Im Centro de Portugal, zur Ria in Bico und durch Aveiro im Moliceiro: ohne Tang, dafür mit Gesang auf Touristenfang

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Quelle: Pixabay, Foto: Susana Photos

Aveiro, Portugal (MaDeRe). Grenzenlos diese Gegend, geschützt vorm Toben und Tosen des Meeres. Lang konnte man die Ria von Ferne riechen, Tang hing in der Luft, lag über der Lagune und dem weiten grünen Bauernland um Murtosa auf dem Weg zu den bunten Booten von Bico. Beton bestimmt jetzt das Bild der Kais, wo einst die Moliceiros der vielen Fischer auf Fang des Tangs ein- und ausliefen; mit flachem Boden so dass sie ihre Ware die Stichkanäle entlang bis aufs Feld fahren konnten. Oder die grünbläuliche Fracht häufte sich am Kanal von wo Traktoren den Transport übernahmen. Als Düngemittel sind nun andere Substanzen in Gebrauch. Gefischt wird jedoch noch in der Lagune, nach allerlei Meeresgetier, beispielsweise Garnelen, und Aal gilt als Delikatesse auf der lokalen Speisekarte. Erfreulich die Artenvielfalt in der Ria – und auch die traditionellen Bateiras mit braunem Segel sind nicht gänzlich ausgestorben. Ein Meter tief ist die Lagune nur an manchen Stellen; da wird dann gestakt, so von Bord der verbliebenen Moliceiros.

Der Bug wie ein Schnabel geformt und zurückgebogen zum Mast hin lenkt ihre Gestalt inmitten der flachen Eintönigkeit die Blicke auf sich. Wie eine Galeere im Kleinen gleitet sie durch Gewässer der amphibischen Landschaft die sich bis zum Horizont erstreckt. Schwarz war der Grundton ihres Gewandes, und daraus stachen die farbenreichen Malereien an Bug und Heck besonders hervor. Eher gesittet die Bildnisse im vorzeigbaren Vorderen – anzüglich recht oft am hintern Ende des Gefährts. Maritime Motive, alles an Alltagsszenen, weder naiv noch Kunst – aber eben deshalb echt. Darstellungskraft entfalten sie am Arbeitsgerät eines Sammlers von Seetang – nicht im Tourismus. Aber beim „wiederkäuenden folkloristischen Resteverwerter liegt ihre Zukunft“ – keine Frage. In Aveiro harren sie unser, aufgereiht am Kanal samt Gesang des lusitanischen Gondoliere. Gelegentlich segeln sie in der Ria um bei der Regatta zu glänzen. Meist jedoch bleibt ihr Radius beschränkt auf auslandende Schwingen der Vogelstadt.

Aveiro, das Aviarium der Römer

Aveiro. Quelle: Pixabay, Foto: Luis Pinheiro

… wurde reich dank Zugang zum offenen Atlantik. Seine Fischer gehörten zu den ersten, die nach Neufundland fuhren, um Kabeljau zu fangen, die Stadt mischte mit in dem intensiven Handelsverkehr von Flandern zur iberischen Halbinsel. Bis 1575 das Meer einen Strich durch die Rechnung machte. Der Hafenausgang wurde von Sand verschlossen. Aveiro verlor ¾ seiner Einwohner. An Sakralbauten ist das Debakel kaum abzulesen, die Kirche ging es auch in schlechten Zeiten gut dank ihrer Gönner. Ein Beispiel der barocken Pracht ist Talha dourada, das vergoldete Holzschnitzwerk in der Igreja de Jesus, üppig und zierlich zugleich, und das Grabmal der Princesa Santa Joanna aus Marmor mit reichlich Pietra dura, ornamentalen Inkrustationen aus „hartem Stein“ im angrenzenden Mosteiro. Die Königstochter, die heilige Johanna, entfloh zwar der politischen Heirat – zerstörte sich jedoch bis 1490 daraufhin durch Fasten. Kirche und Kloster sind jetzt Teile vom kommunalen Museum.

Aveiro. Quelle: Pixabay, Foto: elrutitas

In allen Gezeiten redete man vom Durchbruch zum Atlantik. Aber erst als Anfang des neunzehnten Jahrhunderts eine Sturmflut die Ausfahrt der Lagune wieder aufriss, wurde die entstandene Lücke zum sicheren Schiffskanal ausgebaut. Neuer Aufstieg, Bauboom zu einer Zeit als man nach neuem ausschaute. So kam Aveiro zu ihren schönen Jugendstilfassaden, den vornehmen Handelshäusern am Hauptkanal. Die Avenida zum Bahnhof repräsentiert diese zweite Wachstumsperiode der Stadt mit Belle Epoque und Jugendstil und Art Nouveau. Im Bahnhof bildet die Kachelkunst der Azulejos ein historisches Bilderbuch in blau und gelb und weiß. Ein Bilderbuch sind auch jene mit – Bildunterschriften versehenen Malereien auf den Moliceiros. Besteigen wir eines am Kai und vertrauen uns der sanges- und sagenkundigen Führung an. Das Kanalnetz macht die Stadt nicht zum „Amsterdam des Südens“ oder portugiesischem Venedig. Ein Abstecher in die Ria sollte deshalb Teil der Tour sein. Im nun grenzenlos geschütztem Tourismus.