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Harzer Gipfelstürmer – Mit Volldampf auf den Brocken

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Harzer Steilklippen unterhalb der Rosstrappe bei Thale. © 2014, BU/Foto: Dr. Bernd Kregel

Wernigerode, Quedlinburg, Harz, Deutschland (MaDeRe). Als Publikumsmagnet scheint die höchste Erhebung Norddeutschlands über sich selbst hinauszuwachsen.

Heinrich-Heine-Relief auf dem Brocken. © 2014, BU/Foto: Dr. Bernd Kregel
Heinrich-Heine-Relief auf dem Brocken. © 2014, BU/Foto: Dr. Bernd Kregel

„Viele Steine / müde Beine / saure Weine / Aussicht keine / Heinrich Heine.“ Mit diesem poetischen Kabinettstück soll sich der Autor der „Harzreise“ im September 1824 höchstpersönlich im Gipfelbuch des Brockens verewigt haben. Doch dieses gilt längst als verschollen, und niemand kann sich mehr an dessen Existenz erinnern. So stellt sich zu Recht die Frage, ob es denn je existiert hat.

Spricht daher nicht einiges dafür, dass das erheiternde aber doch wenig motivierende Kurzgedicht dem vermeintlichen Autor erst später in die Wanderschuhe geschoben wurde? In seiner entwaffnenden Schnörkellosigkeit bestens dazu geeignet, dem sich freiheitsliebend gebärdenden Jurastudenten Heine bei  seinem mit ihm zuweilen durchgehenden Pathos ein wenig die Suppe zu versalzen?

Miefiger Trott und lichte Höhen

Spiegelung auf der Bode in Quedlinburg. © 2014, BU/Foto: Dr. Bernd Kregel
Spiegelung auf der Bode in Quedlinburg. © 2014, BU/Foto: Dr. Bernd Kregel

War dieser doch von seiner Universitätsstadt Göttingen aus aufgebrochen, um in mutigem  Abenteuerdrang auf die Berge zu steigen. Getrieben von der Absicht, den miefigen Trott hinter sich zu lassen und von den lichten Höhen des Harzes herab lachend auf  die sich selbst genügende bürgerliche Gesellschaft nieder zu schauen.

Und damit auf die für ihn nur schwer erträgliche Oberflächlichkeit und Lieblosigkeit der feinen Göttinger Gesellschaft. Aber auch – nicht sonderlich charmant – auf die für seinen Geschmack zu großen Füße der Göttinger Damenwelt. Ja, auf die fühlte man sich in der Tat getreten, denn stets verstand sich Heine aufs respektlose Austeilen. Eine Fähigkeit, mit der er in Göttingen verständlicherweise nie besonders gut ankam.

Unzugängliche Wildheit

Mit Volldampf auf den Brocken. © 2014, BU/Foto: Dr. Bernd Kregel
Mit Volldampf auf den Brocken. © 2014, BU/Foto: Dr. Bernd Kregel

Immerhin kam er nach mehrwöchiger Wanderschaft wohlbehalten auf dem Gipfel des Brockens an. Der höchsten Erhebung Norddeutschlands, die sich allein durch ihre unzugängliche Wildheit und ihren unvergleichlichen Ausblick über die Harzberge bis weit hinein in das nördliche Harzvorland stets gebührenden Respekt verschaffte.

Doch, wie sollte es anders sein, Goethe war längst schon vor ihm dort gewesen. Aufgestiegen auf einem Fußweg, der verklärend bis heute seinen Namen trägt. Und vereinnahmend, wie es Goethes Art entsprach, hatte er den herausragenden Ort sogleich für sein literarisches Werk genutzt: die reichlich herumliegenden Felsbrocken für seine wissenschaftlichen Studien zum Granit, die dichte Schneedecke für seine Farbenlehre und natürlich die unerschöpfliche Sagenwelt des Harzes für die abgehobene Hexenszene im Faust anlässlich der dort beschriebenen Walpurgisnacht.

Spiralförmige Brockenbahn

Schnaufende Dampflok der Brockenbahn Wernigerode. © 2014, BU/Foto: Dr. Bernd Kregel
Schnaufende Dampflok der Brockenbahn Wernigerode. © 2014, BU/Foto: Dr. Bernd Kregel

Das war nicht zu übertreffen, und so musste es für Heine genügen, in seiner Unterkunft zu nächtlicher Stunde inmitten illustrer Gestalten Augen und Ohren offen zu halten. Um sodann mit seiner scharfen Beobachtungsgabe deren Skurrilitäten in seiner „Harzreise“ ein literarisches Denkmal zu setzen. Und am nächsten Morgen, beschwingt durch den Abstieg, seine Wanderung in östlicher Richtung fortzusetzen. Mitten durch die schmucken Harzstädtchen Ilsenburg und Wernigerode bis hinüber nach Thale. Dorthin, wo ihm an der legendären Felsklippe der Rosstrappe die tief in den Felsen eingeschnittene Bode mit „kolossaler Zärtlichkeit“ entgegen leuchtete.

Auch nach Heine wollte der Strom der Brockenbesucher nicht abreißen. Erst recht, als mit dem Ende des 19. Jahrhunderts die von der Harz-Querbahn abzweigende Brockenbahn die Besucher in einer spiralförmig angelegten Routenführung schnaubend und mit Volldampf hinauf auf den Gipfel beförderte. Immerhin ein gesellschaftliches Ereignis, doch schon bald eine Gaudi, die bis heute zu einer rechten Harzreise dazu gehört.

Antennenohren bis Westeuropa

Dampflok der Brockenbahn in Drei Annen-Hohne. © 2014, BU/Foto: Dr. Bernd Kregel
Dampflok der Brockenbahn in Drei Annen-Hohne. © 2014, BU/Foto: Dr. Bernd Kregel

Droben im Brockenhaus-Museum sind neuerdings die geologischen und biologischen Informationen für jeden Besucher ansprechend und kurzweilig aufbereitet. Ebenso die mit der deutschen Teilung verbundenen historischen Ereignisse zu einer Zeit, in der die Grenzlinie zwischen Ost und West noch unmittelbar am Fuße des Brockens verlief. Als Stasi und Warschauer Pakt von hier aus ihre lauschenden Antennenohren bis weit in den westeuropäischen Raum hinein öffneten.

Eckhard Selz, als Museumsführer mit den Ereignissen der letzten Jahrzehnte bestens vertraut, erinnert sich noch genau, wie er früher regelmäßig mit seinem Großvater zum Gipfel herauf  kam. Vor allem, um Heilkräuter zu sammeln, die nur unter den hier vorherrschenden alpinen Bedingungen gedeihen. Am Tage des Berliner Mauerbaus gehörte er zufällig zu den letzten, die mit der Bahn hinauf fahren durften. Und dann war er einer der ersten, die nach der Einheit wieder hinauf eilten, um oben im einstigen Sperrgebiet ihrer Freude über den historischen Neubeginn Ausdruck zu verleihen. Den Beweis für diesen ergreifenden Augenblick bleibt er mit seinem Foto in einem ausliegenden Bildband nicht schuldig.

Originelle Rathaus-Architektur

Rathaus in Wernigerode. © 2014, BU/Foto: Dr. Bernd Kregel
Rathaus in Wernigerode. © 2014, BU/Foto: Dr. Bernd Kregel

Von der politischen Neuorientierung nach dem Kalten Krieg profitierte schon bald der gesamte Ostharz. Denn inzwischen, ein Vierteljahrhundert danach, sind viele der größeren Bauprojekte abgeschlossen. Zum Beispiel in Wernigerode, dem nördlichen Eingangstor zum Brocken. Jenem gepflegten Städtchen, das einlädt mit einem äußerst originell verzierten Rathaus, für dessen architektonische Besonderheiten Gästeführer Adam Lazik die Augen öffnet. Und ebenso für die um den Marktplatz herum angeordneten stolzen Fachwerk-Fassaden, die sich hier in großzügigem Bogen zu einer geschlossenen Einheit zusammenfügen.

In unmittelbarer Nähe der Stadt überragt zudem an einem Berghang das Schloss der einstigen Fürsten von Stolberg-Wernigerode mit seiner abwechslungsreichen Turmsilhouette die Stadt. Ein liebevoll restauriertes Bauwerk, in dessen gepflegten Inneren Geschäftsführer Dr. Christian Juranek deutliche Bezüge herzustellen weiß zur Harzer Lokalgeschichte und zur Geschichte des deutschen Kaiserreiches.

Wiege des Deutschen Reiches

Rathausplatz in Quedlinburg. © 2014, BU/Foto: Dr. Bernd Kregel
Rathausplatz in Quedlinburg. © 2014, BU/Foto: Dr. Bernd Kregel

Noch weiter zurück jedoch reicht die Geschichte von Quedlinburg, der Wiege des Deutschen Reiches vor mehr als tausend Jahren. Denn hier findet sich unweit des gründlich renovierten Marktplatzes nicht nur der legendäre Finkenherd, an dem, wie die Legende berichtet, einst Heinrich I. von den deutschen Fürsten die Kaiserwürde angetragen wurde.

Ohne zu zögern soll er sie ergriffen und Quedlinburg zu seiner Lieblingspfalz ausgebaut haben, wie Gästeführerin Sabine Houben fachkundig erklärt. Mit einer prächtigen romanischen Stiftskirche, die hoch über der Altstadt thront. Ihre großzügig angelegte Terrasse lädt ein zu einem Stadtspaziergang durch die verwinkelten Gassen entlang den 1300 historischen Fachwerkhäusern, die bereits fester Bestandteil des Unesco-Weltkulturerbes geworden sind.

Prächtige Domschätze

Teil des Domschatzes in Quedlinburg. © 2014, BU/Foto: Dr. Bernd Kregel
Teil des Domschatzes in Quedlinburg. © 2014, BU/Foto: Dr. Bernd Kregel

Zum Kostbarsten jedoch, das Quedlinburg aufzuweisen hat, gehört sein mittelalterlicher Domschatz. Heute wieder in der Stiftskirche ausgestellt, galt er in den Wirren des Kriegsendes als verschollen. Bis Teile davon auf dem amerikanischen Schwarzmarkt auftauchten und schließlich der größte Teil der kostbaren Stücke wieder zurückgekauft werden konnte. Nur noch übertroffen von dem vollständig erhaltenen Halberstädter Domschatz. Dem größten und prächtigsten in ganz Deutschland, wie Dr. Thomas Labusiak nicht ohne Stolz erklärt, dem als Domkustos beide Schätze anvertraut sind.

Hätte Heinrich Heine am Ende seiner Harzreise nicht lieber doch einen Abstecher hierher machen sollen, statt sich in Weimar vor dem alten Goethe zu blamieren? Und sich wegen seiner eigenen Befangenheit und dessen distanzierter Unfreundlichkeit noch einen lange anhaltenden Albtraum einzuhandeln? Denn ehrenrührig war es schon, wenn der Dichterfürst über diesen Besuch in seinem Tagebuch nur schlicht und ergreifend festhielt: „Heine aus Göttingen“. Hatte der unschlagbare jugendliche Spötter schließlich doch noch seinen Meister gefunden?

Reiseinformationen „Ostharz“:

Hexenmasken auf dem Hexentanzplatz bei Thale. © 2014, BU/Foto: Dr. Bernd Kregel
Hexenmasken auf dem Hexentanzplatz bei Thale. © 2014, BU/Foto: Dr. Bernd Kregel

Anreise: Mit dem Auto über die A7, Ausfahrten Derneburg und Seesen, die A2 mit Zubringer A395 über Braunschweig, die B6 von Hildesheim über Goslar nach Quedlinburg, die A14 mit Landstraßen in den Ostharz; mit der Bahn über Hannover, Braunschweig oder Magdeburg

Brockenbahn: Verkehrt das ganze Jahr über mehrfach täglich ab Wernigerode. www.hsb-wr.de

Reisezeit: Ganzjährig, in der Sommersaison von Frühjahr bis Herbst in Verbindung mit Wandern, in der Wintersaison in Verbindung mit Wintersport

HarzCard: Eine Harz-Card verschafft Zutritt zu über einhundert Harzer Attraktionen, www.harzcard.info

Auskunft: Harzer Tourismusverband e.V., Marktstraße 45, 38640 Goslar, Telefon: 05321-34040,info@harzinfo.de, www.harzinfo.de; Quedlinburg-Tourismus-Marketing: www.quedlinburg.de; Wernigerode-Tourismus: www.wernigerode-tourismus.de