Chicago, mehr als Wolkenkratzer und Al Capone

Eine Ansicht von Chicago. Quelle: Pixabay, Foto: Joe Jensen

Chicago, USA (MaDeRe). Wie beinahe überall in Nordamerika hat es damit begonnen, dass Pelzhändler Transportwege für ihre Ware suchten. 1779 gründete Jean Baptiste Point du Sable eine kleine Siedlung an der Mündung des Chicago Rivers. Man verkaufte Grundstücke, aus deren Erlös ein Kanal gebaut wurde, der die Ansiedlung mit dem Mississippi verband.

Das schabende Geräusch an der Fensterscheibe läßt mich aufhorchen. Von meinem Bett im 42. Stockwerk des Hotels, im Zentrum von Chicago blicke ich zu den Panoramafenstern. Es ist kurz nach 8 Uhr morgens. Was sich hinter den halb zugezogenen Vorhängen außerhalb des Glases abspielt, vertreibt den letzten Rest meiner Schlaftrunkenheit: In einem Stahlkorb stehen zwei Männer und reinigen mit Spezialschrubber die Fenster. Für die Kamera ist es zu spät. Der Spuk ist bereits unterwegs ins nächste Stockwerk.

Nach dem ausgiebigen Regen am Vorabend hat sich der Himmel gelichtet. Unter uns fließt gleichmäßig der Verkehr: Spielzeugautos in allen Farben, besonders auffallend die gelben Taxis. Sogar das wuchtige Feuerwehrfahrzeug, das mit Blaulicht unterwegs ist, sieht von hier oben gar nicht mehr so beeindruckend aus.

Wo fängt man bei Chicago an, einer Stadt der Superlative: bei der Architektur, beim Shopping, beim Blues, bei den zahllosen Möglichkeiten seinen Hunger zu stillen, bei den Skulpturen, die über Parks und die Innenstadt verteilt sind oder bei den Museen!

Die indianische Bedeutung des Begriffes Chicago wird ungefähr mit den Worten kräftig oder großartig umschrieben. Diese Attribute gelten auch heute noch für die Stadt. Waren es 1848 erst 20 000 Bewohner, so vervielfachte sich die Einwohnerzahl bis zur Jahrhundertwende auf 1,6 Millionen.

Im Jahr 1871 löste auf der Farm Patrick O ´Leary die Ungeschicklichkeit einer Kuh, welche eine alte Petroleumlampe umstieß, die größte Brandkatastrofe Chicagos aus. Zuerst brannte der Stall, dann die ganze Stadt. Über Nacht waren 90.000 Chicagoer obdachlos, 300 Menschen verloren ihr Leben. Innerhalb von drei Tagen wurde Besitz im Wert von 200 Millionen Dollar zerstört. Dies war der Neubeginn einer wohl einmaligen Entwicklung. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde eine Stadt mit Grünflächen in weitläufigen Parks, einer bebauten Uferpromenade am Lake Michigan, mit Museen und mit gigantischen Hochhäusern geplant und nach und nach verwirklicht. Vom Image der alten Erdkundebücher, in denen Chicago hauptsächlich mit riesigen Schlachthäusern in Zusammenhang gebracht wurde, entwickelte sich die Stadt zu einer Weltmetropole.

Gleichmäßig tuckert der Motor, mit etwas leiser, aber eindrucksvoller Stimme erklärt die Reiseleiterin den Zuhörern die einzelnen Gebäude am Ufer. Eine Fahrt auf dem kanalisierten Chicago River bietet die beste Möglichkeit sich die Vielzahl der Wolkenkratzer von unten zu betrachten. Auch aus dem Doppeldeckerbus verschafft man sich einen guten Überblick. Tatsächlich hat man nicht an Material und Phantasie gespart, um die Giganten gen Himmel streben zu lassen. William Le Baron Jenney schuf 1890 das erste Hochhaus im sogenannten Skelettbau mit Stahlträgern. Heute ist der Sears Tower mit 443 Metern und 110 Stockwerken das höchste Gebäude der USA.

Recht verspielt dagegen wirkt das Wrigley-Building, das der Kaugummikönig 1918 erbauen ließ. „Zuckerbäckerhaus“ wird es auch genannt, der vielen Ornamente wegen. Eine Stadt en miniature, a city within a city, war der Grundgedanke des Architekten Bertrand Goldberg, der die maiskolbenähnlichen Gebäude von Marina City ins Leben rief. Wohl auch von dem Bauhaus Gedanken inspiriert, dass der Mensch in nicht rechteckig geformten Räumen mehr Wohlgefühl entwickele, plazierte er Wohnungen, Büros, Restaurants, Parkhäuser und Bootsanlegestellen in seinen runden Wohntürmen. Eindrucksvoll, nicht wegen der Höhe sondern wegen seiner Weiträumigkeit mit 1800 Ausstellungsräumen, ist der Merchandise Mart, ein Möbel- und Bau-Supermarkt, Besitztum der Kennedy-Familie, 1929 erbaut, zu seiner Zeit das größte Gebäude der Welt. Heute wird es an Volumen nur noch vom Pentagon übertroffen.

Mitten in Chicago. Quelle Source Pixabay Foto 350543

Kunst im Freien

Bequeme Schuhe sollte man schon anziehen, wenn man sich auf den Weg macht, den „Loop“ zu erkunden. Als Schleife wird das Finanz- und Geschäftszentrum Chicagos bezeichnet, wo auf öffentlichen Plätzen 60 Werke berühmter Künstler ausgestellt sind. Schneller und weniger anstrengend geht es im Loop Tour Train, der eine 40 Minuten dauernde Rundfahrt anbietet. Bekannte Namen begegnen uns. Besonders beeindruckend der Monolith beschichtet mit vielerlei Materialien von Marc Chagall, der die vier Jahreszeiten darstellt; sinnbildlich sind damit Stationen im Leben eines Menschen, in verschiedenen Altersstufen gemeint. Aus gemeißelten Steinen und Glasstücken entstand ein Mosaik in sanften Farben und den Lieblingsmotiven seiner Zeichnungen: Vögel, Fische, Blumen und Liebespaare. Anlass zu kontroversen Auseinandersetzungen gab die titellose Skulptur des spanischen Künstlers Pablo Picasso. Das abstrakte Design verwirrt. Bei der von einer Rostpatina überzogenen Stahlkonstruktion fällt es schwer, den stilisierten Kopf einer Frau zu erkennen. Heute hat die Skulptur den gleichen Stellenwert wie der Eifelturm in Paris. Die Kunstwerke stehen nicht leblos in einer Ecke, wie dies oft in Museen der Fall ist, sie werden belebt von den sie umgebenden Menschen. Echte Kinder schlagen Purzelbäume über die starren Arme ihrer Artgenossen aus Bronze. Kunst begegnet man hier auf Schritt und Tritt, auf dem Weg zur Arbeit oder beim Stadtbummel.

Der Doppeldecker-Bus ist im dichten Verkehrsgewühl stecken geblieben. Was für die Nachhauseeilenden ein Ärgernis ist, bedeutet für uns ein paar Minuten, in denen wir die Umgebung in Ruhe auf uns wirken lassen können. Wir stehen vor dem Buckingham Fountain, einem der weltweit größten Brunnen. Vor den Wasser speienden Fontänen, unter stahlblauem Himmel, umgeben von Brautjungfern in bonbonfarbenen wallenden Kleidern, lächelt ein Brautpaar in die Kamera.

Winterliches Chicago. Quelle: Pixabay, Foto: Bhargava Marripati

Konflikte und Kontraste

Bleiben wir noch ein bißchen bei den Superlativen: Diese Stadt mit ihren über drei Millionen Einwohnern im Staate Illinois besitzt das größte Aquarium, das sich im geschlossenen Raum befindet, den größten Freiluftzoo im Lincoln-Park, die höchste Bevölkerungszahl an Polen, außerhalb von Warschau, die beste Pizza „Chicago-style“, außerdem ist sie die Heimat der Restaurantkette McDonald ´s, die Aufzählung ließe sich fast endlos fortsetzen. Erwähnenswert ist noch die 1942 statt gefundene erste kontrollierte atomare Kettenreaktion. Aber auch auf politischer Ebene gab es zu Beginn des 20. Jahrhunderts einige Kuriositäten. Der Zustrom von Einwanderern aus allen Herren Länder und der wachsende wirtschaftliche Druck führten zu sozialen Auseinandersetzungen. Ein Gangsterunwesen in bislang nicht gekanntem Ausmaß entstand. Einer der bekanntesten Vertreter, der sich während der Prohibitionszeit um 1920 einen Namen machte, war Al Capone. Er ist wohl der berühmteste Gangster Amerikas, der sich gegen Gesetz und Ordnung auflehnte und dazu beitrug, dass Chicago den Ruf einer gesetzlosen Stadt erhielt.

Um einen Besuch der Magnificent Mile kommt keiner herum. Hier läßt man sich sehen und wird gesehen, wenn man lässig, mit seiner Marschal Fields–Tüte in der Hand, Geschäft um Geschäft, Etage um Etage durchstreift und sich von Nike, Ralph Lauren, Gap oder Banana Republic, nur eine Auswahl der weltberühmten Markennamen, umgarnen läßt. Shop til you drop scheint inzwischen zu einem Phänomen unserer Gesellschaft geworden zu sein.

Das bekannte Four Seasons Hotel der Weltstadt liegt sogar über einem Einkaufszentrum und reicht in schwindelnde Höhe. Es gilt als Domizil für Stars aus der Musikszene, aus Sport oder Film. Einige wohnen sogar inkognito über längere Zeiträume in den luxuriösen Suiten mit atemberaubendem Blick auf die Michigan-Avenue und Innenstadt.

Wer es gerne sportlich mag, gleitet auf Inlinern oder auf einem Bike die Uferpromenade des Lake Michigan entlang. Ein breiter Streifen mit feinstem Sand lädt zum Baden und Sonnen ein. Dunkel gebräunte, gut gebaute Lebensretter, wachen über das Wohlergehen der Erholungssuchenden. Keine 200 Meter davon entfernt rauscht auf 8-spurigen Autobahnen der Verkehr vorbei.

Ein Blick in die Zelle von Al Capone im Chicagoer Gefängnis Eastern State Penitentiary. Quelle: Pixabay, Foto: Booth Kates

Jazz und Countrymusic

Beim Durchblättern des Abendprogramms erwachen unsere Lebensgeister wieder. Alles in dieser Stadt ist überdimensional. Verbissen kämpfen wir uns durch die Anzeigen klassischer Konzerte, Theatervorstellungen und Kabarets bis hin zu den legendären Blues-Lokalen. Die Entscheidung ist gefallen. Wir machen uns zu Fuß auf den Weg. Es scheint, als hätte das Leben in den Straßen zu später Stunde noch zugenommen. Vor dem House of Blues empfängt uns eine Schlange geduldig wartender Menschen. Sommerlich gekleidet, die Bierflasche in der Hand, werden laute Scherzworte untereinander ausgetauscht. Es dauert geraume Zeit, bis man glücklicher Inhaber einer Eintrittskarte ist. Das Haus selbst, bestehend aus Restaurant, Andenkenladen mit kleinem Museum und einer Musikhalle, erinnert mit seiner Ausstattung an die guten Zeiten Elvis Presleys, gemischt mit Country-Sentimentalität. Nachgeformte Plastiken der Köpfe alter Klassiker dieses Musikstiles sind in der Decke verewigt. Zur Einstimmung dröhnt die Musikanlage. Langsam bauen die Künstler ihre Musikanlage auf. In der oberen Halle dagegen ist die Vorstellung schon voll im Gange, die Zuschauer voll in Fahrt. Die gute Stimmung hat bereits ihren Höhepunkt erreicht. Schweißtriefend geben die Musiker auf der Bühne ihr Bestes. Das Publikum ist eins mit den Noten, die mal schmachtend, mal rockig laut, die Menschen in ihren Bann ziehen. Auf der Treppe begegnet uns ein Bulle von einem Kerl. Ein Blick auf seine Oberarme signalisiert uns gleich, welche Aufgabe er hier als „Bouncer“ erfüllt. Wir gehen freiwillig durch das nächtliche Chicago zurück ins Hotel. Ja, auch das ist möglich, aber sicherlich nur in manchen Bezirken. Wie jede Großstadt hat auch diese Traumstadt ihre Schattenseiten.

Ich liege im Bett, und mein Kopf schwirrt von all den Eindrücken. Eine Melodie geht mir nicht aus dem Sinn: Rhythm of my heart, ursprünglich von Rod Steward. Der Star persönlich stand doch heute neben mir am Empfangsschalter in der Hotelhalle, natürlich incognito. In dieser Stadt ist eben allerhand möglich.