Alter Glanz in neuem Licht – Die Normandie putzt die Schmuckstücke ihrer Schatzkammer

Mont St. Michel. © Foto/BU: Dr. Bernd Kregel Aufnahme: Normandie, Mont St. Michel, 11.6.2012

Normandie, Frankreich (MaDeRe). Wie selten zuvor lädt die französische Nordküste ein zu einem ausgereiften maritimen Reiseerlebnis.

Massiver Druck als pädagogisches Mittel? Die Pädagogen rümpfen heute die Nase. Und doch sahen früher selbst Heilige darin ein bewährtes Mittel, um jemand „mit Nachdruck“ auf die Sprünge zu helfen. Der konkrete Anlass: Zweimal schon hatte Erzengel Michael – so erzählt man sich an der normannischen Kanalküste – den Bischof Aubert von Avranches erfolglos aufgefordert, auf dem weithin sichtbaren Mont St. Michel eine Kapelle zu errichten. Schließlich erschien er diesem erneut im Schlaf und drückte ihm mit dem Daumen ein Loch in den Schädel, der noch heute ziemlich ramponiert im Museum bestaunt werden kann. Das saß, und bereits wenig später war, wie man sich denken kann, das gewünschte Bauwerk vollendet.

Enge Gasse auf Mont Saint Michel. © Foto/BU: Dr. Bernd Kregel Aufnahme: Normandie, Mont Saint Michel, 12.6.2012

Stolze Mauern des Mont St. Michel

Zumindest in der ersten Version. Denn auch in der Folgezeit baute man das Felsgemäuer nach den jeweiligen Bedürfnissen um und demonstrierte auf diese Weise dessen herausragende Bedeutung inmitten von Schlick und Schlamm. Ob wohl auch Erzengel Michael vor über tausend Jahren schon ahnte, dass der solide Burgberg bis in die Neuzeit hinein niemals von einer feindlichen Macht eingenommen würde? Denn selbst die Engländer holten sich im Hundertjährigen Krieg an den stolzen Mauern blutige Nasen. Aber erst dann, wenn ihnen die Gezeiten, die sich hier in der unglaublichen Differenz von fünfzehn Metern auf und ab bewegen, das militärische Abenteuer nicht bereits im Vorfeld zunichte gemacht hatten.

Zugleich war der wehrhafte Mont St. Michel natürlich auch ein geistliches Zentrum, das über die Jahrhunderte hinweg an der klösterlichen Bestimmung des Betens und Arbeitens festhielt. Bis in unsere Tage, wie eine Nonne des Berges – nennen wir sie Marie – am eigenen Beispiel erklärt. Sieben Schwestern und sechs Brüder sind es, die hier morgens auch außerhalb des Klosters ihrer Beschäftigung nachgehen. Als Computer-Fachfrau arbeitet sie zusätzlich an einer christlichen Website und muss sich nun sputen, rechtzeitig an ihrem Platz zu sein. So beendet sie das kurze Gespräch mit einem freundlichen Lächeln, und schon ist sie in einem der schmalen Gässchen am steilen Berghang verschwunden.

Watt am Fuße von Mont Saint Michel. © Foto/BU: Dr. Bernd Kregel Aufnahme: Normandie, Mont Saint Michel, 12.6.2012

Ziel der „Renaturierung“

Der Blick nach unten zeigt nun in aller Deutlichkeit die einzigartige Lage des Felsmassivs über dem Wattenmeer. Und doch, darauf verweist der begleitende Inselführer Andrei, ist die Insel keine wirkliche „Insel“ mehr. Der Sündenfall, so erklärt er, begann mit der Aufschüttung eines Dammes, der zwar die freie Zufahrt vom Festland aus ermöglichte. Doch diese Medaille hatte auch ihre Kehrseite. Denn der künstliche Wall verhinderte an seiner Innenseite den ungestörten Rückfluss des Wassers und trug damit zur Verschlammung der Bucht bei. Was tun?

Immer stärker, so die Gezeiten-Spezialistin Mathilde Claron, setzte sich vor einigen Jahren die Erkenntnis durch, dass der Damm mitsamt dem riesigen Besucherparkplatz nahe dem Felsmassiv einer Brückenkonstruktion weichen müsse. Denn nur dann könne, wie sie betont, das von den Gezeiten in die Bucht hinein gedrückte Wasser zwischen deren Pfeilern wieder ungestört zurückfließen. In der Tat ein wichtiger erster Schritt zur angestrebten „Renaturierung“. Denn schließlich sei es das Ziel, den alten Glanz in die Bucht zurück zu bringen und erneut den Mont St. Michel in voller Schönheit erstrahlen zu lassen.

Vom Umgang mit den Naturgewalten weiß man auch an der normannischen Nordküste ein Lied zu singen. Darum nutzte schon Ludwig XIV. die natürlichen Gegebenheiten der Bucht von Cherbourg und baute um sie herum einen leicht gebogenen Schutzwall, der der Stadt den Titel des „größten Hafenbeckens der Welt“ bescherte. So war die Eisenbahnverbindung von Paris in den wilden normannischen Norden nur noch eine Frage der Zeit, um die seit dem Jahr 1869 heran brandende Auswandererflut nach Amerika hierher zu transportieren.

Die „Titanic“ zurück in Cherbourg. © Foto/BU: Dr. Bernd Kregel Aufnahme: Normandie, Cherbourg, 14.6.2012

Die „Titanic“ ist zurück

Daher erschien es auch selbstverständlich, dass sich die „Titanic“ im April 1912 genau hier vom europäischen Festland verabschiedete. Noch heute kann jeder die Stelle erahnen, an der sie damals auf Reede lag, um die letzten 281 Gäste von den Tendern „Normandic“ und „Traffic“ aus an Bord zu nehmen. Unter ihnen die Frauenrechtlerin Margaret „Molly“ Brown sowie weitere VIPs wie Jacob Astor und Isidor Strauss. Dies war, wer konnte es damals schon ahnen, der vorletzte Akt des Dramas, das nur wenig später im Eisfeld vor Neufundland seinen tragischen Ausgang finden sollte.

Doch „nun ist sie zurück“, wie ein Plakat behauptet. Und sie bereitet, so möchte man hinzufügen, ihren Bewunderern ein Wiedersehen in einer unglaublichen Intensität. So empfindet es auch Bernard Cauvin, der Direktor des Museumskomplexes „La Cité de la Mer“ bei einer Entdeckungstour durch die liebevoll restaurierten Anlagen. Das Ergebnis einer Mammutaufgabe, an der zweihundert Personen mehrere Jahre mitwirkten, um den Geist dieses außergewöhnlichen Ortes wiederzubeleben.

Forschungs-U-Boot in „La Cité de la Mer“. © Foto/BU: Dr. Bernd Kregel Aufnahme: Normandie, Cherbourg, 14.6.2012

Untersuchung auf Herz und Nieren

Vorzüglich restauriert ist die riesige Bahnhofshalle, damals bekannt als „der schönste und größte maritime Bahnhofsterminal der Welt“. Genau hier trafen die Züge aus Paris ein, um die Reisenden mit Sack und Pack für die Überfahrt nach Amerika abzuliefern. Heute beherbergt der Terminal die Originale und Modelle namhafter Forschungs-U-Boote wie der russischen MIR-2, mit der sich einst James Cameron in 4000 Meter Tiefe hinunter wagte, um sich auf dem Meeresgrund für seinen Titanic-Film ein eigenes Bild zu machen.

Sensationell auch die renovierte Auswanderungshalle, in der alle, die in der Neuen Welt ihr Glück machen wollten, auf Herz und Nieren untersucht wurden. Und das waren hier nicht weniger als eine Million der etwa fünfzig Millionen Auswanderer aus ganz Europa. Denn wer den strengen Einwanderungsvorschriften in die USA nicht genügte, musste auf Kosten der Schifffahrtslinie die Rückreise antreten und zwar schneller, als es ihm lieb war. So spielten sich zu Herzen gehende Szenen ab, wenn Familien vor der Wahl standen, mittellos nach Hause zurück zu kehren oder vielleicht für immer auseinander gerissen zu werden. An die Hallenwände projizierte Schwarz-Weiß-Aufnahmen reden dazu eine deutliche Sprache.

Modell der Titanic-Kabine 1. Klasse im Museum „La Cité de la Mer“. © Foto/BU: Dr. Bernd Kregel Aufnahme: Normandie, Cherbourg, 14.6.2012

Die letzten Eindrücke vor dem Desaster

Am eindrucksvollsten jedoch ist alles, was in direktem Zusammenhang steht mit der Überfahrt der Titanic. Filmdokumentationen, Modelle und Gegenstände erzählen minutiös, was sich in den wenigen Tagen bis zum Untergang abspielte. Ein optischer Trick macht es sogar möglich, drei der an Bord befindlichen Personen – die Irin Margaret Murphy, den libanesischen Jungen Elias Nicola-Yarred und den Schweden Olaus Abelseth – persönlich zu Wort kommen zu lassen. Durchweg authentisch, ohne Schnickschnack.

Sensationell sind auch die Fotos von Bord der „Titanic“, die einzigen, die erhalten blieben. Sie wurden aufgenommen von Jesuitenpater Père Francis Browne, der nach dem Auslaufen aus Cherbourg im irischen Georgetown, dem letzten Ankerplatz vor der Überfahrt, nach seiner Schnuppertour das Schiff verließ und auf diese Weise sich und seine Fotos in Sicherheit brachte.

Hafen von Granville. © Foto/BU: Dr. Bernd Kregel Aufnahme: Normandie, Granville, 13.6.2012

Der Zauber der Unmittelbarkeit

Es sind dies Zeitdokumente, die ebenso wie die Porträts des Kapitäns, der Bordkapelle, der Funker und der prominenten Gäste an Bord eine persönliche Begegnung ermöglichen und noch heute starke Emotionen auslösen. Und das Erstaunlichste: Wer hätte hier – nach der in der Öffentlichkeit gefeierten Museumseinweihung in Belfast zum Jahrestag des Untergangs vom 14./15. April 2012 – eine solche hochkarätige Ausstellung erwartet? Noch liegt der Zauber der Unmittelbarkeit über den Exponaten, nicht zuletzt wegen des Überraschungseffekts, der sich hier bei der Besichtigung zweifelsohne einstellt.

So sind der „Mont St. Michel“ und „La Cité de la Mer“ nur zwei Beispiele die zeigen, welche Schmuckstücke die Normandie in ihrer Schatzkammer bereithält. Weitere wie Bayeux oder Caen kommen hinzu. Und nicht zuletzt sind es die stilvollen Küstenstädte wie Granville, Barneville-Carteret, Deauville, Trouville und Le Havre, die mit ihrem maritimen Charme für entspannte Stimmung und Abwechslung sorgen. „Leben wie Gott in Frankreich“: warum nicht gleich an der normannischen Kanalküste damit beginnen?

Felsabbruch bei Barneville-Carteret. © Foto/BU: Dr. Bernd Kregel Aufnahme: Normandie, Barneville-Carteret., 3.6.2012

Reiseinformationen „Normandie“:

Anreise: Mit dem Flugzeug oder der Bahn über Paris, von dort aus weiter mit der Bahn oder dem Leihwagen. Mit dem Auto auf der A 28 durch die Obere Normandie oder über die A 13 nach Rouen und Caen.

Einreise: Für EU-Bürger sind der Personalausweis oder der Reisepass ausreichend.

Reisezeit: Für die Normandie, besonders die normannische Küste, empfehlen sich die wärmeren Jahreszeiten von Frühling bis Herbst.

Unterkunft: Mont St. Michel: www.auberge-saint-pierre.fr; Granville: www.mercure.com; Barneville-Carteret: www.hoteldesormes.fr; Cherbourg: www.laregence.com; Deauville: www.lucienbarriere.com

Essen und Trinken: Mont St. Michel: www.restaurant-ferme-saint-michel.com; Granville, La Citadelle: citadell@club-internet.fr; Cherbourg: www.traiteur-cherbourg.fr

Auskunft: Comité Régional de Tourisme de Normandie: www.normandie-tourisme.fr/de

Reisebüro/Reiseveranstaltere: Retroreisen

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