Bestes Stück: bis Barca, und zurück – Serie: Auf dem „Douro Cruiser“ von Nicko Cruises den Portwein-Fluss entlang, hier und da ein Landgang (Teil 3/3)

Weinberge am Douro. Quelle: Pixabay, Foto: monica749

Barca d’Alva, Pinhao, Porto, Portugal (MaDeRe). Das letzte Stück vom Kuchen ist bekanntlich das beste – demnach auch vom Douro. Zumindest bei einer Flusskreuzfahrt – denn mit kleinerem Gefährt mag eine Tour durch benachbarte Naturparks beider Staaten jenseits Barca d’Alva zu Wasser sowie zu Land das Erlebnis per se sein. Bis Barca ist der Portwein-Fluss schiffbar und ab da keiner mehr. Grenzübergang zu Spanien; dort wird aus dem Douro auch der Duero, mit eigenem DOP für Rotweine der Region rund um Ribera – weit weg. Ganz nah dagegen rücken um Pinhao von wo der „Douro Cruiser“ mittags ablegte die „Portweine“ nun ran, Steuerbord wie Backbord. Das ist das gute an der Schiffsreise aus Berg- und Talfahrt: Uferschönheiten die man wegen Drinks an der Bar oder beim plantschen im Pool flussaufwärts verpasst sind in umgekehrter Richtung ebenso in voller Schönheit zu erblicken.

Wie Gina, einst letzter Schrei: aber im Gegensatz zur Lollobrigida haben sich die Weinlager aus Beton, im Volksmund so bezeichnet wegen ihrer Busenform, im Alter nicht bestens gehalten.

Die Linha do Douro quert den Fluss auf der Ponte da Ferradosa. © 2020, Foto/BU: Christoph Merten

Wohl aber manche der langgezogenen Eisenkonstruktionen die den Strom spannen. Oder die Bahnhöfe der Linha do Douro, mal Spielzeugschachtel aber oft Empfangsgebäude der Kleinstadt oder des Landstrichs in dem sie diente, nun streckenweise verlassen und wie verloren im Gelände aussortiert, gelegentlich jedoch zum bewahrten Bestand einer Quinta gehörig. Bestens auszumachen von der Kellerei bis zur Kirche im, Nomen est Omen, Ort Vesúvio.

Zugegeben, die Weintrauben sind nur gefühlt mit den Händen zu greifen. An jeder leichten Biegung des Flusses steuert der Kapitän wieder geradewegs auf sie zu, diese Lagen mit all den berühmten Namen, die sich mit Zirkelschlag und Lineal unterteilt Rebenlinie um Rebenlinie die Hänge der Hügel hinauf erstrecken. Am Ufer locken die Aufschriften vieler Produzenten zum Anker werfen und anlanden aber bei 40 plus ist nicht gut degustieren. Eines Abends wird aber an Bord ein Vintage auf traditionelle Weise – „geöffnet“ wäre für diese zelebrierte Prozedur ein Understatement.

Eine Quinta, ein Portweinproduzent am terrassierten Rebenhang. © 2020, Foto/BU: Christoph Merten

Alto Douro ist nicht nur ein DOP-Gebiet für Wein und Port, es ist auch ein UNESCO-Weltkulturerbe. Es umfasst weniger Fläche als die privilegierte Region der Reben, reicht im Oberlauf vom Fluss nur bis Pocinho. Die Kulturlandschaft wird unter Schutz gestellt, ist somit als besonders erhaltenswert zu bewahren obwohl das Landschaftsbild auf Dauer zunehmend eintönig erscheint wegen der ausgeprägten Monokultur. Orangenbäume werden rar und Feigen wie Mandeln gedeihen eher abseits, in den Nebentälern. Die alten kleinteilig am Abhang gefügten und in Stein gefassten schmalen Terrassen socalcos benannt sieht man nur noch selten. Neben den stolzen Quintas prägen die bescheidenen casais und die Dörfer auf halber Höhe oder optisch beinah am Himmel das Bild der Landschaft. Sie glänzen geradezu, mit Hausgesichtern in strahlendem Weiß, ihre Front schlicht wie edel eingerahmt mit meist silbern oder golden schimmernden grauem Granit. Wobei generell die Portwein-Ensembles aus Quinta, Kirche und Kellerei am oder nahe dem Douro und seiner Bahnlinie stehen.

Beim Welterbe: Mündung des Coa in den Douro, oben das Museum. © 2020, Foto/BU: Christoph Merten

Aber was ist dann dieser Klotz dort ganz oben in Gipfellage? Wie ein Felsvorsprung wirkt das Werk aus der Ferne. Das Museu do Coa vermittelt den notwendigen Wissensstand, um beim Ausflug ins nahe Vale do Coa nicht nur pittoresk eingeritzte Felspartien sondern prähistorische Lebensumstände zu erkennen. Museum mit dem „Park“ im Tal sind Weltkulturerbe – praktischerweise am östlichen Ende vom UNESCO-Weinterrain gelegen. Vila Nova de Foz Coa ist der Bezugsort für den Besuch, einer Betrachtung von Repliken wie Originale. 80 Stätten mit rund 1200 künstlerisch vor meistens etwa 25.000 Jahren gestaltete und geschmückte Flächen sind auf circa 15 km am Douro und circa 30 km am Nebenfluss zu erkennen. Zeichnungen treten dabei viel häufiger in Erscheinung als Malereien. Der Felsen 1 von Fariseu mit über 80 Gravuren – ein Pferd mit zwei Köpfen dokumentiert die Erfindung grafischer Animation – ruft im Museum wie im Canada do Inferno Erstaunen hervor. Eine Zeitreise: die oft dunkel erscheinende Vergangenheit ins Helle der Freilichtarena geholt. Ein Bilderbuch an Stein. In das Inferno, nach Penascosa sowie Ribeira de Piscos führen begleitete Touren. Und zum Weltkulturerbe ein Ausflug vom „Cruiser“ sollte Salamanca, ab Barca d’Alba, mal nicht im Angebot sein.

Pocinho ist Bahnstation für das Coa-Tal. Ab hier ist die Linha do Douro nur noch ein Relikt. Bei Flusskilometer 150 hat sie die Seite gewechselt, verläuft ab dort nach dem Schleusen am Barragem de Valeira bei der Bergfahrt Steuerbord. Steuern wird für die Schiffer der „Barcos Rabelos“, als der Fluss noch nicht aufgestaut und also gezähmt war, eine diffizile Angelegenheit gewesen sein. Jenseits der Staumauer von Pocinho bestimmen Weinberge nicht mehr das Bild. Die Landschaft nimmt ein kargeres Aussehen an. „Port satt“ dann wieder auf der Talfahrt. Erinnerung werden wach ans Terra quente von einst – unversehens herunterblickend vom Rand des kargen felsigen Hochlandes: „Es scheint aus einem anderen Stoff gemacht und mit anderem Werkzeug hergestellt. Vielleicht aus grünem Glas geschliffen und geschnitten. Keine Handbreit Boden scheint die Terrassierung auszulassen. Wie die Höhenlinien einer topographischen Karte nehmen die Terrassen jede Unebenheit des Landes mit. Hunderte von Parallelen, beginnend am Flussufer tief unten, endend 400 Meter weiter oben, bald mit einer scharfen Kante, bald im Übergang zu hügeligen Wellenland, unbestimmt. An wenigen Stellen erst ist diese wunderbar genaue Zeichnung des Geländes unterbrochen, ist der Hang begradigt und planiert, abgeschrägt, angeschoben – traurig“ – so gesehen 1988.

Über den Grenzfluss: Auf Expedition entlang der stillgelegten Strecke. © 2020, Foto/BU: Christoph Merten

Mit einer Portion Wehmut oder auf gut portugiesisch „saudade“ betrachtet man auch den Verfall der Bahnlinie zwischen Pocinho und Barca d’Alva. Gibt es einen Fado über die alten Zeiten im Alto Douro? Gibt es den Grenzübergang noch, die Station, die Brücke? Die Ortschaft liegt gefühlt am Ende der zivilisierten Welt: Barca, und basta! Der „estacao“ ist ausgeschildert, verrammelt steht er abseits im Gelände. Der Spaziergang wird zur Expedition. Über einen unerlaubten Grenzübertritt hier kein Wort. Nur so viel: es lohnt sich die überwucherten Gleise entlang zu bewegen, vorbei an Lokschuppen, Drehscheibe und Wasserturm als Schaustücke industrieller Archäologie und weiter bis zur Eisenkonstruktion. Abgesperrt. Schilder überm Grenzfluss – „España“ von hier – verweisen auf beide Staaten. Drüben ein Tunnel. Den ersten Teil der Strecke nach Salamanca bauten Portugiesen, Spanier konnten nur gerade und im Offenen – sagt man. Die alte Rivalität behindert hoffentlich nicht eine EU-Wiederinbetriebnahme.

Nach einer Zeitlang hat man sich angefreundet mit dem Ort dem seine angestammte Funktion verlustig ging, der sich jedoch noch nicht zur Selbstaufgabe durchringen konnte. Die Brücke über den Douro wirkt nachts extrem ausgeleuchtet wie eine Lichtschranke, aber die abendliche Promenade von Ufer zu Ufer wird zum Ritual. Tagsüber war Salamanca das Ausflugsziel mit Bus, mit Maske und Flamenco, und eher ohne die Reise wert und den eigenen Beitrag. Ablegen von Portugals wohl östlichstem Kai und zurück gen Porto. Bis Pocinho wirkt das Land vom Wasser aus gesehen zweigeteilt. Oben breitet sich von einzelnen Baumgruppen durchsetzt schon die Versteppung aus, unten in Flussnähe halten sich Oliven, teils knorrige Exemplare und gelegentlich ein ganzer Hain. Außerdem: ab Barca d’Alva bietet das Kreuzfahrtprogramm mit Einschiffung mittags in Pocinho einen Busausflug nach Castelo Rodrigo an. Der Ort erhielt 1209 erstmals Stadtrechte, ist aber heute lediglich ein Dorf – aber als eins von inzwischen zwölf Aldeias Históricas wird es bestens erhalten. Alle zwölf befinden sich in der Beira Interior und sind eigentlich ein Thema für sich ganz getrennt vom Douro.

Aber mit der Burgruine sowie 14 weiteren, denkmalgeschützten Bauwerken vom Brunnen bis zur Zisterne und, logo, Pelourinho als Schandpfahl und Anschlagsäule, dem manuelinischen Dekor verschlungener Taue an Hausfassaden mag der Weg durch steile Gassen lohnen – aber zum Marofa mit weithin segnenden Christus nur wegen der Aussicht in die unendliche Ebene.

Vedute in blau-weiß: Azulejo der Galerie am Bahnhof von Pinhao. © 2020, Foto/BU: Christoph Merten

Anlegen in Pinhao, und endlich paar Schritte hinauf zum Bahnhof. Mit einem Bilderbuch in blau-weiß, mit der Galerie von Azulejos ein Exkurs durch Geographie und Geschichte des Alto Douro und ein optischer Leckerbissen. Zu Speis und Trank für den Gaumen, nicht nur fürs Gemüt geht’s dann hinweg zur Quinta de Avessada. Nur ein halbes Dutzend Kilometer vom Tal entfernt und man ist inmitten einer sanft gewellten Landschaft wo noch Orangen und Feigen und Mandeln gedeihen und die Reben für den Muskateller. Für Moscatel de Favaios, dessen Bewohner das Gut bestellen seit der Zeit als noch Trauben treten Teil der Produktion war wie in der Enoteca anschaulich dargestellt. Beim Diner greift Gastgeber Luis Barros als „portugiesischer Mr. Bean“ selbst zur Suppenkelle und schöpft Geschichten zutage. Von der Dona Antónia… es wird ein lustiger Sommerabend. Plötzlich Aufbruch. Durchs filigrane Netzgeflecht des ornamentalen Pavillons schimmern schön die Sterne. Sie blinken. Winken – und Wiederkommen. Adeus!

Anmerkungen:

Die Recherche wurde unterstützt von Nicko Cruises Schiffsreisen.

Mehr über den Douro in den Reportagen „Porto oder Brückenblick, Ausflug mit Aufzug und Tram-Trip – Serie: Auf dem ‚Douro Cruiser‘ von Nicko Cruises den Portwein-Fluss entlang, hier und da ein Landgang (Teil 1/3)“ und „Von Porto über Régua nach Pinhao – Serie: Auf dem „Douro Cruiser“ von Nicko Cruises den Portwein-Fluss entlang, hier und da ein Landgang (Teil 2/3)“ von Christoph Merten.