Vor und um Usedom, bei Koserow und anderswo: Auf der Suche nach Vineta

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Die Ostsee bei Usedom. Quelle: Pixabay, Foto: Henning Westerkamp

Usedom, Deutschland (MaDeRe). Wenn Gebote und Verbote, Ermahnungen, Warnungen die Urlaubsreisen seit Ostern und wohl bis Pfingsten unterbinden, dann gilt es tief Luft holen und abzutauchen, um zuerst einer Sage auf den Grund zu gehen deren aufgefundene Stücke hoffentlich bald wieder in Augenschein zu nehmen sind. Im Theater, im Museum, mit Scharfblick vor der Küste.

An einem Ostermorgen hütete ein Schäferjunge seine Herde nahe dem Strand von Koserow, und wie er so über die weite See blickte, stieg mit einem Male eine alte, ehrwürdige Stadt aus dem Wasser empor: Gerade vor ihm tat sich das hohe, reich verzierte Tor in der Mauer auf. Erstaunt und wie von einem Trugbild geblendet saß er da. Dann aber sprang er auf und lief neugierig hinein.

Die Männer trugen lange pelzbesetzte Mäntel und federgeschmückte Barette. Die Frauen gingen kostbar in Samt und Seide gekleidet. Aber alles geschah ohne den geringsten Laut. Stumm breiteten die Kaufleute ihre Waren aus. Einer winkte den Jungen heran. Er zeigte auf ein kleines Geldstück und wies auf den Tisch voll Ware. Doch der Junge besaß nicht einen Pfennig. Traurig und enttäuscht sahen ihm alle zu.

Da lief er eilig durch das hohe Tor zurück an den Strand zu seinen Schafen. Er saß da noch, als ein alter Fischer vorbeikam und zu ihm sprach: „Wenn Du ein Sonntagskind bist, so kannst du heute, am Ostermorgen, die Stadt Vineta aus dem Meer steigen sehen, die hier vor vielen, vielen Jahre untergegangen ist“ …

Wir waren mit einem Sonntagskind unterwegs, letztes Jahr zu Ostern, und unser Weg führte uns, erste Station, in die Kirche von Koserow welche, wie kann es anders sein, das Kreuz des versunkenen Vineta zur Schau stellt. Schwedische Holzschnitzkunst, ein Fang von Fischern im 15. Jahrhundert am Riff vorm Ort der eher von einem untergegangenen Schiff stammte als aus einer untergegangenen Stadt. Es hörte sich an als würden Glocken tief unten in der Ostsee läuten – also forschte man forsch fort. Bis, wie passend, Thomas Kantzow im Auftrag des pommerschen Herzoghauses 1538 auf dem Meeresboden vor dem nahgelegenen Damerow eine Siedlung ausfindig machte – „größer als Lübeck“, dem Haupt der Hanse. 1560 nahm Johann Lubbechius ausgiebig Maß und verzeichnete eine mittelalterliche Metropole: „1 Meile lang, ¾ Meile breit, mit steingepflasterten Gassen, teils übermoost und teils versandet.“

Immer mehr von der Sage kam wie gewünscht zutage: 1774 Kanonen – und Kirchen, 1805 Glocken. Wodurch auch die Ungläubigsten geläutert werden sollten. Nun gut, man half ein wenig nach, die Gusseisernen stammten aus Swinemünde und vom 30jährigen Krieg. Dann, zu Beginn des Tausendjährigen Reiches, suchten Nazis – eher ideologisch als wissenschaftlich fundiert – vor Kap Arkona auf Rügen, auf der Nachbarinsel von Usedom, Wollin, und im Barther Bodden. Das nordische Atlantis blieb ihnen verwehrt. Wie und warum aber ging Vineta unter? Der Sage nach wegen Hochmut und Habsucht; so wurde gesagt die Dächer der Stadt seien aus Gold und Kinder spielten mit Murmeln aus Silber. Bis eine Sturmflut in sieben Monaten alles verschlang. Geschichtsschreiber verzeichnen 1304 eine Naturkatastrophe, sie trennte Usedom von Rügen und hätte den Untergang von Vineta besiegeln können.

Aber vielleicht verlief die Geschichte in den Gezeiten von jenen Quellen:

Um 965 bereiste der jüdisch-maurische Kaufmann Ibrahim Ibn Jakub al Isreli at Tartusi die westslawischen Länder. Er gibt – vom Hörensagen – folgende Kunde wieder: „Sie haben eine große Stadt am Weltmeer die zwölf Tore und einen Hafen hat (…). Sie bekriegen den Mieszko, und ihre Streitkraft ist gewaltig. Sie haben keinen König, lassen sich von keinem Einzelnen regieren, sondern die Machthaber unter ihnen sind die Ältesten.“ Mieszko I. Herzog von Polen zog 966 aus um Wollin zu erobern…

Um 1068 bis ca. 1081 verfasste Adam von Bremen die „Hamburgische Kirchengeschichte“ und beschreibt darin auch das Land Wanzlow, die Insel Usedom (…). An (der) Mündung der Oder bietet die hochbedeutende Stadt Jumne einen viel besuchten Mittelpunkt des Verkehrs für die Barbaren und Griechen im Umkreis dar (…). In der Tat ist sie die größte aller Städte, die Europa umschließt, und wird von Slawen und anderen Völkern, Griechen und Barbaren, bewohnt, denn auch hinkommende Sachsen erhalten gleichfalls das Recht dort zu wohnen, freilich nur, wenn sie während des dortigen Aufenthalts ihr Christentum nicht öffentlich bekennen. Im übrigen aber dürfte man kein Volk finden, das in Bezug auf Sittlichkeit und Gastfreiheit ehrenwerter und gutherziger wäre. Jene Stadt ist angefüllt mit Waren aller nordischen Völker und besitzt alles Angenehme und Seltene.“ Seine Informationen hatte Adam von Bremen nicht aus erster Hand – sondern wohl vom König von Dänemark, Sven Estridson, Urenkel von Harald Blauzahn.

Um 1168 verfasst Helmbold von Bosau, Pfarrer in einem damals dänischen Dorf, seine Sachsenchronik in der er, fast wörtlich, Adam von Bremens Beschreibung von Jumne übernimmt. Aber er schreibt in der Vergangenheit – also ist Jumne zerstört. Und durch die handschriftlichen Überlieferungen wird aus Jumne zuerst Jumneta, dann Vimneta, und letztendlich Vineta…

Uferlos, unergründlich erscheint die Geschichte. Sie lässt sich spinnen wie Fischergarn. In Zeiten von Corona sind ganze Abende damit zu füllen. Und wenn man wieder reisen darf kann man Historie und Sage vielfältig verorten. Bei den (fast) alljährlichen Vineta-Festspielen auf Usedom. Im Stadtmuseum von Barth welche beide „Vineta“ im Namen tragen. Immerhin strömte die Oder mit einem Mündungsarm in den Bodden, oder nicht? Und wenn, denn… aber am besten ist es bei Koserow den Streckelsberg zu besteigen. Eine Stauchendmoräne, eine Kliffranddüne, jedenfalls rund 5800 Zentimeter über Meer hoch mit Treppe zum oder vom Strand. Erosionen trugen viel vom Berg ab – und zum Verlust von Vineta bei. Gestein im Gelände und Gestade deutete Geologe Deeke 1906 als Dolmen – vermutlich liegt da auch die steinreiche Stadt begraben. Da draußen und hier drüben am Festland welches vor der gewaltigen Sturmflut um anno dunnemals bis zum Riff reichte. Darüberhinaus. Bis zum Horizont…

Anmerkung:

Kursive Textteile sind alten Pressemitteilungen der „Vorpommerschen Landesbühne“ als Veranstalter der „Vineta-Festspiele“ entnommen, die hoffentlich 2021 wieder stattfinden.