Eine Bootstour auf der Themse durch Midsomer

Herrschaftlich: Mit „Hobbs of Henley“ auf der Themse. © 2019, Foto/BU: Christoph Merten

Henley, England, VK (MaDeRe). Von der Hauptstadt zur Hafenstadt mit Aussicht auf Amerika soll so Wunsch und Wille britischer Tourismusplaner der Great West Way als die Leitlinie dienen. Für Bootskapitäne, Eisenbahnfreunde und logo hauptsächlich für Kraftfahrer, unterwegs ohne Hast und Hektik abseits der heutigen Heerstraße von London nach Bristol – und bekannter Hotspots. Deshalb ließen wir gerne Windsor links liegen und begaben uns erst in Henley an Bord des Ausflugsboots.

Es regnete noch Hunde und Katzen als wir ankamen, zu den drei floral gekleideten Damen und ihrer hübsch gedeckten Tee-Tafel. Über die Unbill von oben kann man sich auf der Insel den ganzen Tag unterhalten, mit den erstaunlichsten Ausdrucksweisen – also verwunderte uns ihre Begrüßung nicht. Tee trinken wird hier im Herzen von England an der Themse zelebriert, und zur passenden Sorte für jede Gelegenheit und Gemütszustand gehört auch dieses Gebilde, eine kultische Monstranz mehrere Etagen hoch voll von Gebäck, Keksen und Kuchen, scones and clotted cream, Honig und meist Erdbeermarmeladen. Bevor es dann an Deck ging, denn der Regen hatte beinahe aufgehört – nur um den bunten Bogen über die countryside zu spannen – schenkte der Mann an der Bar allen ein. „Es gibt nichts großartigeres, den Geist anzuregen als ein Gin auf dem Fluss um 11 Uhr morgens“ meinte Harry Hobbs 1870 – und dem Firmengründer zu Ehren kam zum 150. Jubiläum „Mr. Hobbs Henley Gin“ flott zur respektablen Flottille. Da kann man wählen: Ganz elegant mit Chauffeur oder lieber selbst am Steuer.

Bunte Boote vor dem Sitz der „Henley Royal Regatta“. © 2019, Foto/BU: Christoph Merten

Wer sich sowie den Seinen ein Heim bauen will der kann am Fluss dies mit Stil eigentlich nur an der Themse tun. Weit außerhalb von London, Kew Gardens, Hampton Court. Weniger Windsor. Ab Eton also, maximal bis Oxford. Wo der Wind durch die Weiden weht – literarisch aber auch sonst gesehen. Mit Uferpartien als wären sie natürlich belassen, obwohl unprätentiös in das Landschaftsgefüge eingefügt von vornehm zurückhaltenden Herrenhaus mit weitem Umschwung. Am Steg drei Männer im Boot vom Hund gar nicht zu sprechen. Feine fröhliche englische Freizeitidylle findet man hier – unübertragbar. Von Marsh Lock, flussaufwärts, bis Hambledon Lock Richtung Marlow verkehrt das Ausflugsschiff in einer Stunde. Falls es dabei keinem Mitglied des Hofes in die Quere kommt. Die nicht markierten Schwäne stehen unterm Schutz vom Königshaus – und sie scheinen sich der hohen Huld durchaus bewusst zu sein. Eines der originellsten und neuerdings voll ökologisch von vielen traditionsreichen Begebenheiten im Lande ist das „Swan Upping“. Es ist ein bewegliches Fest, dieser Zensus der cygnets, der jungen Tiere wie der alten Höcker. Es dauert fünf Tage, beginnt Mitte Juli im sonst unscheinbaren Sunbury und endet in Abington. Mittwoch zu Mittag erklingt von Hambledon bis Henley der Ruf „All up!“ aus den Ruderbooten. Passend rot und weiß gekleidet, der königliche Swan Marker mit weißer Feder im Hut immer voran wird gezählt und geschaut ob alle gehobenen Langhälse sich bester Gesundheit erfreuen. Alle nicht Blaublütigen gehören zwei Londoner Gilden.

Im Pub „The Angel on the Bridge“ – und mitten im Krimi. © 2019, Foto/BU: Christoph Merten

Rudern auf der Themse besitzt eine lange Tradition, besonders in Henley deren Regatta bereits 1839 aus der Taufe gehoben wurde. 1851 war Prinz Albert ihr Schirmherr und machte sie zum royalen Rennen. Eine Veranstaltung lauter schräger Kopfbedeckungen bei den Damen und schicker gestreifter Blazer bei den Herren – na ja, an Land und nur zum Teil. Zu Wasser geht es fünf Tage Ende Juni, Anfang Juli sehr sportlich zu. Zwei Dutzend Pokale und Trophäen gibt’s zu gewinnen. Bis zu 88mal am Tag reißen sie und er sich am Riemen. Schlag auf Schlag: alle 5 Minuten startet ein Wettbewerb. 1908 und 1948 kam die Strecke zu olympischen Ehren. Eine Meile 550 Yards oder 2112 Meter lang, mit zwei Bahnen – benannt nach den angrenzenden Grafschaften, beginnt sie an Temple Island und endet jetzt in der Flussbiegung kurz vor Henley Bridge. Stilvoll ist schön schauen aus „Steward’s Enclosure“ gegenüber der Ziellinie. Für Members – nach 5-8 Jahren ist man auf der Warteliste am Ziel – und deren Gäste. Weniger exklusiv das River & Rowing Museum, 1998, ein Werk von David Chipperfield auf Mill Meadows und mit Einblick in „The Wind in the Willows“. Der neoklassische Tempel auf der Insel ist gut fürs Ja-Wort. Vor und nach der Regattawoche kann man von der steinernen Brücke, welche seit 1786 den Fluss spannt, die Freizeitruderer beobachten; und Eleven vom Leander Club im pinken Dresscode drüben – 1818 gegründet und mit 127 olympischen Medaillen wohl erfolgreichster Ruderclub der Welt.

Stonor Park: Vom Herrenhaus in den Landschaftsgarten. © 2019, Foto/BU: Christoph Merten

Hüben in Henley grüßt der Engel: „The Angel on the Bridge“ ist der Inbegriff des englischen Pub – eine Ikone und malerisches Modell, seit 1728. Mit goldenen Flügelwesen als Wirtshausschild. Und der Terrasse an der Themse, wo diese Leiche vorbei trudelte. Im Film. Hier wurde „Midsomer Murders“ gedreht – mit Inspektor Barnaby. Touren auf seinen Spuren führen durch die so friedliche Gegend – vom Fluss hoch in die Chiltern Hils oder von Henley nach Marlow. Gut 150 Schauplätze sind in Midsomer, der imaginären Grafschaft bereits verzeichnet, und es werden logo immer mehr; oft mit einer runden roten Plakette gekennzeichnet, samt Hinweis zur Sequenz. Henley und Marlow sind propere englische Kleinstädte mit Markt und intakter Ladengeschäfte in beider High Street. Berühmtheiten lebten hier – „Frankenstein“ von Mary Shelley kam in Marlow zur Welt und ex-Beatle George Harrison wohnte in Friar Park, Henley, einem exzentrischem Fantasiegebilde aus 120 Zimmern mit Mini-Matterhorn im Park. Aber Barnaby beherrscht die Szene. Picknick auf der „Midsomer Regatta“… Seriensüchtige reisen von Tatort zu Tatort. Stonor Park, vier Meilen von Henley und halbwegs in den Chilterns, lohnt sich auch abseits vom Reihenrummel. 1839 hatte der 3. Baron Camoys bei der Gründungsversammlung der Regatta den Vorsitz inne; ihm zu Ehren wird die Stonor Challenge Trophy an die Siegerinnen im Doppelzweier überreicht. Das Herrenhaus in rotem Ziegelstein liegt langestreckt im satten gepflegten Grün – ein reizvoller Gegensatz. Besucher sind zu Gast bei einer Familie katholischen Glaubens welche weiterhin ihren Landsitz bewohnt. Zu Corona-Zeiten empfängt sie leider nur draußen – im Park und den Gärten. Drinnen rufen wohl eigenartige Details am meisten Verwunderung hervor – von den Stuhllehnen bis zum Hutständer.

Anmerkungen:

Die Recherche wurde unterstützt von „England’s Great West Way“. Siehe auch die Reportage „Auf königlich-englischen Wasserpfaden – ein Hausboot-Törn auf der Themse“ von Dr. Peer Schmidt-Walther.