Bin dann mal ein wenig wandern: durch Burgund, zum Wein, von Auxerre nach Vézelay

Wein, Wald und eine Siedlung im Burgund. Quelle: Pixabay, Foto: djedj

Auxerre, Vézelay, Burgund, Frankreich (MaDeRe). Eine Pilgerfahrt ist ja eigentlich keine Vergnügungstour, schon gar nicht für Gläubige. Gut, da fand sich niemand unter uns. Nur wenig wandern wollten wir, genussreich durch die Felder vom Burgund welche mit Weinreben bestückt waren, und zwischendurch öfters mal einkehren in diesen Fasskeller oder frohgemut in jene Kneipe. Aber: Zielloses Umherirren war nicht gewollt. So wählten wir das Emblem einer jedem Kraftfahrer bekannten Marke als Wegweiser – und machten uns auf, den „Berg der Freude“ zu erklimmen. „Ach du heiliger Bimbam“ war bald unser aller Rede.

Unterwegs von Welterbe zu Welterbe. © 2019, Foto/BU: Christoph Merten

Stimmt, die Muschel ist auch das Zeichen für die Pilgerrouten zum wahren Jakob, zu den Überresten christlich Reliquien benannt des Apostels Jakob, Sant Jago auf spanisch, in Santiago de Compostela. Und darüber hinaus – denn manchen der mit stetigem Schritt und schwungvollen Stab das Heiligtum im fernen Galizien ganz wacker wandernd erreichte trieb es weiter bis ans Ende der Welt, wo das Paradies den Pilger erwartete – in der Wildnis am Kap Finisterre. Finis terrae und heim, mit der Muschel am Hut. „Seht her, ich war dort“. Am 25. Juli, dem Jakobstag. Beim Wettlauf der Wallfahrtorte stand Santiago neben Rom und Jerusalem auf dem Treppchen. Im Mittelalter pilgerten bis zu 400.000 jährlich. Ehrlich, Erbsenzählen am Ziel kam zu diesem Ergebnis. Nicht 1348 als der Schwarze Tod wütete. Im Heiligen Jahr 2021 wird das Ganze für Alle wieder gut zu bewandern sein. Und Burgund geht immer.

Altstadt und Flusspartie von Auxerre. © 2019, Foto/BU: Christoph Merten

Vier Hauptwege zu Land und eine zu See führen durch Frankreich und Nordspanien nach Santiago. Mit Start in Paris hätten wir den „Via Turonensis“ wählen sollen, jedoch – die Wege des Herrn sind verschlungen – uns kam, in vino veritas, der „Via Lemovicensis“ in den Sinn. Diese Wahrheit vermittelte uns den rechten Glauben in unser Tun und den Schienenstränge zufolge war dann im Burgund Auxerre, Weinhandelsstädtchen am Ufer der Yonne, erste Station auf fröhlicher Pilgerfahrt. Die Kommune hat ihre Flusspartie fein herausgeputzt, mit dem Chemin de Halage, Treidelpfad von einst der Wanderer im Frühling, zur Blüte, hübsch hinausbegleitet ins Coulangeois, entlang der Hänge im Tal der Kirschen wo Pilger im Sommer die reifen roten Früchte naschen können. Jedoch, zuerst galt es sakrale Sehenswürdigkeiten anzulaufen, die beiden welche sich bedeutend über dem Fluss erheben: Kathedrale nebst Abtei. Wobei es die Trouvaillen sind welche ins Staunen versetzen, diese akribischen Steinmetzarbeiten am Portal, diese Holzschnitzereien sogar der „Hausgesichter“ wo bunte Balken Stütze bilden. Überm Torbogen neben dem Glockenturm der Abtei zeigt – unbeirrt seit 1483 – die astronomische Uhr eines Meister „Jean“ an wie die Zeit im Firmament verrinnt. Saint Jaques rief! Geschwind zur Herberg. Sie ist ja recht karg eingerichtet, wohl damit der wache Geist nicht abgelenkt wird; wobei das Grün im Gelände das Gemüt besänftigt. Nobler nächtigt sich im „Hotel Le Maxime“.

Astronomisch genau seit 517 Jahren. © 2019, Foto/BU: Christoph Merten

Verworren erscheint das Wegenetz für Jakobspilger in Frankreich, als ob die Touristiker für ihre Gäste andere Routen bevorzugen als Theologen und Kleriker. Streng genommen befanden wir uns noch auf einem Zugang, dem von Köln über Trier, Domrémy-la-Pucelle, Colombey-les-Deux-Églises und Clairvaux ins heutige Bourgogne zum Hauptweg ab Vézelay. Weithin durch Wein wandern geht im Burgund bestens. Zwischen Tonnere und Auxerre hätten wir ganz eifrig Chablis schnabuliert, ein leichter Weißer, ein Chardonnay so charmant wie das Winzerstädtchen im Tal der Serein. Herein! zu gut drei Dutzend ausgezeichneten Betrieben, vorbei am Grand Cru und ein paar Premier Cru. Lehm-kalkhaltige Böden verleihen dem Wein die vom Kenner geschätzten mineralischen Noten. Schon bei Beine würden unsere Beine schwer – gelobt sei erst in Auxerre zu starten. Der Grand Auxerrois umfasst vier terroirs, Anbaugebiete die meist als regionale appelation gelistet werden – so im Vézelien der Bourgogne Vézelay. Wobei die Rebsorte Auxerrois hier nicht in Erscheinung tritt, sondern bei den Weißen wieder Chardonnay, ferner Aligoté, selten Sacy oder Melon – und bei den Roten Pinot Noir und Gamay. Der autochthone, sehr alte César findet noch bei cuvées der „Appelation Village“ von Irancy Verwendung, wie wir im Ort erfuhren. Dorthin ab Champ-sur_Yonne führte uns Laurent Richoux vom Wanderverein Auxerre durch einige sanft gewellten Weinberge. Gen Mittag zu wurde es warm…

Der Jakobsweg lohnt das Studium. © 2019, Foto/BU: Christoph Merten

Wahrhaftig, vor uns in Irancy standen viele veritable Ferraris. Die roten Modelle, „Les Mazelots“ wie „La Bergère“, beide 100% Pinot Noir, und besonders „Le Paradis“ als Cuvée mit 5% César gefielen uns Weinpilger, ebenfalls der Rosé und der Ratafia de Bourgogne. Eine Mischung aus zwei-drittel nicht fermentiertem Traubenmost und ein-drittel Marc de Bourgogne, dem regionalen Tresterbrand.

Irancy im Burgund umgeben von Weinbergen. Quelle: Pixabay, Foto: djedj

Mit „Ut rata fiat“ beschlossen Notare einst ihre Tat und luden nach dem letzten Willen zum finalen Toast – wobei ratafiat damals oft Likör war. Traditionell ist Ratafia im Burgund ein Aperitif zu dem gern und gut Gougère gereicht wird – Käsegebäck aus Brandteig. Als bereits ausgehungerte Wanderer speisten wir im „Le Soufflot“ zu Mittag um bald darauf unterirdisch vor Ort in den „Caves Bailly Lapierre“ deren Crémant de Bourgogne zu verkosten. Kalt unten im Steinbruch. Oben las Laurent vor, spricht vom burgundischen Klima. Nein, von les Climats de Bourgogne: „Ein Climat bezeichnet eine kleinflächige Weinlage, die häufig seit Jahrhunderten unter demselben Namen bekannt ist und eine eigene Identität aufweist, kulturell dank ihrer bis zu den Römern reichende Geschichte als auch durch die Beschaffenheit ihres Bodens, ihre Hangausrichtung und ihr Klima“. Griechisch klima-atos, wobei ta klimata: die Reben. Weltkulturerbe sind nur Climats südlich Dijon bis etwa Santenay, behauptet die UNESCO. Wir schenkten ihr keinerlei Glauben. Für uns sind es namentliche Lagen, mit nur einer Rebsorte bestellt, deren Erträge separat vinifiziert werden. Prost!

Vorbereitung auf die letzte Etappe. © 2019, Foto/BU: Christoph Merten

Staffelstabwechsel an der Pilgerkirche von Asquins. Ab hier führte Monsieur Rousseau vom Verein der Jakobswege die heitere Schar. Jenseits Irancy hatte uns – welch Wunder – im Wein ein Kleinbus aufgesammelt und abseits vom Dorfgotteshaus wieder ausgesetzt. So wurde der Heiligenschein gewahrt. Von der Anhöhe über dem Ort erblickten die Pilger auf dem Zugang via Auxerre zum ersten Mal Vézelay und errichteten aus Freude ein Holzkreuz an sakraler Stelle. Der Steinsockel des Wegzeichens auf diesem „Montjoie“ ist gut erhalten. Unten in Asquins verfasste Kaplan Aimeric Picaud vor 1140 die ersten Teile vom Codex Calixtinus dem Reiseführer mit päpstlichen Segen für Jakobspilger. Besser gesagt: er war der compilator, auf Deutsch „Plünderer“, von Texten anderer Autoren die er geschickt zusammenfügte. Copy and Paste, mittelalterlich. Da die Reblaus anno dunnemals in der Gemarkung ganze Arbeit geleistet hat wurden wir bis rauf zu Vézelay wahre Jakobspilger. Nahmen zuerst in der Église Saint-Jaques die hölzerne Büste des Apostels Jakobus, farbig bemalt, in Betracht bevor es durch die schmucke Gemeinde ging, vorbei am gut erhaltenen Waschhaus welches wohl schon manchem Pilger wieder zum properen Outfit verholfen hat. Genügend gelbe Schilder garniert mit der Muschel wiesen uns den Weg, erst geradeaus durch Gras und Getreideland und bald steil den Hügel hinauf bis fast in den Himmel. Rast bei der Basisstation mit vier C: Chemin, Croix, Chapelle de la Cordelle. Im Frühling reizvoll die Blütenpracht im alten Gemäuer. Mahnend erhob sich das Holzkreuz. Jetzt aber los!

Blick vom Montjoie, dem Berg der Freude, über Asquins auf Vézelay. © 2019, Foto/BU: Christoph Merten

Wir hatten das Ziel vor Augen wenn auch nicht mehr im Blick. Die Piste wurde enger, durchquerte dichteres Grün, ein Trampelpfad zuweilen und dann wieder ausgetreten im Pilgerschritt bis sie am befestigten Stadttor in eine stetig ansteigende Straße überleitete – direkt vors Hauptportal der Basilika Sainte-Marie-Madeleine. Wir aber strebten nach rechts ins „Hotel de la Poste et du Lion d’Or“ – zweifelsfrei das Erste Haus am Platze. Gestärkt stiegen wir wieder zur Wallfahrtskirche hinan. Vorbei am Haus wo Romain Rolland – der 1915 für „kriegskritische Schriften“ den Literaturnobelpreis erhielt – im besetzten Frankreich die letzten Jahre seines Lebens verbrachte. Reliquien der Maria Magdalena machten die Abtei im Mittelalter zu einem Machtzentrum der politischen Propaganda. Bernhard von Clairvaux rief 1146 in oder unterhalb von Vézelay zum zweiten Kreuzzug auf – zum dritten 1190 startete Richard Löwenherz und der französische König gemeinsam von hier. Im Streit um die echteren Gebeine entschied sich 1295 Bonifatius VIII. gegen Vézelay und für Saint-Maximin – gefördert von Karl II. von Anjou mit Hilfe eines nun ja unauffindbaren Echtheitszertifikats. Dem Pilgerstrom am Beginn des Via Lemovicensis tat das keinen Abbruch jedoch verfiel das Kirchengebäude nach der Revolution bis Viollet le Duc es ab 1840 restaurierte. Original erhalten sind die Tympana der Narthex und viele Kapitelle, wie „Die mystische Mühle“ beladen mit christlicher Symbolik. Erklärungsbedürftig… Wir Weinpilger aber eilten zum nächsten „Berg der Freude“ – der Domaine „La Croix Montjoie“. Santé!

Anmerkung:

Die Recherche wurde unterstützt von Bourgogne-Franche-Comté Tourisme und Jörg Hartwig FD.