Start Hochsee Eine winterliche Postschiffreise von Bergen ans Nordkap

Eine winterliche Postschiffreise von Bergen ans Nordkap

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Hurtigruten in Norwegen
Ankunft der MS Spitsbergen in Honnigsvåg, dem Tor zum Nordkap. © 2016, Foto: Thilo Scheu

Norwegen (MaDeRe). Eine der wohl schönsten Seereisen der Welt ist die Fahrt entlang der norwegischen Küste bis zum Nordkap. Während der dunklen Jahreszeit ein ganz besonderes, atmosphärisches und manchmal stürmisches Unterfangen. Kommen Sie mit an Bord der MS Spitsbergen und halten Sie sich fest.

Maschine volle Kraft voraus

Hurtigruten in Norwegen
Ankerplatz der MS Spitsbergen in Ǻlesund. © 2016, Foto: Thilo Scheu

Wir gehen in den Abendstunden bei Dunkelheit in Bergen an Bord der MS Spitsbergen. 60 Grad und 23 Minuten Nord, 5 Grad und 20 Minuten Ost. Um 22 Uhr 30 laufen wir aus. Das Abenteuer beginnt, es ist Mitte Dezember. Die MS Spitsbergen gehört zur Flotte von Hurtigruten, lief 2009 vom Stapel und wurde 2016 umfangreich umgebaut und modernisiert. Heute haben 335 Reisende ausreichend Platz, um die Tour auf angenehme Weise zu genießen. Auf unserer Fahrt dem Golfstrom nach Norden folgend setzt sich die illustre Gesellschaft aus rund 120 Personen aus Europa, Japan, Malaysia und vielen anderen Ländern dieser Erde zusammen. Die meisten, wie sich später herausstellt, auf der Suche nach dem mystisch anmutenden Polarlicht und der Stille des Winters. Doch dazu später mehr.

Die Jugendstilstadt Ǻlesund

Hurtigruten in Norwegen
Das Zentrum für Jugendstil (links) an der Apotekergata 16 in Ålesund. © 2016, Foto: Thilo Scheu

Am 2. Tag Landgang in Ǻlesund. 62 Grad und 28 Minuten Nord, 6 Grad und 8 Minuten Ost. Die Sonne lässt sich blicken. Noch. Es ist 12 Uhr mittags. Wir haben 3 Stunden Zeit das traumhaft auf mehreren Inseln gelegene Städtchen direkt am Atlantik auf eigene Faust zu erkunden. Ein absolutes Muss ist das Erklimmen des 189 m hohen Hausberges Aksla mit dem Aussichtspunkt Fjellstua. Vom hafennahen Stadtpark mit der Statue des Wikingers und Gründers des Herzogtums Normandie im Jahr 911 führen 418 Stufen hinauf auf die Erhebung. Oben angekommen begeistert uns die Aussicht über die geschwungenen, grünen Bergrücken und die dazwischen am Wasser liegenden bunten Häuser und lässt unser „Reiseherz“ höher schlagen. Die Stadt Ǻlesund wurde am 23. Januar 1904 Opfer eines verheerenden Feuers, das gut 800 Häuser vernichtete, nur ein Mensch starb. Bei einem Spaziergang durch die Gassen und Straßen der Stadt und beim Bummeln am Wasser entlang des Ǻlesundet treffen wir immer wieder auf nach dem Feuer erbaute Häuser im Jugendstil. Ein wunderbares Beispiel dafür ist das 1907 fertiggestellte Gebäude an der Apotekergata 16, in dem heute ein Zentrum für Jugendstil untergebracht ist. Es lohnt sich also hier und da die Fassaden genauer unter die Lupe zu nehmen, um die oft zierlichen architektonischen Feinheiten vergangener Jahrzehnte zu erkennen.

Kulinarische Köstlichkeiten aus Norwegen

Hurtigruten in Norwegen
Frischer Fisch und köstliche Krabben. © 2016, Foto: Thilo Scheu

Wieder an Bord verdrängt die Nacht langsam das Licht des Tages. Einige Gäste verabschieden sich auf dem offenen Oberdeck von Ǻlesund, genießen die Ruhe und die letzten Sonnenstrahlen, die der einzigartigen norwegischen Landschaft eine warme und rötlich-gefärbte Stimmung verleihen, bei Temperaturen um 0° Celsius. Der Kapitän und seine Mannschaft steuern das 100 m lange und 18 m breite Schiff weiter gen Norden, während sich die Passagiere langsam im gemütlich beleuchteten Speisesaal “Torget” verwöhnen lassen. Wir lassen uns geräucherte Entenbrust mit norwegischem Fønix-Blauschimmelkäse und Moltebeerensirup munden, kosten ein äußerst schmackhaftes Seelachsfilet mit eingelegter Zwiebel, knusprigen Räucherschinken und einer mit Sauerrahm aus der bekannten Røros-Molkerei verfeinerten Sauce und freuen uns zum Abschluss des Menüs auf einen Pudding aus Dickmilch mit Himbeersorbet. Danach gönnen wir uns an der Explorer-Bar auf Deck 5 noch einen vom Barkeeper Ekrem gemixten Cocktail, bevor wir uns mit genügend Bettschwere ausgestattet in unsere Kabine zurückziehen.

Die alte Wikingersiedlung Trondheim

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Die 1891 von Carl Adolf Dahl erbaute Stadtbrücke in Trondheim mit ihren aus Holz geschnitzten Portalen. © 2016, Foto: Thilo Scheu

Um 6 Uhr morgens Ankunft in Trondheim. 63 Grad und 23 Minuten Nord, 10 Grad und 23 Minuten Ost. Nach rund 20 Minuten Fußweg ist das Stadtzentrum erreicht. Trondheim ist mit etwa 180.000 Einwohnern Norwegens drittgrößte Stadt. Gegründet wurde sie vom Wikingerkönig Olav Trygvason im Jahre 997. Wie Ǻlesund wurde auch Trondheim immer wieder von zerstörerischen Feuersbrünsten heimgesucht. So auch im Jahr 1681. Man entschloss sich, etwas zu unternehmen und engagierte den Luxemburger Stadtplaner Johan Caspar de Cicignon. Seine fortschrittlichen Ideen und gestalterischen Maßnahmen prägen bis heute das Stadtbild. Insbesondere die breit angelegten Straßen, die ein leichtes Übergreifen der Flammen von einer Häuserfront zur gegenüberliegenden verhindern sollten, stechen ins Auge. Da die MS Spitsbergen einige Stunden in Trondheim vor Anker liegt, besteht genügend Zeit einige der herausragenden Sehenswürdigkeiten auf einem Rundgang zu besichtigen. Einer der Top-Tipps ist der Besuch des im Jahr 1300 fertiggestellten Nidarosdoms, die nördlichste gotische Kathedrale der Welt. Erbaut auf dem Grab des Wikingerkönigs Olav, der das Christentum in Norwegen einführte. Nur wenige Meter entfernt, glitzern und glänzen im Erzbischofspalais die norwegische Königskrone und die Kronjuwelen. Von hier spazieren wir über die 1891 von Carl Adolf Dahl erbaute Stadtbrücke mit ihren aus Holz geschnitzten Portalen und gelangen so über den Fluss Nidelva in das idyllische Viertel Møllenberg. Auch im Winter versprühen die kleinen, farbig gestrichenen Häuser eine gemütliche Atmosphäre. Eine schon weihnachtlich erleuchtete Kaffeebar mit ein paar fellbestückten Stühlen vor der Tür, einladende Einrichtungsläden und mehrstöckige Holzgebäude auf Stelzen an der Nidelva erbaut, machen den Spaziergang zurück zum Schiff zu einer fabelhaften Reiseepisode zu dieser kalten Jahreszeit.

Tanzende Nordlichter und ein wenig Sturm

Hurtigruten in Norwegen
Mit der MS Spitsbergen fahren wir entlang der norwegischen Küste. © 2016, Foto: Thilo Scheu

Die Nächte auf der MS Spitsbergen, die, je weiter man nach Norden kommt immer länger werden, stehen ganz im Zeichen der seltenen Nordlichter. Bei klarem Himmel und sobald die Ansage durch die Flure hallt, dass in der Atmosphäre Farbenspiele ihr Unwesen treiben, füllt sich Deck 8, das Outdoor-Explorer-Deck mit den aus aller Welt stammenden Passagieren. Manche sind extra für die Hurtigruten-Tour aus Malaysia oder Japan angereist, um einmal im Leben die Aurora borealis live erleben zu können. Eine Garantie dieses Naturspektakel sehen zu können, gibt es leider nicht. Mythen früherer Völker aus Skandinavien deuteten die Nordlichter als riesige Lichtreflexionen von gigantischen Heringsschwärmen, die sich in den Nordmeeren tummelten oder als tanzende Frauen. Als sich dann die in allen möglichen Farbschattierungen bewegenden Lichtschleier vor unseren Augen manifestieren, starren wir wie gebannt zum Firmament, vergessen Zeit und Raum, und verstehen nun, welche Faszination die wahrlich geheimnisvoll anmutende Aurora borealis seit jeher auf die Menschen ausübt. Kurze Zeit später zieht es sich zu, Wolken schieben sich vor das die Landschaft illuminierende Schauspiel, es wird wieder dunkel, stockdunkel. Der Wind frischt auf, man spürt die Kälte und das nun leichte Schwanken des ansonsten meist ruhig auf dem Meer dahingleitenden Motorschiffes. Die Reling aus Stahl gibt Halt auf Deck 8, Handschuhe, Mütze und Daunenjacke sorgen für ausreichend Körperwärme. Währenddessen bewegt sich im Speisesaal so manches Wein- oder Bierglas auf dem Tisch wie von Geisterhand. Die Stimmung ist dennoch gut, jeder fühlt sich sicher. Wer aus freien Stücken zur Winterzeit eine Reise zum Nordkap unternimmt, lässt sich von solchen Windstärken nicht so schnell aus der Ruhe bringen.

Die Überquerung des Polarkreises und König Neptun

Hurtigruten in Norwegen
Volle Kraft voraus. © 2016, Foto: Thilo Scheu

Am 4. Tag steht ein weiteres Highlight auf unserer Winterfahrt an. Die Überquerung des Arctic Circles. 66 Grad und 33 Minuten Nord. Exakt um 7.06 Uhr und 38 Sekunden ist es geschafft. Wenig später zelebriert man um 10.15 Uhr auf dem Außendeck dieses Ereignis gebührend. Fast alle Passagiere sind anwesend als König Neptun mit Dreizack und weißem Rauschebart auf der Bildfläche erscheint und die Polarkreis-Taufe vornimmt. Eine äußerst erfrischende und kühlende Angelegenheit, die sowohl Frauen als auch Männer freiwillig, mit Freude und meist einem kurzen Aufschrei über sich ergehen lassen. Bei der fröhlichen Zeremonie wird dem geneigten Polarkreisüberquerer mittels einer küchenüblichen Schöpfkelle eine ordentliche Portion Eiswürfel samt Eiswasser auf den Rücken unter Jacke und Pullover gekippt. Danach hilft ein Schnaps die „Ice Bucket Challenge“ gut zu verdauen. Als letzter und verspäteter Gast erscheint die träge Sonne, erst um 11 Uhr beginnt sie über den Horizont zu spähen, und gegen 14 Uhr wird sie ihr kurzes Tageswerk beenden und der Dämmerung wieder den Vortritt lassen.

Die Lofoten-Inseln und kreischende Seevögel

Auf dem Weg ans Nordkap stoppen wir in Bodø, unternehmen eine organsierte Winterwanderung auf der wir viel über Flora und Fauna und die Geschichte der Wikinger erfahren. Eine grandiose Landschaft erwartet uns als nächstes, die Lofoten-Inseln mit dem Ort Stamsund. 68 Grad und 7 Minuten, 13 Grad und 50 Minuten Ost. Fragt man Emil Claesson, den sympathischen Rezeptionsmanager an Bord, der seit gut drei Jahren für Hurtigruten unterwegs ist, nennt er die Lofoten als eines seiner absoluten Lieblingsziele in Norwegen. Bei nicht ganz perfekten Lichtverhältnissen schippern wir vorbei an unberührter Natur, erkennen winzige Eilande, schroffe, teils schneebedeckte Berge und hören kreischende Seevögel, die kurz die MS Spitsbergen begleiten, um dann wieder ihres Weges zu ziehen. Wer nun an Deck 8 die windumtoste winterliche Szenerie auf sich wirken lässt, kann dabei sein, wenn sich das Boot durch den Raftsund zwängt, eine Meerenge, die die Grenze zwischen Lofoten und Vesterålen darstellt. Dazu serviert die Küche unter freiem Himmel zu später Stunde frische norwegische Fischfrikadellen. Ein gelungener Event optisch wie geschmacklich.

Tromsø und die Wale

Hurtigruten in Norwegen
Leuchttürme als Lebensversicherung. © 2016, Foto: Thilo Scheu

Am 5. Tag legen wir um 14.30 Uhr in Tromsø an, ein Ort mit etwa 70.000 Einwohnern. 69 Grad und 38 Minuten Nord, 18 Grad 57 Minuten Ost. Wir befinden uns auf der geographischen Breite von Nord-Alaska. Es ist völlig finster. Gemeinsam mit einigen Unerschrockenen wollen wir heute eine Walbeobachtung unternehmen. Die Besatzung der Opal, einem mit Elektroantrieb ausgestatteten zweimastigen Schoner, erwartet uns schon. Wir haben unserer Zweifel wie wir bei Dunkelheit auch nur einen einzigen Wal entdecken sollen. Wir schlüpfen in einen winddichten und wasserabweisenden wärmenden Overall und halten Ausschau während lichtstarke Scheinwerfer das aufgewühlte Wasser absuchen. Dann plötzlich der laute Ruf der Mannschaft: Wal voraus, 3 Uhr!! Dank einer vor Abfahrt erfolgten Einweisung wissen auch Landeier wie wir, was dies zu bedeuten hat. Alle rund 20 erwartungsfrohen Walentdecker stürzen nach Steuerbord, also auf die rechte Seite des hauptsächlich aus Eiche erbauten Segelschiffs. Alle starren wie gebannt in die Nacht. Wo ist nur der Wal? Dann die ernüchternde Wahrheit. Der Wal entpuppt sich als schäumende Gichtkrone. Der Wind peitscht ins Gesicht und die eisigen Regentropfen sorgen nicht gerade für klare Sicht. Erneut schreckt uns ein durchdringender Ruf auf. Wal voraus, 9 Uhr!! Und da sind sie. Nur wenige Meter vom Boot entfernt, auf der Backbordseite tauchen zwei stattliche Orcas, manchmal auch noch zu Unrecht als Killerwale bezeichnet, aus den Fluten auf, präsentieren kurz ihren massigen schwarz-weiß-gefleckten Körper und verschwinden wenige Sekunden später wieder im Nirgendwo. Wir sind total aufgeregt und freuen uns wie die Kinder. Tagesziel erreicht. Mein erster Orca. Trotz Nacht, Sturm, Kälte und Regen. Gerade deshalb ein unvergessliches und einmaliges Erlebnis. Walbeobachtung bei ruhiger See, Sonnenschein und azurblauen Himmel kann jeder.

Festhalten: Wir erreichen das Nordkap

Am 6. Tag gehen wir in Honnigsvåg an Land. 70 Grad und 58 Minuten Nord, 25 Grad und 58 Minuten Ost. Das kleine Städtchen mit rund 2.800 Einwohnern wird gerne als das Tor zum Nordkap bezeichnet. Mit einem Bus machen wir uns auf dem Weg dorthin, auf der 1956 eröffneten Straße. Am Ziel empfängt uns auf einer Höhe von über 300 m eine mehr als steife Prise. Geschafft, wir stehen am legendären Globus-Denkmal am Nordkap. 71 Grad und 10 Minuten Nord, 25 Grad und 47 Minuten Ost. Er markiert nahezu den nördlichsten Punkt des kontinentalen europäischen Festlandes. Doch wir sind nicht die ersten an diesem abgelegenen Ort, denn schon 1664 erreichte der italienische Priester Francesco Negri zu Fuß als erster „Tourist“ dieses felsige Kleinod. Nur noch 2093 Kilometer bis zum Nordpol. Sturmböen mit einer Windstärke von 9 Beaufort zerren aufdringlich an der Winterjacke, manch schlecht sitzende Wollmütze sucht auf Nimmerwiedersehen das Weite und das Gehen in aufrechter Position ist kaum möglich. Eine wahrlich windige Angelegenheit. Keinerlei Lüftchen dagegen weht im angrenzenden, sehenswerten Erlebniszentrum, dass unter anderem die Geschichte des englischen Schiffes „Edward Bonaventure“ thematisiert, das auf der Suche nach der Nordostpassage nach China im Jahr 1553 den Nordkapfelsen umschiffte. Aber auch Informationen zum Beispiel zur Mitternachtssonne werden multimedial vermittelt.
Um das Nordkap herum steuert die MS Spitsbergen den Endpunkt unserer Reise an. Wir verlassen etwas wehmütig und mit einem Koffer voller unvergesslicher Momente in Kirkenes nahe der russischen Grenze das Schiff. 69 Grad und 43 Minuten Nord, 43 Grad und 43 Minuten Ost.

Wer mehr Informationen über eine Schiffsreise entlang der norwegischen Küste bis zum Nordkap erhalten möchte, findet diese unter www.hurtigruten.de

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