Berlin, Deutschland (MaDeRe). Der Nationalpark Dwingelderveld im niederländischen Drenthe ist das größte feuchte Heidegebiet Westeuropas. Seine weiten Flächen sind von kleinen Moorgewässern, den Vennen, durchzogen, die sich im Laufe des Jahres in den schillerndsten Farben neu erfinden. Smaragdgrüne Libellen tanzen über der Heide, Moorfrösche färben sich im Frühjahr für kurze Zeit leuchtend blau, und im nahen Hünengrab bei Exloo offenbart sich ein verborgenes Leben zwischen uralten Steinen.

© Foto / BU: Heidrun Lange
„Wenn ich morgens meine Runde durch das Dwingelderveld drehe, ist es oft noch mucksmäuschenstill. Für mich ist das der stillste Ort der gesamten Niederlande“, sagt Rangerin Jojanneke Drijver. Ihre Wanderstiefel knirschen über den sandigen Boden, während sie durch eine Landschaft führt, die sich seit der letzten Eiszeit kaum verändert hat. Der Weg führt über sandige Dünen, wenige Schritte später führen schmale Holzbodenstege über das Moor.
Im Sommer zeigen die feuchten Senken ihre ganze Farbenpracht. Die Glockenheide überzieht die Landschaft mit einem zarten rosafarbenen Teppich. Die Rangerin zeigt auf die kleinen, glockenförmigen Blüten, die sich sanft im Wind wiegen. „Sie lieben den nassen und sauren Moorboden“, erklärt sie. Gleich daneben blüht der tiefblaue Lungen-Enzian, während die weißen, watteartigen Fruchtstände des Schmalblättrigen Wollgrases helle Akzente setzen. Zierliche, orangefarbene Falter tanzen von Blüte zu Blüte, um Nektar zu naschen. Dazwischen gleiten lautlos smaragdgrüne Libellen über die Moorgewässer.

© Foto / BU: Heidrun Lange
Im Dwingelderveld hat jedes Lebewesen seine Bestimmung. Zieht die Herde der Drenther Heideschafe durch die zarte rosa blühenden Glockenheide, wirkt es fast so, als würden die robusten Tiere die Pflanzen kahl fressen. Doch der Schein trügt. Auf ihren täglichen, rund 15 Kilometer langen Wanderungen fressen die Tiere der alten Hausschafrasse vor allem das wuchernde Pfeifengras und halten so die Heide offen. Gleichzeitig transportieren sie in ihrer dichten, rauen Wolle Samen von Heidepflanzen, Gräsern und Birken durch den Nationalpark. „Ohne diese natürliche Landschaftspflege würde die Heide schnell verbuschen. Seltene Moorpflanzen würden Licht und Lebensraum verlieren,” erklärt Rangerin Jojanneke.

© Foto / BU: Heidrun Lange
Sie zeigt hinüber zum Ufer. Auf Schilfhalmen im Wasser sitzt regungslos ein Grasfrosch und sonnt sich, die goldglänzenden Augen aufmerksam auf die Umgebung gerichtet. Wenige Meter weiter gleitet ein Moorfrosch zwischen Wasserpflanzen hindurch und verschwindet im dunklen Schlamm. Da die Tiere extrem scheu sind, genügt schon der Schatten eines Wanderers oder das Knirschen eines Schrittes. Erst wenn die Luft wieder rein ist, jagen sie an den Ufern nach Insekten und Würmern.

© Foto: Ben Berwers, BU: Heidrun Lange
Wer im zeitigen Frühjahr kommt, kann ein Naturschauspiel erleben, das weltweit nur an wenigen Orten zu beobachten ist. Für wenige Tage meist Anfang März verfärben sich die sonst unscheinbar braunen Moorfrösche leuchtend himmelblau. Mit ihrem auffälligen Hochzeitskleid werben die Männchen um die Weibchen. „Wir müssen unseren Besuchern jedes Mal versichern, dass wir hier keine Frösche anmalen“, erzählt die Rangerin lachend. Tatsächlich entsteht das intensive Blau ganz natürlich und verschwindet nach der Paarungszeit ebenso schnell, wie es gekommen ist.
Wer dann geduldig in einer der Beobachtungshütten am Moor ausharrt, erlebt ein Naturkonzert. Aus dem Schilf erklingt ein leises, rhythmisches Glucksen, als hätte jemand unter Wasser eine Sprudelflasche geöffnet. Es ist der Balzruf der Moorfrösche, der über die stillen Wasserflächen hallt. Dazwischen im Schilf sitzen Grasfrösche völlig unbeeindruckt vom himmelblauen Auftritt ihrer Verwandten.

War diese Moor-und Heidelandschaft mit mehr als 60 Moorseen und Torfmooren schon immer so unberührt, wie sie sich heute zeigt? Keineswegs, denn um 1900 zerstörten Entwässerung und großflächiger Torfabbau für die Bergbau-Holzgewinnung das heutige Nationalparkgebiet. In den vergangenen Jahren wendete sich das Blatt. Gemeinsam mit der Provinz Drenthe und Staatsbosbeheer wurde das Dwingelderveld Schritt für Schritt renaturiert. Heute reguliert ein ausgeklügeltes Wassermanagement den Pegel. Naturschützer verfüllten dafür kilometerlange Entwässerungsgräben und errichteten kleine Wehre. So bleibt das Regenwasser möglichst lange im Moor gespeichert. Wie ein riesiger Schwamm nimmt die Landschaft das Wasser wieder auf und schafft damit die Lebensgrundlage für die Rückkehr von Glockenheide, Wollgras, Moorfröschen und zahlreichen weiteren Spezialisten der Feuchtheide.

© Foto / BU: Heidrun Lange
Während der Südwesten Drenthes voller Leben steckt, atmet der waldreiche Osten Urgeschichte. Hier zieht sich der eiszeitliche Sandrücken des Hondsrug durch die Landschaft. Mitten im Wald bei Exloo, umgeben von Kiefern, Eichen und Buchen, wacht das Hünengrab D30 an einer ruhigen Wegkreuzung. Es ist eines der am besten erhaltenen Großsteingräber Drenthes. Vor 5.000 Jahren wurde es von der Trichterbecherkultur mit Hebe- und Zugtechniken und Muskelkraft errichtet, indem die gewaltigen Steine auf die senkrecht stehenden Tragsteine erhoben wurden. Die rund sieben Meter lange Grabkammer diente als gemeinschaftliche Begräbnisstätte. Als der niederländische Archäologe Albert Egges van Giffen das Grab 1918 wissenschaftlich untersuchte, stieß er bei der Ausgrabung auf Scherben von mehr als 65 Töpfen sowie zahlreiche Feuersteinpfeilspitzen. Die Funde bestätigten, dass es sich um einen Bestattungsplatz aus der Jungsteinzeit handelt. Noch heute ruhen drei mächtige Decksteine auf den tonnenschweren Granitblöcken und geben einen Eindruck von der monumentalen Bauweise der frühen Siedler. Im Laufe der Jahrtausende hat sich die Natur das steinerne Monument zurückerobert. Wo einst Menschen ihre Toten bestatteten und Opfergaben niederlegten, verbirgt sich heute ein artenreicher Mikrokosmos. Moose und Flechten überziehen die raue Oberfläche der Steine. Im Frühjahr suchen die Singvögel in den Fugen nach verlorener Schafwolle, um ihre Nester weich auszupolstern. Im Sommer sitzen Eidechsen auf den sonnengewärmten Steinflächen, um Energie zu tanken. TIef in den frostsicheren Spalten überwintern Kreuzottern.
Reisehinweise:
Anreise mit der Bahn: Mit der Bahn über Zwolle bis Hoogeveen und Assen.
Tipps für Ausflüge: Das Besucherzentrum Dwingelderveld in Ruinen bietet Ausstellungen, Karten und ist perfekter Startpunkt für Wanderungen oder Radtouren. https://www.natuurmonumenten.nl/bezoekerscentrum-dwingelderveld
Das Schaf-Spektakel: Morgens (Austrieb): Die Herden verlassen die Schafställe meist gegen 10:00 Uhr morgens in Richtung Heide. Nachmittags (Heimkehr): Zwischen 16 Uhr und 17 Uhr kehren die Schafe unter der Regie der Hütehunde wieder zum Stall zurück.
Hünengrab D30 bei Exloo (Osten): Hunebeddenweg, 7875 TC Exloo (in der Region Hondsrug). Das Hünengrab liegt bei Exloo (Hunebeddenweg, 7875 TC Exloo ( in der Region Hondstug) und ist vom Dwingelderveld in rund 35 Autominuten erreichbar. Ein kleiner Waldparkplatz befindet sich nur wenige Gehminuten von der über 5.000 Jahre alten Megalithanlage entfernt.
Anzeige:
Reisen aller Art, aber nicht von der Stange, sondern maßgeschneidert und mit Persönlichkeiten – auch gastrosophische Reisen durch das Königreich der Niederland –, bietet Retroreisen an. Bei Retroreisen wird kein Etikettenschwindel betrieben, sondern die Begriffe Sustainability, Fair Travel und Slow Food werden großgeschrieben.








