Schwyz, das Juwel im Herzen der Schweiz – Zwischen Bergen, Barock und High Tech

Schwyz von Morschach aus, rechts die Mythen. Quelle: Wikimedia, CC BY-SA 3.0, Foto: Adrian Michael

Schwyz, Schweiz (MaDeRe). Wir Schweizer pflegen einen Ausdruck ganz besonders – und irgendwie verkörpert dieser auch das Wesen unseres Landes: „Heimlifeiss“. Übersetzbar etwa mit: Mehr sein als scheinen. Verborgene Qualitäten unter einer eher bescheidenen Oberfläche – Understatement würden das die Engländer nennen. Bei meiner Reise durch den Kanton Schwyz fiel mir dieses Wort immer wieder ein: „Heimlifeiss“.

In der Tat: Viele Touristen aus dem Ausland eilen vom Flughafen Zürich direkt in die prominenteren Destinationen, Berner Oberland, Engadin, Zermatt – auf Autobahn oder Schiene vorbei an Schwyz. Und übersehen dabei das facettenreiche Juwel, an dem sie mehr oder weniger achtlos vorüberfahren: Schwyz, dessen Hauptstadt ebenfalls Schwyz heißt und dessen 159 000 Einwohner selbstverständlich Schwyzer heißen – und damit, zumindest dem Namen nach, den Prototyp des Ur-Schweizers verkörpern.

Schwyz mit Kleinem und Großem Mythen. Quelle: Wikimedia, CC BY-SA 3.0, Foto: Roland Zumbühl

Denn dieser Kanton bietet lückenlos alles, was man sich von der Schweiz so wünscht: zahllose wackere Kühe, die ausgezeichneten Käse produzieren und natürlich auch eine exzellente Schokolademanufaktur, hohe Berge und blaue Seen, gute Skigebiete, kilometerweise Wanderwege und Mountain-Bike-Tracks – und als einer der drei historischen „Urkantone“ Anteil am Gründungsmythos der Schweiz (Wilhelm Tell & Co.). Aber auch: Das wohl bedeutendste barocke Bauwerk der Schweiz und die allerletzte High-Tech-Errungenschaft.

Die Kathedrale der Benediktinerabtei von Einsiedeln mit ihrer schlichten, aber imposanten Barockfassade birgt das berühmte Gnadenbild, die mittelalterliche Schwarze Madonna – und ist der wichtigste Wallfahrtsort der Schweiz, zugleich auch eine bedeutende Station auf dem Jakobsweg. Betritt man den gewaltigen Innenraum, so findet man sich alsbald umgeben von einer Schar von Engeln, die selig und schwerelos zwischen Kuppeln und Säulen dahinschweben. 60 Mönche leben in der riesigen Anlage, die eine wunderbare barocke Bibliothek, einen Konzertsaal und eine namhafte Schule birgt: In den langen Korridoren hängen Schwarzweißfotos, Vergrößerungen aus alten Glasnegativen – Zöglinge mit falschen Bärten führen den „Wilhelm Tell“ auf oder fahren, korrekt in Anzug und Krawatte, Ski.

Standseilbahn Stoos im Sommer. © Stoos-Muotatal Tourismus GmbH

30 Kilometer von hier befindet sich die Talstation der spektakulären Standseilbahn aus dem Muotathal hinauf zum Wander- und Skiort Stoos. Ein Höhepunkt der schweizerischen Bergbahntechnik – und ein Weltrekord: Die vor drei Jahren eröffnete Stoos-Bahn überwindet in vier bis sieben Minuten 744 Höhenmeter und 1,74 Kilometer Distanz auf einer maximale Steigung von 110% – 47,7 Grad, während die vier runden, gelben Kabinen dank einem ausgeklügelten Mechanismus stets waagrecht ausgerichtet bleiben. Vor allem die Talfahrt ist geradezu schwindelerregend, wenn die Bahn fast senkrecht in einen der vier Tunnels hinabzustürzen scheint.

Während nahe der Bergstation das Wellness- und Seminarhotel alle Annehmlichkeiten bietet, empfängt uns im Muotathal eine naturnah gebaute Unterkunft mit Hütten-Flair der besonderen Art: Die „Husky-Lodge“ mit ihren rund 40 Huskies, die im Winter in dem wildromantischen Tal zu Hundeschlittenfahrten ausrücken. Als Kontrast erhebt sich nur 16 Kilometer von hier in Brunnen, am Ufer des Vierwaldstättersees, Zeugnis aus einer längst vergangenen Epoche, das 150jährige Seehotel Waldstätterhof. Neben der Rezeption hängt das signierte Porträt von Winston Churchill – und die Vermutung wird alsbald bestätigt: Nicht nur der legendären Kriegspremier ist hier abgestiegen – selbst Queen Victoria, Hugo von Hofmannsthal und Hermann Hesse logierten hier und ein Schild an meinem Hotelzimmer bezeugt, dass US-Präsident George Bush einige Jahre vor mir die atemberaubende Aussicht aus dem Zimmerfenster auf den Vierwaldstättersee genossen hatte…

Seehotel Waldstätterhof. © Seehotel Waldstätterhof

Das exzellente Diner auf der Seeterrasse mit ihrem herrlichen Panorama, das Seebad im hoteleigenen Lido und natürlich die Dampfschifffahrt von der gleich neben dem Hoteleingang gelegenen Schiffsstation gehören zu den Höhepunkten eines Aufenthalts im historischen „Waldstätterhof“: Die hektische Gegenwart der Luzern-Gotthard-Autobahn am gegenüberliegenden Seeufer bleibt ausgeblendet, wenn sich, langsam und majestätisch, mit sonoren Sirenenstößen, einer der fünf wunderbar restaurierten und blitzblank polierten, mehr als 110jährigen Dampfschiffe dem Steg nähert. Begleitet vom rhythmischen Stampfen der Maschinen und den spritzenden Wasserfontänen der Schaufelräder gleitet das altehrwürdige Schiff mit seinen eleganten Salons im Stil der vorletzten Jahrhundertwende über den tiefblauen, von Berggipfeln eingerahmten See – vorbei an einem mächtigen aus den Fluten ragenden Felsen, Friedrich Schiller 1859 von den „Urkantonen“ (somit auch Schwyz) gewidmet. Und als nächstes dockt unser Dampfer an der Station Rütli, unterhalb jener geschichtsträchtigen Waldwiese, wo die Eidgenossen im Jahr 1291 laut Schiller den Eid „Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern“ geschworen haben sollen.

So oder anders – Tatsache jedenfalls ist der auf August jenes Jahres datierte Bundesbrief, das älteste Verfassungsdokument der Schweiz. In diesem geloben die innerschweizerischen Talgemeinschaften gegenseitige Hilfe und legen fest, dass die hierzulande (im Kampf gegen die EU-Mitgliedschaft) immer noch gern zitierten „Fremden Richter“ keinesfalls geduldet und innerschweizerische Streitigkeiten schiedsgerichtlich geschlichtet werden sollten. Das Originaldokument ist – wo denn sonst – im Städtchen Schwyz, im Bundesbriefmuseum zu besichtigen. Aber auch sonst lohnt die winzige Kantonshauptstadt mit ihrem idyllischen Hauptplatz den Besuch; gleich daneben befindet sich der prachtvolle Landsitz des Landvogts Ital Reding aus dem Jahr 1609.

Ein einzigartiges Beispiel für das in der Schweiz immer wieder stattfindende Tauziehen zwischen Regierung und Volk bietet das Hochmoor Rothenthurm, welches 1987 keine geringe politische Sensation ausgelöst hatte: In dem einzigartigen, rund zehn Quadratkilometer umfassenden  Moorlangebiet, das für die Landwirtschaft nutzlos war, hatte das Militär – in der Schweiz bekanntlich eine Heilige Kuh – einen „Waffenplatz“, also einen Übungsgelände samt Kaserne geplant. Der Widerstand der lokalen Bevölkerung führte zur Volksinitiative zum „Schutz der Schweizer Moore“. Die Kontroverse war leidenschaftlich, aber die Stimmbürger sagten letztlich Ja – gegen Militär und Regierung. Das größte Hochmoor der Schweiz war gerettet – ein Lebensraum für zahlreiche bedrohte Arten und ein weitläufiges, gut signalisiertes Wandergebiet, Teil der beeindruckenden Vielfalt des Kantons Schwyz.