Start Fernreisen Schwarze Bären im roten Canyon – Überraschungen im Süden Albertas in Westkanada

Schwarze Bären im roten Canyon – Überraschungen im Süden Albertas in Westkanada

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Alberta in Kanada.
Eine Schwarzbär-Mama bewacht ihre zwei Jungen. © 2013, Foto: Rainer Hamberger

Calgary, Alberta, Kanada (MaDeRe). Alle Autos schleichen. Selbst die für uns Mitteleuropäer gigantischen amerikanischen Geländefahrzeuge zügeln ihre Pferdestärken. Schließlich ist das Gebiet rechts und links entlang der Straße zum Red Rock Canyon im Waterton Nationalpark die Heimat zahlreicher Bären.

Die Landschaft wechselt zwischen dichtem Gebüsch zu offenen Wiesen, die hinauf in die raue Gebirgsregion reichen, wo nur noch vereinzelte Baumgruppen Halt finden. Dann entdecken auch wir den schwarzen Kopf, der sich aus den Zweigen schält. Die Neugierde besiegt den Hunger. Doch wegen uns lässt sich der Schwarzbär nicht aus der Ruhe bringen. Gemütlich zieht er fressend weiter. Erst jetzt sehen wir, dass er nicht alleine ist. Der Nachwuchs, zwei tollpatschige Bärenkinder, folgt der Mutter bei ihrer Futtersuche. Zum Glück sind sie weit genug weg von der Straße. Steht der Winter bevor, benötigt ein ausgewachsener Schwarzbär ca. 12.000 Kalorien am Tag um sich den notwendigen Winterspeck anzufressen. Bei Betrachtung der kleinen Bison- und Salmonberries kann man sich vorstellen, dass die Tiere fast die ganze Zeit nur auf der Futtersuche sind.

Wie einfach gestaltet sich doch bei uns die Nahrungsaufnahme. Bei der nächsten Picknickbank, idyllisch an einem Bach, legen wir Rast ein. Nach der morgendlichen Wanderung auf den „Bear-Hump“, der sich hinter dem Visitor Center nur wenige Kilometer vom Parkeingang erhebt, meldet sich auch bei uns der Hunger. Diese dem Mount Crandell vorgelagerte Felsformation ist zwar nur 240 Meter hoch und die Wegstrecke beträgt nur ca. einen Kilometer, doch der Weg hat es in sich. Steil über große Steinstufen geht es nach oben. Die phänomenale Aussicht entschädigt für den anstrengenden Aufstieg. Das historische Hotel Prince of Whales sieht von hier oben recht klein aus. Der Blick wandert vom See zu versteckten Tälern.

Alberta in Kanada.
Ein Weißkopfadler. © 2013, Foto: Rainer Hamberger

„Wir bekommen Besuch.“ Vorsichtig drehe ich mich um und traue meinen Augen nicht. Über die Straße trottet „unser“ Bär vor vorhin mit Anhang. Schnell alle Lebensmittel zurück in die Kühlkiste und ab ins Auto. Der Adrenalinspiegel steigt. Doch die Bärin würdigt uns keines Blickes. Ihr Interesse gilt der Wiese hinter dem Rastplatz. Nur die Jungen heben witternd ihre Köpfchen, doch dann folgen auch sie schnell ihrer Mutter. Ist ein Bär mit menschlicher Nahrung vertraut, bedeutet dies meist das Todesurteil für ihn. Er wird immer wieder die Nähe der Menschen aufsuchen, wo man auf so einfache Weise an Leckerbissen kommt. „Neulich konnte ich gerade noch ein Kind zurückhalten, das von seinen Eltern mit einem Glas Honig Richtung Bär geschickt wurde.“ Ranger Tom ist nicht der Mann für Märchen. Täglich wird er im Park mit der Realität konfrontiert. Die Gedankenlosigkeit von Besuchern ist manchmal unvorstellbar.

Einer der fünf Nationalparks der Provinz Alberta ist der Waterton Nationalpark im Südwesten. Er grenzt an den Glacier National Park in den USA. Dort befindet sich der weitaus größere Teil des gemeinsamen Friedensparks. Das Parkgelände erstreckt sich über 505 Quadratkilometer. Seinen Namen erhielt er von Thomas Blakiston, einem Mitglied der bekannten Palliser Expedition. Er nannte ihn nach dem im 19. Jahrhundert bekannten britischen Naturforscher Charles Waterton. In den kanadischen Rocky Mountains ist Waterton der kleinste Nationalpark. Neben einer Vielfalt an Flora und Fauna ist er einer der windreichsten Plätze Albertas. Windstärken von über 100 km/h sind nicht ungewöhnlich. Oft sorgt der Chinook im Winter innerhalb weniger Stunden für unverhältnismäßig hohe Temperaturen. Tier- und Pflanzenwelt haben sich diesem exponierten Stück Land wo die Prärie aufs Gebirge trifft gut angepasst.

Im Sattel durch den Fluss

Alberta in Kanada.
Rinder werden auf eine andere Weider getrieben, © 2013, Foto: Rainer Hamberger

Sue kontrolliert den Bauchgurt. Er darf nicht locker sein, ansonsten verrutscht der Sattel. Befinden sich die Steigbügel in der richtigen Länge Vor dem gemeinsamen Ausritt muss alles kontrolliert werden. Ein Blick zum bewölkten Himmel lässt sie Regenmäntel einpacken. Und kaum sind wir unterwegs, fängt es an zu tröpfeln, was sich schnell in gleichmäßiges Regnen verwandelt. Gut geschützt in den knöchellangen Mänteln geht es weiter durch dichtes Gebüsch. Nasse Zweige streifen das Gesicht. Dann überqueren die Pferde sicheren Schrittes einen wild dahinfließenden Fluss, der aber nur einen halben Meter tief ist. Eine kleine Anhöhe ist das Ziel. Und plötzlich reißt der Himmel auf. Die Wolken verlieren sich und die Sonne bringt Millionen von Wassertropfen zum glänzen. Die Gruppe stoppt. Einer der Teilnehmer hat oben auf der Bergwiese einen Grizzlybären entdeckt. Ein mächtiges Tier. Ganz deutlich ist der Buckel hinter dem Genick erkennbar, sein Wahrzeichen, das ihn vom Schwarzbär unterscheidet. Wir sind es nicht wert, dass er seine Futtersuche unterbricht. Ringsum uns herum ist nichts als Wildnis. Wer meint er könnte hier quer durch den Wald marschieren begeht vielleicht einen Irrtum mit gefährlichen Folgen. Doch die Pferde kennen ihren Weg. Bald lichtet sich das Gestrüpp und in der Ferne ist schon der Reitstall erkennbar.

Öl für die Technik und Selen für Elche

Alberta in Kanada.
Abendliche Stille über dem Waterton Lake. © 2013. Foto: Rainer Hamberger

Alberta ist die reichste Provinz Kanadas. 1947 fand man bei Leduc nahe Edmonton Erdöl. Bereits 1954 beschäftigte die Industrie mehr Menschen als die gesamte Landwirtschaft und brachte auch mehr Umsatz und Gewinn. Der entstehende Arbeitskräftemangel wurde durch eine neue Einwanderungswelle kompensiert. Erhöhte Steuereinnahmen erlaubten den Ausbau von Gesundheitswesen, Infrastruktur und öffentlichen Dienstleistungen. Das Geschäft mit dem Öl durchlief Höhen und Tiefen. Heute boomt der Abbau von Teer-Sanden, wo durch hohen Energieeinsatz das Öl aus dem teerhaltigen Erdaushub gewonnen wird. Doch nicht nur monitär ist Alberta gesegnet, sondern mit zahlreichen Naturschönheiten. Die wohl am häufigsten besuchten, Welt bekannten Nationalparks Banff und Jasper liegen in diesem Teil der Rocky Mountains. Aber auch ausgedehnte Prärien prägen das Landschaftsbild. Funde von Dinosauriern bei Drumheller weisen auf eine lange Vorgeschichte hin.

Es ist noch kühl am Morgen. Doch die Gäste sind schon längst auf den Beinen, gewappnet mit Fernglas und Kamera. Die Mount Engadin Lodge im Kananaski-Tal hat eine besondere Lage. Direkt hinter der Lodge auf der Ebene befindet sich ein kleines Moor. Der Morast ist stark selenhaltig. Am Morgen und abends kommen Elche und schlürfen den gesunden Schlamm. Gerade ist eine Elchkuh mit Nachwuchs vor Ort. Noch eine ist unterwegs. Gleich spitzt das Muttertier die Ohren. Nein, so schnell wird sie das Feld nicht räumen. Während sich die beiden Mütter misstrauisch beäugen, äsen die Jungen friedlich weiter. Doch dann geht die erste zum Angriff über. Sie keilt aus und vertreibt die andere mit ihren Hufen. Dabei gäbe es genug für alle. Doch da zeigen die Elche recht menschliche Züge.

Während wir gemütlich frühstücken, gibt es schon die nächste Aufregung. Eines der Zimmermädchen hat einen Luchs entdeckt. Unwichtig sind Speck und Spiegeleier, alle hasten nach draußen. Das ist wirklich etwas Außergewöhnliches. Das Tier mit seinem braun gesprenkelten Fell ist kaum erkennbar zwischen den fast gleichfarbigen Büschen. Nur wenige Sekunden zeigt es sich und ist dann im Wald verschwunden. Den Namen hat die Lodge übrigens nicht von der herrlichen Bergregion in der Schweiz sondern von den umliegenden Bergen, die alle Namen von Schlachtschiffen tragen. Die MS Mount Engadine befuhr so die Weltmeere. Ungefähr 65 Kilometer entfernt von Canmore in 2000 Meter Höhe im Spray Valley Provinz-Park ist diese fantastisch gelegene Lodge die einzige Unterkunft entlang der landschaftlich schönen Smith-Dorrien-Road.

Mit Seil und Haken zur Aussicht

Der Guide von Yamnuska Mountain Adventures packt den Rucksack. Wasserflasche, Sonnencreme, Verbandsmaterial, Wollmütze, winddichte Jacke und Handschuhe zuerst, dann folgen die Kleinteile und das Seil für eine Klettertour. Gerade die steilen Wände rund um Canmore unweit von Banff bieten gute Gelegenheiten für Kletterkurse und Wildnistraining. Nach einer halbstündigen Wanderung vom Parkplatz am Spray Lakes Trail  stehen wir unterhalb der fast senkrechten Felswände. Mit der notwendigen Seilsicherung und Konzentration geht es schließlich langsam hinauf. Zwischendurch reicht es für einen Blick ins Tal wo der Bow River sich unweit der Hauptstraße seinen Weg im breiten Geröllbett sucht. Noch ein letzter Klimmzug und wir haben es geschafft. Canmore und seine wilde Umgebung ist ein Eldorado für zahlreiche sportliche Aktivitäten sommers wie winters.

Sierra West Cabins – daheim auf der Ranch

Alberta in Kanada.
Blockhaus der Sierra West Cabins in Alberta. © 2013, Foto: Rainer Hamberger

„Lasst uns heute die Rinder auf die andere Weide treiben. Das Wetter ändert sich,“ schlägt Randy vor. Ihm und seiner Frau Ginny gehört die Sierra West Ranch, 15 km entfernt von Lundbreck  am Highway 22 im südlichen Teil Albertas, nur ein kleiner Umweg auf der Fahrt in den Waterton Nationalpark. Trotz Eile verwendet Randy große Sorgfalt auf das Satteln der Pferde. Gleich hinter dem Haus beginnen die Weiden. Ungläubig sehen uns die schwarzen Angus an, als sie von den Pferden und unserem lauten Hoho aufgescheucht werden. Eine Langhorn-Kuh hat ein Auge auf die wilden Halbwüchsigen. Als sie sich in Bewegung setzt, folgen sie ihr. Ferien auf einer Ranch findet immer mehr begeisterten Anhänger. Auf dem weitläufigen Gelände der Donahues stehen zwei urgemütliche Blockhäuser. Die Gäste dürfen auch schon mal Hand anlegen bei den täglich anfallenden Arbeiten. Meistens wollen sie jedoch auf dem Pferd die Natur erkunden. Das Ranchhaus gleicht einem Museum. Es ist nicht nur mit Möbeln im Westernstil ausgestattet, sondern mit vielen Souvenirs aus dem Leben der Beiden. Da hängt noch der Mantel aus Büffelfell vom Großvater, alte Waschzuber mit Pflanzen dekorieren die Zimmer und mittendrin steht ein Flügel aus Nussbaumholz, der von einer entfernten Tante stammt.

Eine Schlechtwetterfront ist durchgezogen. Ginny ist mit Kochen beschäftigt. Heute ist ein besonderer Tag. Ein junges Paar lässt sich auf der Ranch trauen. Randy ist nicht nur Cowboy sondern auch Standesbeamter. Als er dann in seinem Anzug vor uns steht staunen wir: Ist das noch derselbe Mann, der gestern wild gestikulierend in forschem Galopp die Rinder auf die Weide trieb?  Randy zwinkert: „Hier im wilden Westen muss man flexibel sein!“ Dabei lacht er spitzbübisch.

Informationen:

Anreise und Reisezeit: mehrere Fluggesellschaften fliegen nonstopp von Deutschland nach Calgary, dem Tor zu den Rocky Mountains. Die beste Reisezeit ist zwischen Ende Mai und Ende September.

Unterkünfte: eine breite Palette von Quartieren bietet z. B. die Waterton Lakes Lodge im Nationalpark; in der Bergwelt Kananaskis mit fast garantierter Elchbeobachtung liegt die Mount Engadine Lodge; originelle Cabins, Blockhäuser, Pferde usw. bei den Sierra West Cabins; geräumige Zimmer am Rande Camores die Rocky Mountain Ski Lodge.

Angebote für Flüge, Mietwagen und Unterkünfte gibt zum Beispiel der Nordamerikaspezialist CRD International.

Abenteuerprogramme für Aktive: in Canmore die Yamnuska Mountain Adventures; www.yamnuska.com

Allgemeine und detaillierte Auskünfte über Alberta gibt es unter www.travelalberta.de

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