Start Fernreisen Bären, Luchse, Bergseen – Impressionen aus der kanadischen Provinz Alberta

Bären, Luchse, Bergseen – Impressionen aus der kanadischen Provinz Alberta

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Alberta in Kanada.
Ein Fluß im kanadischen Alberta. © Copyright Foto: Rainer Hamberger 2013

Calgary, Alberta, Kanada (MaDeRe). Mit eleganten Schwüngen gleitet die fast unsichtbare Angelschnur über das Wasser. Von zwei Seiten kommend vereinigt sich der Fluss wild rauschend zu einem breiten Strom. Fische bevorzugen solche mit viel Sauerstoff angereicherten Plätze.

Kai steht mit seiner Wathose fast bis zur Hüfte im kalten Wasser. Die späte Nachmittagssonne lässt die dünne Nylonschnur im Gegenlicht glitzern. Fliegenfischen ist eine Kunst, die man entweder in die Wiege gelegt bekommt, oder die man mit sehr viel Übung und Geduld erlernen kann. Beim Fliegenfischen ist die Schnur als Wurfgewicht ausschlaggebend sowie die Wurftechnik. Der Köder, auch Fliege genannt, gleitet an der Oberfläche entlang und imitiert eine eiablegende Larve.  Viel Fantasie ist gefragt beim Herstellen der sehr individuellen Fliegen. Je nach Fischart und Gewässer bestehen sie aus unterschiedlichem Material. Beim dritten Versuch hat Kai schon Erfolg. Eine prächtige Forelle ist auf eine falsche Larve hereingefallen. Vorsichtig wird der Haken aus dem Fisch entfernt. Ungefähr vier Pfund, kein schlechter Fang! Doch Kai setzt den Fisch sachte wieder ins Wasser zurück. Catch and Release,  fangen und wieder frei lassen, eine in Kanada weit verbreitete Methode sorgt dafür, dass die Gewässer nicht leer gefischt werden und Petrijünger trotzdem ihrem Hobby nachgehen können.
Urig geht es auch in Eckardt´s Tecumseh Mountain  Resort am Fuße der Turtle Mountain in der Nähe des Crowsnest Passes zu. Untergebracht in rustikalen Blockhäuschen weiht Kai seine Gäste in die hohe Kunst des Fliegenfischens ein. Außerdem ist er ein vorzüglicher Koch, schließlich macht der Aufenthalt an frischer Luft hungrig.

Felsstürze und der Vogelzug

Nur 90 Sekunden dauerte eine der schlimmsten Katastrophen, die Kanada in seiner relativ kurzen Geschichte erleben musste. Am 29. April 1903 gegen 4 Uhr nachmittags stürzten ungefähr 30 Mio. Kubikmeter Kalkfelsen des Turtle Mountain zu Tal und begruben Häuser und Menschen unter sich. Noch heute steht man erschüttert vor dem Trümmerfeld, auf dem sich nur langsam eine neue Vegetation ausbreitet. Von den 600 Menschen, die im Bergwerksdorf Frank lebten wurden erstaunlicherweise nur 70 getötet. Sieht man den Ort der Verwüstung, ist es wirklich ein Wunder, dass nicht mehr Menschen von der Steinlawine erfasst wurden.

Was das Unglück auslöste, darüber kann man nur rätseln: Waren es die unstabilen Schichten des Kalksteins, verwitterte und erodierte Lagen, war es der abrupte Wechsel des Wetters? Wesentlich wahrscheinlicher ist jedoch eine andere Theorie. Die vielversprechenden Kohlevorkommen wurden immer weiter abgebaut was einen weiteren Faktor der Instabilität mit sich brachte. Sicherheit war in der damaligen Zeit kein nennenswertes Thema. Bis heute ist der Berg nicht zur Ruhe gekommen. Ein Seismograph überwacht jede Regung des Gesteins. Im Besucherzentrum am Ortsrand stellt man das Ereignis nach. Anhand von Fotos und Berichten bekommt man eine recht realistische Vorstellung von diesem grauenvollen Tag.

In weiten Kurven windet sich der Highway auf den Crowsnest Pass. Er ist der südlichste Gebirgspass der kanadischen Rocky Mountains. Hier grenzt Alberta direkt an Britisch Kolumbia und nicht allzu weit entfernt an die Vereinigten Staaten. Genannt wurde der 1356 Meter hohe Pass nach dem einst dort ansässigem Stamm der Crow- Indianer. Anlass für den Bau einer Passstraße durch unwegsames Gebiet waren reiche Kohlevorkommen, die es zu erschließen galt. Im Jahre 1898 verwirklichte die kanadische Eisenbahngesellschaft Canadian Pacific Railway dieses Projekt. Eine Meisterleistung, wenn man bedenkt unter welchen Bedingungen die Menschen damals arbeiten mussten. Viele der unfreiwillig deportierten Arbeitskräfte verloren dabei ihr Leben.

Über den Crowsnest Pass führt der Weg Richtung Süden zum Waterton Lakes National Park, der zusammen mit dem amerikanischen Glacier National Park in Montana auch International Peace Park genannt wird. Die meist besuchten National Parks Kanadas sind wohl Banff-und Jasper im Westen Albertas. Sie sind von Calgary aus in wenigen Stunden zu erreichen. Zunächst gelangt man nach Banff mit seinen zahlreichen Highlights. Eine Seitenstraße führt hinauf in abgeschiedene Täler.

Hier sieht man, dass Erdrutsche oder Felsstürze auch etwas Positives bewirken können. So war zum Beispiel eine Moräne namensgebend für den wildromantisch gelegenen Moraine Lake. In seinem blaugrünen Wasser spiegeln sich imposante Bergspitzen. Ausgangspunkt für zahlreiche Wanderungen ist die gleichnamige Lodge. Sie bietet nicht nur luxuriöse Übernachtungsmöglichkeiten sondern auch eine vorzügliche Küche.

Beeren für den Winterspeck

Die Touristengruppe im Bus ist bunt gemischt: Australier, Schweden, Amerikaner und natürlich auch Deutsche. Einst brachte das Vehikel Kinder rechtzeitig zum Unterricht. Jetzt ist der Maligne Lake das Ziel. Die etwa 40 Kilometer lange Wegstrecke durch Urwald und entlang verschwiegener Seen ist bekannt für ihren Tierreichtum. Gespannt starren 15 Augenpaare durchs Fenster. Plötzlich hält James, der Guide, den Bus an. Das verdächtige Wackeln der Büsche haben nur seine geübten Augen entdeckt. Dann sehen auch die anderen das schwarze Fell, das sich durch das Gestrüpp zwängt. Wo sind die Beeren, die der Bär so dringend für seinen Winterspeck braucht? Um an das begehrte Mahl zu gelangen, muss er wohl die Straße überqueren. Die Schnauze sichernd in der Luft wagt er sich aus dem schützenden Dickicht. Er? Jetzt erst zeigt sich: Die Schwarzbärin ist nicht allein. Drei kompakte Fellpakete trotten vertrauensvoll hinter ihr her. Im Bus ist es totenstill. Hin und wieder klickt noch ein Fotoapparat. Eine Bärenmutter mit drei im Frühjahr geborenen Jungen, das ist auch im Nationalpark etwas Besonderes. Der Instinkt sagt ihr, dass die Nähe der Menschen gemieden werden sollte. Mit mütterlichem Knuffen bugsiert sie die Kleinen wieder ins Gebüsch, wo sie bald von undurchschaubarem Grün verschluckt werden.

Eine weltbekannte Attraktion ist der 230 km lange Icefields Parkway, der die beiden Nationalparks Banff und Jasper verbindet. Neben beeindruckenden Gebirgspanoramen lockt hier auch der Tierreichtum: Schwarz- oder Grizzlybären, Dickhornschafe, Mountain Goats, Wapitihirsche so groß wie Pferde und auch Pumas. Ein braunes, katzenähnliches Tier lauert nur wenige Meter entfernt im Straßengraben. Es besteht kein Zweifel: Ein Luchs hat das schützende Dickicht verlassen. Was für ein Glück hier Augenzeuge zu sein! Nervös schleicht er hin und her. Deutlich sind die pinselartigen Verlängerungen der Ohren zu erkennen. Das Ganze dauert nur wenige Minuten, dann verschwindet er wieder lautlos im Wald.

Am Nachmittag hat der starke Fallwind den Himmel freigeblasen von jeglichen Wolken. Eine Gelegenheit, sich die wilden Rockies mal aus der Luft anzusehen! Am Ufer des Abraham Lake, etwas außerhalb des Banff National Parks starten Rundflüge per Helikopter. Im Nu schwebt man über schroffen Graten, türkisfarbenen Gletscherseen und eisglänzenden Gipfeln. Der Blick reicht viele Hunderte Kilometer weit. Erst aus der Luft erschließt sich die unwegsame Wildheit dieser Region.

Wohnmobile, Pickup Trucks mit Wohnwagen im Schlepptau begegnen uns anschließend wieder auf dem Highway. Oft hängt an den mobilen Heimen noch ein Jeep und man ist schon versucht zu fragen: Hat das noch etwas mit Camping zu tun, warum sind sie denn nicht daheim geblieben? In Kanada ist eben Vieles eine Nummer größer und beim „Camping“ hat man mehr Raum auf großzügigen Plätzen als in Europa und dazu beste Aussichten in die wilde Natur.

Heute gibt es nur ein Ziel: das Country Music Festival beim David Thompson Resort. Die Anlage erinnert etwas an Disney-World, doch das scheint niemand zu stören. Etwas außerhalb ist eine Bühne aufgebaut, davor viel Platz für die von den Zuschauern mitgebrachten Campingstühle. Abends steigt das Fest. Die Country-Musik mit keltischem Einschlag bringt Jung und Alt in Schwung. Stilecht gekleidet mit Cowboystiefeln und Hut dreht man sich im Kreis, klatscht im Takt und scheut sich auch nicht selbst kräftig mitzusingen. Tanzend mischt man sich unter die Menge, und hat viel Spaß mit den zünftigen Leuten aus der Region.

* * *

Allgemeine Reiseinformationen:

Anreise: täglich von Frankfurt nach Calgary mit der Lufthansa im Gemeinschaftsdienst mit Air Canada.

Reisezeit: von Ende Mai bis Ende September, meist beständiges Wetter mit kühlen Nächten

Unterkünfte: zum Fliegenfischen in der Mountain Guest Ranch oder am Moraine Lake.

Rundflüge bietet Icefieldheli.

Angebote zu Rundreisen ab und bis Calgary, sowie zu Flügen und Mietwagen hat z. B. der Kanadaspezialist CRD International.

Allgemeine Auskünfte über Alberta gibt es unter www.travelalberta.com.

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