jedoch zu keinen Problemen bei Grenzüberschreitungen führt.

Vom tiefblauen Himmel strahlt die Sonne auf das teilweise braun-rot leuchtende Gestein. An manchen Stellen sind vulkanische Basaltkegel erkennbar. Auch Bergziegen genießen die einsame Gegend. Ohne sich von den Booten stören zu lassen, trinken sie geruhsam aus dem Fluss. Immer öfter treffen wir auf Stromschnellen. Kein Problem mit dem starken Motor. Abenteuerlicher geht es dann schon bei den Schlauchbooten zu. Die gelben Kodiaks dreht es manchmal in den Wirbeln, bis der Strom sie wieder frei gibt. An der engsten Stelle sind von den sich steil in den Himmel reckenden Felswänden die Gipfel nicht mehr zu sehen. Am Wendepunkt wird gepicknickt. Ein kleines Museum gibt Zeugnis von dem harten Alltag der frühen Siedler, vor allem während der schneereichen Wintermonate.

Coeur d’Alene und Sandpoint – bunte Städte an interessanten Ufern

Polizisten stellen Sperren auf, in der Mainstreet ist kein Durchkommen mehr. Freundlich werden die Autofahrer auf Umleitungen verwiesen. Dabei schlendern die Menschen gelassen über die Gehsteige. Kein Raubüberfall, kein entsprungener Häftling, nur vereinzelt Gebell von auffallend geschmückten Hunden, die jetzt überall auftauchen. „Dog-Parade“ – Hundeparade, fast möchte man sagen: typisch amerikanisch. Inzwischen füllt sich die Mainstreet mit Ständen, an denen alles für den Hund verkauft wird, vom Krallenlack bis zum mit Silberarbeiten belegten Halsband. Doch nicht nur Schoßhündchen sind vertreten. Darüber hinaus gibt die Rettungshundestaffel Auskunft, wie aus einem ungeschulten Hund ein Rettungshund wird. Coeur d’Alene ist Touristenzentrum am gleichnamigen See, wo ein abwechslungsreiches Kulturleben gepflegt wird, das seinen Höhepunkt im Sommertheater hat, das alljährlich mit einer besonderen Aufführung und außergewöhnlichen Künstlern mit Hunderten von Gästen den Theatersaal füllt. Der See ist im Sommer ein Eldorado für jedwede Art von Wassersport.

Nur eine Stunde weiter nördlich sind wir wieder an einem romantischen Ufer. Obwohl Sandpoint zu den kleineren Städten in Nord-Idaho gehört, trifft der Besucher auf ein äußerst reges Stadtleben. Idyllisch am Pend Oreille See gelegen, hat es viele betuchte Amerikaner in diese Gegend gezogen. Elegante Villen reihen sich am Ufer entlang. Dazwischen finden sich aber auch wunderschöne alte Holzhäuser mit verspielten Balkonen und einladenden Treppenaufgängen. In Boutiquen wird nicht nur die neueste Mode angeboten, sondern auch kreativ gestaltete Inneneinrichtungen. Oftmals werden Materialien aus der Natur verarbeitet, die in den zahlreichen Zweitwohnsitzen in den Bergen oder am See ihren Platz finden.

Glück – auf dem Rücken der Pferde oder auf dem Tanzboden

„Take one“, fordert mich John, unser Guide auf der Red Horse Mountain Ranch, auf. Mit einem werde ich wohl nicht weit kommen. Etwas ratlos stehe ich vor der Galerie mit Reitstiefeln. Tatsächlich befindet sich zwischen all den Paaren für gestandene Cowboys auch ein Paar in meiner Größe: Das Leder ist abgeschabt und wunderbar weich. Sie sitzen, wie ein Paar Hausschuhe. Im tack-room, wo all die Sättel aufbewahrt werden, findet sich dann auch noch der passende Hut. Chocolate heißt das Pferd, das mich durch die Wildnis führen soll. Schokoladenfarbig ist auch das frisch gestriegelte Fell, mit schwarzer Mähne und schwarzem Schweif. Ein vorsichtiges Streicheln über die weichen Nüstern und die mitgebrachten Apfelstückchen unterstützen das gegenseitige Kennen lernen. John kontrolliert bei jedem Reiter, ob der Gurt straff sitzt und die Riemen der Steigbügel die richtige Länge haben. Er ist kein Mann vieler Worte, sein Leben scheint sich nur um Pferde zu drehen.

Die kleine Gruppe setzt sich in Bewegung durch die Wälder östlich des Coeur d’Alene Lake. An diesem warmen Morgen ist jeder dankbar für den Schatten spendenden Wald. Geruhsam geht es hinauf auf die Höhe. Der wiegende Gang und die Wärme wirken fast einschläfernd. Doch plötzlich knackt es im Gebüsch. Hier sucht jemand das Weite, der es sich zuvor an den Beerensträuchern hat gut gehen lassen. Ein Bär flüchtet durch das Dickicht und ist auch bald von dem dichten Blattwerk verschluckt. Wahrscheinlich war er genauso erschrocken wie wir. Ein paar Meter weiter stoßen wir auf bärige Verdauung mit unverdauten Beeren. Selten wird man mit einem Bären beim Wandern oder Reiten konfrontiert. Meist ist man laut genug, dazu stinken die Menschen unerträglich, sodass der Bär schnell den Rückzug antritt. Gefährlich wird es nur, wenn man zwischen eine Bärenmutter und ihre Jungen kommt. Dann ist umsichtiges Handeln angesagt.

An einem idyllisch gelegenen See wird Pause eingelegt. Es tut gut die steif gewordenen Glieder zu strecken. Gierig trinken die Pferde, bevor es wieder zurück geht.

Laut tönt Musik aus der Scheune. Heute Abend ist Square Dance angesagt. Eine ernste Angelegenheit. Einer oder Eine gibt den Ton an, während die Anderen, die oft komplizierten Figuren ausführen. Dabei werden ständig die Partner gewechselt. Auch wir Ungeübten haben damit gewisse Probleme. John, der wortkarge Begleiter der Reittour, wirbelt nur so über den Holzboden. Schwungvoll dreht er sich und seine Mittänzerin zu den Takten der Cowboy-Songs. Es sieht so aus, also ob es für ihn doch noch ein Leben jenseits des Pferde-Korals gibt.

Morgen früh ist er wieder zeitig draußen, um nach seinen Schützlingen zu schauen.

Anmerkungen:

Siehe auch den Artikel „Sandpoint liegt liebenswert zwischen Bergen und Buchten – Unterwegs im Norden Idahos in West-USA“ von Monika Hamberger.

Vorstehender Artikel von Monika Hamberger wurde unter dem Titel „Silber, leichte Mädchen und viel Landschaft – Unterwegs im Norden Idahos“ am 13.5.2009 im WELTEXPRESS erstveröffentlicht.