Nürnberg, kein Wallfahrtsort – Serie: Fluss, Wein, Kulinarik und Romantik – Kreuzfahrt mit MS RIVER VOYAGER (Teil 4/7)

Blick von der Burg auf Nürnberg. © 2020, Foto/BU: Dr. Peer Schmidt-Walther

Nürnberg, Deutschland (MaDeRe). Während der Bus die Stadt ansteuert, muss ich an meinen ersten Verwandten-Besuch in Nürnberg denken: als „Botschafter in Blau“ des „Weißen Schwans der Ostsee“. Das war anno 1965, und zwar in Uniform als Kadett des Marine-Segelschulschiffes GORCH FOCK, damals noch nicht skandalumwittert. Da war man eine Attraktion, und die Mädchenherzen flogen einem hier im tiefsten bayerischen Binnenland nur so zu. In den Kneipen gab´s Freibier „für den Seemann“. Zeiten waren das – längst vergangen, aber nicht vergessen!

Vom Fass: ein dunkles Bier in Nürnberg. © 2020, Foto/BU: Dr. Peer Schmidt-Walther

Auf der Fürther Straße erinnert die Stadtführerin daran, dass auf dieser 15 Kilometer langen Strecke 1835 der erste deutsche Zug rollte, gezogen von der legendären Dampflok „Adler“, die heute (außer montags) im DB-Museum zu bewundern ist. Und noch viel mehr aus der Eisenbahnwelt: Lokomotiven, Waggons, Modelle und Technik. Auch dies eine Kultstätte für jeden Freund der Schiene.

Die legendäre Weltrekordlok 05 001 im Nürnberger Verkehrsmuseum. © 2020, Foto/BU: Dr. Peer Schmidt-Walther

Während vor 185 Jahren 35 Kilometer pro Stunde Höchstgeschwindigkeit und „Teufelswerk“ waren, rollt der Bus mit fünfzig Sachen dahin. MS RIVER VOYAGER bringt es gerade mal auf zwanzig. Das ist die Umkehr der Beschleunigung von einst, heute „Entschleunigung“ genannt. Die Gäste wissen es zu schätzen und weinen der Schnelligkeit keine Träne nach. Besonders dann, wenn das Schiff neben Straßen oder Bahntrassen herfährt oder Autobahnbrücken unterquert werden mit ihrem pausenlos sirrenden „Reifen-Gesang“.

Als das Reichsparteitagsgelände auftaucht, meint jemand nicht ganz ernst: „Gleich haben wir einen Termin beim Führer“. Ihre erste Großkundgebung auf dem Gelände nannten die Nazis 1933 „Reichsparteitag des Sieges“.

Adolf Hitler, so die Reiseleiterin vor der Tribüne, auf der er seine Propagandareden schwang, hegte große Sympathien für die heute 970 Jahre alte spätmittelalterliche Stadt, die im Krieg zu 80 bis 90 Prozent zerstört wurde. Dennoch blieb viel historische Substanz erhalten.

Dies, Nürnbergs romantischer Mythos und die Lage als Eisenbahnknotenpunkt für den Massentransport veranlassten ihn dazu, Reichsparteitage dort abzuhalten. Von 1933 bis 1939 wurde an dem Kundgebungsmonstrum gebaut. Auf eine bestimmte Weise faszinierend bis heute, sogar für Australier, Chinesen, Japaner und Amerikaner. Die fehlen aber coronabedingt.

Das historische Fotomaterial der Schautafeln lässt Schauer über den Rücken kriechen. Neonazis haben kein Interesse an diesem „Wallfahrtsort“, „weil alle Nazi-Symbole von den Amerikanern nach Kriegsende demontiert wurden“.

Als die Bundesanstalt für Arbeit in Sicht kommt, hat die Reiseleiterin natürlich einen passenden Spruch parat: „Sie verbinden die Anstalt sicher gleich mit den schlechten Statistik-Botschaften von dort nach dem Motto: ´Es kommt nichts Gutes aus Nürnberg`. Das sagen auch die Fürther Nachbarn, und die Nürnberger kontern: ´In Fürth, da stinkt´s`“. Damit hat sie die Lacher auf ihrer Seite. Sie ist auch eine gute Psychologin, denn schon der Heidedichter Hermann Löns sagte, so das Tagesprogramm: „Das wichtigste Stück des Reisegepäcks ist und bleibt ein fröhliches Herz“.

Am monumentalen Landgericht wird sie wieder ernst, denn hier wurden die größten Kriegsverbrecher von den Alliierten abgeurteilt. Noch heute erinnert eine große Tafel mit ihren Flaggen an diese historischen Prozesse.

Eingangstor zur Nürnberger Burg. © 2020, Foto/BU: Dr. Peer Schmidt-Walther

Das angrenzende Areal ist von einer hohen Mauer umgeben, weil immer noch Gefängnis. Nürnbergs nahezu völlig erhaltene Stadtmauer hingegen zeugt von ihrer Bedeutung als ehemals freie Reichstadt und bildet bis heute den Rahmen für die historische Altstadt, die vor dem Zweiten Weltkrieg die besterhaltene mittelalterliche Großstadt Deutschlands war.

Lebkuchen. © 2020, Foto/BU: Dr. Peer Schmidt-Walther

Eine weltoffene Stadt ist sie wieder, die man an einem Landgangs-Tag bequem zu Fuß erkunden kann. In einem Faltblättchen lockt Oberbürgermeister Dr. Ulrich May: „Genießen Sie unsere Stadt. Es gibt viel zu entdecken!“ Sie ist Kult, nicht nur dank Dürer, Wahrzeichen Kaiserpfalz-Burg, UNESCO-Welterbe, „Blauer Nacht“ (Deutschlands größte Kulturnacht), Christkindlesmarkt, Bier und „Rostbratwürstle“. Die Reihe ließe sich mühelos fortsetzen. Noch nicht mal 1000 Jahre alt ist sie, aber voll mit Geschichte(n). Zum Beispiel der vom „Schönen Brunnen“ auf dem Rathausplatz. In das eiserne Gitter ist nahtlos ein Messingring eingeschmiedet. Der Sage nach soll eine junge Frau, die drei Mal am Ring dreht, sich ein Kind wünschen dürfen. Oder es heißt, dass eine Frau so viele Kinder bekäme, so oft sie am Ring dreht. Oder nach uraltem Volksglauben holt der Storch neugeborene Kinder aus dem Brunnen. Noch heute gebe es Paare, die kurz vorher im angrenzenden Rathaus getraut worden sind und anschließend am Ring drehen. Es gibt wohl keinen Touristen, der – weil es Glück bringen soll – nicht genauso gemacht hat. Entsprechend blank poliert ist das legendäre Stück Metall am „Schönen Brunnen“ zu Nürnberg.

„Leinen los Kurs Bamberg!“ heißt es am Abend kurz nach 18 Uhr.

Anmerkung:

Die Recherche wurde von Nicko Cruises unterstützt.