Kunst und Kultur in Maribor (Marburg an der Drau)

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Maribor (Marburg an der Drau), heute Slowenien, Quelle: Pixabay, Foto: jarko7

Maribor (Marburg an der Drau), Slowenien (MaDeRe). November-Tristess? – In Maribor?- Keine Spur. Da sind beispielsweise Jugend-Schach-Weltmeisterschaften. Viele Gäste und Neugierige. Als Promi der frühere Weltmeister und Putin-Opponent Gari Kasparow aus Russland. Ein Schach-Jung-Meister stellte sich mit verbundenen Augen Gegnern in einer Simultan-Vorstellung. Orientierte sich über Stellung bzw. Züge der Figuren nach dem Gehörten.

Oder die Auftritte mit taubstummen Musikern aus Frankreich in einem Tanz-Festival. Ein Zirkus Invisible mit Victoria Chaplin. Enten, Kaninchen statt Löwen oder Elefanten. Angebote eines Zentrums für „alternative und autonome Produktion“. Zur Selbstverwirklichung, im Non-Profit-Status. Eröffnung einer Ausstellung über Roboter, Biomedizin und Wirkungsweise der Nano-Technik…

Nicht zufällig dieses vielfältige Angebot. Denn Maribor, zweitgrößte Stadt Sloweniens, rund 150 000 Einwohner mit Randgemeinden, war 2012 von der EU unterstützte Kultur-Haupstadt Europas. Neben dem portugiesischen Guimares. Wobei Maribor, das Zentrum der slowenischen Steiermark, die nahen Städte Ptuj, Murska Sobota, Velenje, Novo Mesto und Slovenj Gradec in den Veranstaltungs-Marathon einbezogen hat… Wobei die „bunte Stadt“ Maribor – wegen seiner kulturellen Vielfalt und des bunten Studenten-Völkchens – schon immer magnetische Anziehungskraft ausübte. Wegen des Klimas – rund 300 Sonnentage jährlich -, der Lage – am Fluss Drau gelegen, das Skigebiet im Pohorje-Gebirge vor der Nase und traditionsreiche Weinberge im Umland.

Was zu Zeiten der K.u.k-Monarchie Österreichs in Verbindung mit den Kultur- und Kunst-Angeboten in Marburg (so der deutsche Name) u.a. Franz Liszt, Sissy oder Kaiser Franz Leopold zu schätzen wussten. Nach dem ersten Weltkrieg fiel Maribor unter die Regentschaft des jugoslawischen Königreiches, zu dem auch das heutige Serbien und Kroatien gehörten. Aus dem Zerfall der sozialistischen Groß-Republik Jugoslawien ging 1991 der erste eigenständige Staat Slowenien hervor.

Dass Maribor bereits vor der Ausrufung zur Kultur-Hauptstadt Europas 2012 – was den Gastgebern paar Millionen Euro Fördermittel von der EU einbrachte – attraktiv für Besucher aus dem In- und Ausland war, lässt sich besonders an zwei Veranstaltungen belegen: Am Lent-Festival, benannt nach dem historischen Flößer-Stadteil Lent, das im Juni eine Woche eine Vielzahl von Musikgruppen und Bands an die Ufer der Drau lockt. Und im Laufe der Jahre rekordverdächtige Festivalbesucher im Bereich um die 400 000 anlockt.

Das andere Highlight ist das Festival der Rebe mit der Huldigung eines Weinstockes, der mit mehr als 450 Jahren der älteste Weinstock der Welt sein soll. Ein Gutachten slowenischer Experten, unterstützt durch eine Beglaubigung von Genetik-Wein-Fachleuten aus Paris, hat das biblische Alter bestätigt und so zum entsprechenden Eintrag ins Guiness-Buch der Rekorde geführt…

Historische Abbildungen aus dem 17. Jahrhundert dokumentieren in der Tat an der Fassade des Hauses im einstigen Flößer-Viertel Lent das Vorhandensein einer üppigen Rebe. Als man darauf stieß, war das Gebäude heruntergekommen. Der Rest des Weinstockes sollte schon mal abgeholzt werden. Doch ein findiger Tourismus-Marketing-Stratege verhinderte dies und entwickelte ein Konzept der „ältesten Weinrebe der Welt“. Eine fast geniale Idee. Das Haus am Ufer der Drau wurde restauriert, erhielt Räume für Verkauf, Bewirtung, Dokumentation der Geschichte.

Die Stadt berief einen Stadtwinzer, der für Pflege und Lese der Trauben zuständig ist. Der Entscheid, wann die Ernte im Herbst beginnt, hat hochrangige Bedeutung und ist dem Oberhaupt der Stadt vorbehalten. Aus diesem Akt ist ein rund zehntägiges Ereignis geworden – das Festival der Alten Rebe oder „Stare trte“ auf Slowenisch. Diesmal drehte sich vom 21. bis 30. September bei der 26. feierlichen Lese, zugleich das 12. Festival, alles um die Rebe mit mehr als 500 Beteiligten. Mit Vertretern der Städte, die bislang einen Ableger der Rebe der Sorte „Samtschwarzer“ oder „Blauer Köllner“ erhalten haben. Mit Wein-Experten- und Freunden aus nah und fern, mit der alljährlichen Wahl einer Wein-Königin, parallel mit einem Festival der Käseherstellung, der Imkerei u.a.v.m. Das Ereignis in der traditionellen Weinregion „Stajerska“ (Steiermark) symbolisiere – so der offizielle Anspruch – die reiche Weinkultur Maribors, der Steiermark und ganz Sloweniens! Jährlich werden dabei 100 bis 150 Trauben mit einem Gewicht von 35 bis 55 kg geerntet. Im Rekordjahr 91 waren es 67 kg. Anno 2012 waren es heuer nur 37 kg. Nach der Verarbeitung der Trauben unter Regie des Weingutes Meranovo werden 20 bis 30 Liter des Rotweins in maximal 100 schlanken, dunkelblauen Flaschen (2,5 dl), entworfen von einem einheimischen Künstler, abgefüllt. Nicht erhältlich im Verkauf, sondern als Präsente für hohe Gäste vorgesehen. Wie seinerzeit US-Präsident Bush bzw. der Papst.

In den Weinbergen um Maribor gedeihen auf kalkhaltigen oder karstigen Böden im Gegensatz zur Alten Rebe die Trauben für hochwertige Weißweine besonders gut. Sie machen 96 % der Produktion in dieser Gegend aus. Mehr als 5 Millionen Liter werden fünf bis 12 Meter in den Weinkellern unter der Erde gelagert. Unter Maribor gibt es dazu kilometerlange Lagerstätten. Wie hoch die Wein-Verehrung im Zwei Millionen Einwohner-Land angesiedelt ist, zeigt auch dessen Nationalhymne. 1989 entschied das Parlament, das populäre Lied „Zdravljica“ (Trinkspruch) dafür zur Grundlage zu machen. Ein Gedicht mit acht Strophen, 1844 von France Preseren geschrieben. Später von Stanko Preml (1880 bis 1965) musikalisch vertont. 1991 legte das Parlament dazu fest, dass bei feierlichen Anlässen aber lediglich die siebente Strophe zu singen wäre: Es leben alle Völker, die sehnend warten auf den Tag für Frieden und Freiheit, dass unter dieser Sonne die Welt dem alten Streit entsag! Frei sei dann jedermann, nicht Feind, nur Nachbar mehr fortan!…die anderen Verse lobpreisen eher die animierende Wirkung und Freuden des Weingenusses.

Von den zahlreichen Wein-Gütern,-Restaurants- und Herbergen rundum sei Dveri-Pax empfohlen. Moderne Verarbeitungs-Anlagen eines Investors aus Österreich, ein altes Gemäuer als Gastraum und Schenke und unter schattigen Bäumen mit wundervollem Panoramablick auf Wiesen, Landschaft und die Berge im Hintergrund!

Aber Maribor – Stadtrecht 1254, lediglich 11 km von der heutigen Grenze zu Österreich – hat zudem eine Vielzahl anderer Sehenswürdigkeiten: Historische Stadtmauer, Wasserturm, Judenturm, Synagoge, Stadtburg mit Museum, das Barockschloss Betnava, ein modernes Puppentheater mit Innen- und Außenbereich, Domkirche, Pestsäule, Slowenisches Nationaltheater…es gibt Galerien, Museen, Kunsthallen. Und Festivals aller Art – des Theaters, des Jazz, des Puppenspiels, der Flößer, das Martins-Fest usw.usf.

Maribor ist zudem eine Stadt der Jugend und des Sports – mit dem alljährlichen Damen-Weltcup-Slalom am Pohorje-Gebirge, Moutainbike-Rennen, einen Adrenalin-Kletterkurs für jedermann, Fußball, Eishockey. Im kommenden Winter veranstaltet und beherbergt Maribor die Teilnehmer der 26. Universiade im Wintersport!

Kultur-Hauptstadt Europas 2012? – Die Generalsekretärin des Org.-Komitees, Dr. Suzana Zilic Fiser bilanziert anhand von ca. 1,3 Millionen Besuchern bei mehr als 4000 Veranstaltungen und mehr als zwei Millionen Kontakten mit dem Gesamtprojekt, dass Maribor und die Partnerstädte in Ostslowenien „als kulturelles Zentrum neu in den Blick gerückt sind…das Image von Maribor hat sich gewandelt von einer postindustriellen zu einer freundlichen, zeitgemäßen und attraktiven Stadt, angekommen und anerkannt in der internationalen Sphäre.“

Anmerkung:

Mehr über Kunst und Kultur in Maribor unter https://www.visitmaribor.si/de/was-unternehmen/kunst-und-kultur/ im Weltnetz.

Vorstehender Artikel von Ernst Podeswa wurde unter dem Titel „Feiern und Festivals ohne Ende – Maribor, die nimmermüde Kulturhauptstadt Europas“ am 13.11.2011 im WELTEXPRESS erstveröffentlicht.