Berlin, Deutschland (MaDeRe). Vitoria-Gasteiz ist die grüne Hauptstadt vom ‚Baskenland‘, von ‚Euskadi‘. European Green Capital, Global Green City Award: an Preisen wurde einiges abgeräumt. Jedoch, mit über 100 Kilometer ausgeschilderte Wege und Pfade, mit vielen „bidegorri“, Radwege auf baskisch, durch das Grüne, mit dem Grünen Ring von 30 km um die Großstadt: passt! Zentral auf der Plaza de la Virgen Blanca steht ein großer, bemooster Schriftzug: Doppelnamen, Ausrufezeichen, die Kulisse für Fotoshooting. Nahbei beliebter Treff zu Füßen eines Monuments voller Figuren in heroischer Pose.

Siegessäule bei Nacht vorm Ensemble mit den Galerías
© Foto / BU: Christoph Merten, Ort und Datum der Aufnahme: Vitoria-Gasteiz, 27. 10. 2025

Hoch zu Roß reitet er auf der Siegessäule jedoch ohne die Stiefel welche in seiner Heimat jedes Kind kennt. Bestimmt war es für Gummi einfach zu heiß an jenem Tag Ende Juni 1813, als Wellington mit dem „Abschaum der Erde“, wie er die britischen Soldaten unter seinem Oberbefehl benannte, in die Schlacht zog. Dazu Spanier und Portugiesen, gegen Franzosen und paar Badener unter Bonaparte. Vittoria, so betitelte Beethoven den Ort der Victoria im „musikalischen Schlachtengemälde“ op. 91. Victoriacum hieß der Ort aber bereits seit 581: Sieg der Westgoten über die Basken.

Was uns hier spanisch vorkommt, das ist oftmals baskisch. Euskara, mit keiner anderen bekannten Sprache verwandt, treibt Herkunftsforscher in den Kaukasus, ja drüber hinaus. Belassen wir’s mit: Hallo, wie geht’s? Kaixo, zer monduz? In Spanien sprechen rund 750.000 Personen baskisch, in den beiden nördlichen Provinzen am Atlantik eher als hier, aber auch in Araba: bai, Álava: ez, vermehrt ganz alltäglich.

Auf dem Weg von Vitoria nach Gasteiz, zu den Arkaden
© Foto / BU: Christoph Merten, Ort und Datum der Aufnahme: Vitoria-Gasteiz, 28. 10. 2025

Geöffnet für Bauarbeiten

Gasteiz, auf Euskara „der Hügel“ an dem die Altstadt sich ausbreitet, erkunden wir zu Fuß, mit viel treppauf, treppab. Durch die Arkade führt uns der Gang zu unserer Herberge La Casa de los Arquillos, eine stilvolle Frühstückspension, Teil des Ensembles aus dem 18. Jh. mit jenen „gläsernen Balkonen“, die in Nordspanien Hausfassaden schmücken. Innen modern eingerichtet, also: angenehme Bleibe.

Der Platz der Weißen Jungfrau liegt einige Stufen bergab, daneben die Plaza de España, quadratischer Paradeplatz mit hochherrschaftlichem Rathaus. Wir aber durchstreifen oben Mittelalter und Renaissance, bestaunen Kirchen, die Stadtpaläste, halten Aussicht vom Mirador und freuen uns wenn eine Rollrampe des steilen Weges kommt. Plötzlich dann ein Hinweis, der uns stutzig macht: „Geöffnet wegen Bauarbeiten“. Mehrsprachig treten wir ein. Die Kathedrale Santa Maria ist eine Offenbarung. Wenn Steine sprechen könnten: hier tun sie es, erzählen anschaulich wie fundiert und lassen den Baukörper lebendig erscheinen. Man wird so kenntnisreich zum Restaurateur. Krönung des Ganzen: der Aufstieg bis in den Turm. Vistas lohnen die Mühe.

Was noch? Die größte Sammlung an Spielkarten weltweit. Zum Beispiel. Oder ganz besonders: Plaza de los Fueros, von Eduardo Chillida mit-entworfen, baskischen Rechten, Gesetzen wie Gebräuchen gewidmet. Da darf ein Fronton nicht fehlen – plus weiterer Attribute baskischer Kultur und Gesellschaft auf einer gemeinschaftlich genutzten Anlage. Kein Denkmal, sondern ein Ort zum Leben – miteinander.

Weinland des Rioja Alavesa südlich der Sierra de Toloño
© Foto / BU: Christoph Merten, Ort und Datum der Aufnahme: Laguardia, 29. 10. 2025

Ins Weisse und ins Rote

Genug, es geht jetzt aufs Land hinaus, ins „Rioja Alavesa“. Zum Wein – nun, zuerst ins Salztal Valle Salado de Añana. Salz aus dem Meer welches vor 200 Millionen Jahren sich hier ausbreitete. Seit über 6500 Jahren wird weißes Gold gewonnen: Zeugnisse einer Industriekultur, die sich ganz wunderbar der Topographie anpasst. 5000 Salz-Pfannen, für das Auge Bassins, angelegt aus Stein, Ton, und Holz, gespeist aus salzhaltigen Quellen – und verbunden durch Hunderte von Kanälen im Gelände: eine Meisterleistung!

Die müden Füße verlangen nach einem „Spa Salino“ und die Zunge nach ein wenig Gourmet-Salz. Auf einigen der Bassins prangen kleine Tafeln mit Namen von berühmten Köchen, die wohl wissen: aus Añana kommt Allerbestes.

Und nun zum Wein. Rioja wächst auch drüben vom Ebro aber hüben kommt zum Kulinarischen noch ein Genuss. Baukunst für Weinanbau vom Edelsten: so bei Ysios von Santiago Calatrava. In Wellen aufstrebend, beschwingt, metallisch schimmernd, „Ente im Flug“ symbolisierend… – hmm. Jetzt hoch nach Laguardia. Zwecks Übersicht vom Paseo del Collado ins weite Rebland: Tempranillo, aber auch Garnacha, Graciano (rote Sorten) und Viura (weiß). Hinein durch ein Stadttor ins ummauerte Städtchen, zur Kirche Santa Maria de los Reyes, polychromes gotisches Südportal, opulenter Skulpturen-Schmuck; zum Rathaus, ums Carillon zu hören, die Spielfiguren tanzen zu sehen. Und es gibt oben noch viel mehr zu entdecken, vor allem aber unterirdisch: die Weinkeller „Cuevas subterráneas“.

Reihe riesiger Porträts an Stahltanks der Wein-Cofradía.
© Foto / BU: Christoph Merten, Ort und Datum der Aufnahme: Laguardia, 29. 10. 2025

Schon in Vitoria-Gasteiz waren uns die Wandmalereien aufgefallen, großflächige Graffiti von Straßenkünstlern, welche kunterbunt Gebäude in der Altstadt auszeichnen. Aber Murales an Stahltanks einer „Winzer-Bruderschaft“? Sie wirken wie gezeichnet, schwarz-weiß, Leute bei der Arbeit, die riesig dastehen, wobei vor allem ihre Hände, akribisch ausgeformt, wirkungsvoll zur Geltung kommen. Bei der „Cofradía“ Solar de Samaniego in Laguardia, wo natürlich Rioja auch im Holzfass ausgebaut wird.

Hotel ‚Marques de Riscal‘ von Frank O. Gehry – in Titan
© Foto / BU: Christoph Merten, Ort und Datum der Aufnahme: Elciego, 29. 10. 2025
Hotel ‚Marques de Riscal‘ von Frank O. Gehry – in Titan
© Foto / BU: Christoph Merten, Ort und Datum der Aufnahme: Elciego, 29. 10. 2025

Ein Wunderwerk im Wein

„Wie ein galoppierendes Tier in der Savanne“ sollte das Gebäude erscheinen, schwerelos über der Landschaft schweben, wie „Fahnen, die im Wind flattern“ das Dach. Vorstellungen vom Stararchitekten Frank O. Gehry zur angestrebten Wirkung bei Ansicht des Baukörpers. Ein Werk im Stil des Dekonstruktivismus: Struktur und Form werden simultan Destruktion und erneuter Konstruktion unterzogen. Wow! Nun ja, wer wie wir mit dem Flieger anreist wird in Bilbo, so auf gut baskisch, bestimmt das Guggenheim Museum besuchen, auch ein Oeuvre von Gehry, und hier, in Elciego, Parallelen ziehen können.

Ciudad del Vino del Marques de Riscal nennt sich der Komplex aus dem Weingut der markgräflichen Familie sowie dem emblematischen Hotel, welches eigentlich ausschließlich dem Marques und paar illustren Gästen vorbehalten sein sollte. Zum Tasting vom Feinsten, als standesgemäße Herberge. Der spanische König kam gelegentlich gerne für ein Gläschen vorbei, jedoch: er logierte lieber nebenan, nicht futuristisch. Das suchen dagegen die internationalen Reisende als Gehry-Fans, welche in dem nach und nach zum Hotel gewordenen, erweitertem Haus Station machen auf ihrer Tour. Die Bibliothek ganz oben bei Gehry’s bietet sich an einen adligen Rioja zu geniessen, das Spa für Vinotherapie. Herzstück der „Weinstadt“ sind natürlich die Bodegas, Kellereien mit unzähligen Eichenfässern voller edlem Rebensaft. Samt der „Botellería“, einer Sammlung von Weinflaschen deren Geschichte bis 1862 zurückreicht. Kredenzt wurde zum 100jährigen Jubiläum des Rioja – selbstverständlich in Anwesenheit von Felipe VI – ein Marques de Riscal 1925. Prost! Topa! Salud! On egin!

Rot für den Wein, Silber für die Kapsel, Gold fürs Netz – welches die Flasche umgibt, einst ein Kopierschutz um Umfüllen zu verhindern. Gehry griff das Farbenspiel auf, verwendete gern Titan als Werkstoff, beim Bau in Bilbo ebenso wie in Elciego. Gerade in Japan, sah er farbige Schlüsselanhänger aus dem Material. Nur kleine Teile, große Stücke brauchte er und nach einigem hin und her standen sie in den Weinbergen des Marques, um ihre Tauglichkeit zu prüfen. Was für ein Bild! „Instagrammer“ wären aus Tokio, bestimmt von weither angereist.

Reisehinweise

Infos im Netz:

https://tourismus.euskadi.eus/de

Seite mit mehr als üblichen Inhalten: zur baskischen Küche, zur Sprache mit Worterklärungen, Top-Tipps & Musikvideos, ungewöhnliche Themen: Route zu Romanschauplätzen… – Plus: Virtuelle Karten zur individuellen Planung von Touren!

Die Logis: https://lacasadelosarquillos.com

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