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Einsame Spitze: das Hotel im Fernsehturm auf dem Jeschken, überragendes Beispiel tschechischer Architektur

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Jeschken in Böhmen.
Jeschken in Böhmen, heute Tschechien. Quelle: Pixabay

Jeschken (Ještěd), Tschechien (MaDeRe). Das dies’ Gebilde dort auf dem Gebirge kein UFO ist, wollen weder die Augen noch das Gehirn anfangs wahrnehmen. Denn gleich, das sieht doch sogar ein Blinder, wird es sich erheben und davoneilen durchs All. Deutlich ist die Startrampe zu erkennen, eher goldgelb scheint der Feuerstrahl herüber, rote Positionslichter sind bereits gesetzt. Also ganz schnell hinauf und Marsmenschen kucken! Aber oben angekommen, entpuppt sich das Gebilde als Wunderwerk – unserer Welt. Pragmatisch ausgedrückt: Fernsehturm plus Hotel.

Leicht fällt der Entschluss zu bleiben an diesem ungewöhnlichen Standort für einen: Beherbergungsbetrieb. Abenteuergefühle und Gipfelglück kommen auf. Außerirdisch, und doch ganz real voller überraschender Elemente, wird ein Aufenthalt zum Erlebnis.

Zuerst und zwar seit 1737 stand auf dem Jested, wie der Berg auf Tschechisch gerufen wird, bei 1012 Metern ü. NN ein Gipfelkreuz wie es sich gehört – und als die Elemente es 1812 zu Fall brachten wurde neu besetzt. Dazu kam 1844 ’ne Bude mit Getränken, 1850 eine Hütte zum Übernachten. Steil aufwärts ging es nun mit dem Tourismus. 1876 der erste Aussichtsturm, 1889 der nächste, und 1907 wurde das Berghotel eröffnet, natürlich mit Aussichtsturm. Wind nicht, Wasser und Feuer zerstörten es 1963; und am 30. Juli 1966 erfolgte die Grundsteinlegung vom futuristischen Bauwerk welches als Symbol tschechischer Bau- und Ingenieurskunst gilt.

Zum Jubiläum von „100 Jahre Tschechische Republik“ erstrahlt es als Leuchtturm oberhalb von Liberec/Reichenberg – das sich noch einiges an Charme aus k. u. k. Zeiten bewahrt hat. In der Villa der Industriellenfamilie Liebieg, deren Unternehmen Ende des 19. Jh. in der Donaumonarchie an erster Stelle stand, war lange ein Teil ihrer Kunstsammlung zu bewundern (das Liebieghaus Frankfurt am Main als Alterssitz des Firmenchefs ist leider viel bekannter); nun haben die Werke im alten Stadtbad ein neues Domizil.

Jetzt aber zurück zum Jested/Jeschken. 91 Meter misst der Turm vom Fuß bis zur Spitze. Zehn Stockwerke: Technik in 1 und 2, auf der dritten Etage Restaurant und Café mit der Aussichtsterrasse, auf der vierten und fünften das Hotel, 6 bis 10 Fernmeldetechnik plus 17 Meter Antenne. Fertiggestellt 1973 gewann das Gebäude bereits 1969 den Auguste-Perret-Preis der UIA und wurde 2006 nationales Kulturdenkmal. Die erstaunliche Konstruktion scheint den Gipfel zu überhöhen, entrückt seine natürliche Beschaffenheit in eine künstliche geheimnisvolle Sphäre wo real fassbare Materie in seiner technischen Stilisierung kaum mehr greifbar wird. Statik und Dynamik vom Turmbau stellten Architekten sowie Ingenieure vor fast unlösbare Aufgaben – bei den hier oben oft herrschenden klimatischen Bedingungen. Es entstand ein wahres Wunder.

Die Technik des Sendeturms ist auf dem letzten Stand, somit wird digital in Multiplex 1, 2, 3 ausgestrahlt und nicht mehr analog seit 2011. Gesendet wurde vom Jeschken bereits 1958 und als 1968 Truppen des Warschauer Paktes ins Land einmarschierten befand sich dort das provisorische Freie Studio Sever. Eine Gedenktafel erinnert daran – und an Václav Havel der, wie viele andere auch, hier zum Mikrophon griff. Kein Retro beim Radio – und ebenso im Restaurant. Dort ist nicht nur die Innenarchitektur erhalten wie sie Otokar Binar zur Zeit der sozialistischen Planwirtschaft Anfang der 70er entwarf. Unverändert sind auch die Speise-Services und Gläser-Sets, Textilien und Accessoires produziert nach Entwürfen von Karl Wünsch weiterhin in bester Benutzung. Aus zahlreichen Kunstwerken, allesamt Originale, stechen „Fallende Meteoriten“, ein monumentales Relief aus Glas und Beton, zugleich ins Auge. Ziselierte Bleche, Treppengeländer aus Altmetall, Tapisserien, Keramiken, gewellte Glaswände – soviel Stilbeispiele aus dieser Epoche sind selten an einem Ort erlebbar. Und bewohnbar – denn zwei der Zimmer im Turme sind „Retro Rooms“ mit restaurierter Einrichtung von Otokar Binar. Für alle Gäste gilt: schön schaukeln in hängenden Fellfauteuils im Hotelrundgang – denn besser kann man die Beine nicht baumeln lassen. Wenn jetzt sich das ganze Gebilde noch, wie ein Kreisel, unendlich langsam drehen würde….

Informationen:

Hotel Ještěd, Horní Hanychov 153, Liberec, Tschechische Republik Telefon: +420 485 104 291, Web: www.jested.cz, E-Mail: recepce@jested.cz

Der Verein Ještěd 73 „bemüht sich (mit Hilfe von Sponsoren) die ursprüngliche Ausstattung in den Räumlichkeiten durch Repliken der Möbel wieder herzustellen“ – siehe www.jested73.cz.

Tschechische Zentrale für Tourismus, Wilhelmstraße 44, 10117 Berlin, Tel. 030-204 47 70, E-Mail: berlin@czechtourism.com,
Web: www.czechtourism.com

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