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Auf und ab im Allgäu – mal anders

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Wallenstein in Memmingen. © Fischertagsverein Memmingen Kopie

Kempten, Bayern, Deutschland (MaDeRe). Natürlich, die Berge. Bekanntlich kann der Glauben sie versetzen. Auf kurzem Wege also hinab von den satten Matten und der Blick geweitet hinein in die Städte. Allgäu ist Bayern und Württemberg, ein Flickenteppich grobgeknüpfter Geschichte. Mit genügend Stoff für ganz großes Drama – wie heuer erneut bei „Wallenstein 1630“ zu Memmingen. Und eindringlichen Worten für Luther 2017.

Heiß muss das Hergehen sein unter den Helmen und im Harnisch beim Einmarsch der Heerscharen des Generalissimus. Wo es doch schon an uns hoch oben auf der Tribüne nur so hinunterperle tut. Nicht enden wollen will der Zug. Der Einzug am 30. Mai 1630 war kein Freudenfest für die Bürger der protestantischen Reichsstadt. Kaum Flaggen- oder Fahnenschmuck, kein blechernes Getöse, nur eindringlicher Trommelwirbel und spitzer Flötenklang. Historisch echt alles – obwohl nun im Juli. Kanoniere, Musketiere, Pikeniere, Rontarschiere marschieren vorüber, Kürisser, diszipliniert wie die Dragoner. Trosse, Kriegskasse, Leibwachen: auch vom dänischen, nicht katholischem Gast. Hofstaat und fahrendes Volk, Marodeure und Marketenderinnen, Bettler, Bedienstete… Besonders kraftvoll das Auftreten der schottischen Gastgruppen. Mit Dudelsack. Man darf, auch wenn’s nicht authentisch ist, applaudieren.

Dann schnabulieren beim Lagerleben. Speis und Trank mit Gesang samt instrumentaler Begleitung lässt uns lange verweilen bei den Städtischen. Bis wir weiterziehen zu anderen Lagerstätten in den Wallanlagen entlang der Stadtmauer. Beim Armbrustschießen das Schwarze gut vor Augen haben. Uns gar munter „Verlustierungen“ hingeben, das Exerzieren beobachten, dem Gefecht mit Knall und Rauch zuschauen, den Reitern beim „Ringleinstechen“. Noch das historische Marktgeschehen aufsuchen. Die müden Füße im Zuber voller Rosenblüten baden. Mitfiebern beim Theaterspiel auf dem Marktplatz. Oder bei Lagerspielen vollends dem bunten Treiben der Akteure erliegen – ein Tag ist für die stimulierende Zeitreise viel zu wenig.

Memmingen öffnet ein weiteres Zeitfenster. Anno Domini 1525: Der neue Glauben hielt progressiv Einzug. Reformator Christoph Schappeler predigte in St. Martin die Gültigkeit göttlichen Rechts auch in weltlichen Dingen ganz im Gegensatz zu Luther. Im März versammelten sich in der Kramerzunft 50 Vertreter der Allgäuer, Baltringer und Bodenseer Bauernhaufen. Die Bauern, Mehrheit der Bevölkerung, formulierten unter Anleitung des Memminger Laienpredigers sowie Feldschreibers Sebastian Lotzer erstmals einen gemeinsamen Forderungskatalog, die „Zwölf Artikel“ und einen Verfassungsentwurf, die „Bundesordnung“. Johannes Rau, ja nu, bezeichnete die Artikel als „frühes Monument der deutschen… Freiheitsgeschichte“. Man ließ sich von der Würde jedes einzelnen Menschenkindes leiten, kam folgerichtig zu den demokratischen Grundprinzipien. 25 Drucke verbreiteten binnen zweier Monate diese Botschaft im Reich. Aber der Adel verhandelte nicht, griff zu den Waffen, und zwischen März und Juni wurden über 100 000 Menschen abgeschlachtet.

Predigerbücherei, Prädikantenbibliothek, Predigerbibliothek. © Thomas Gretler
Predigerbücherei, Prädikantenbibliothek, Predigerbibliothek. © Thomas Gretler

Reformation und Revolution, Reformation und Gegenreformation und die Gegner von Luther, die Opposition von Calvin und Zwingli in der Reformationszeit, den Glaubenskriegen – das Auf und Ab ist spannend erfahrbar drüben wie hüben einer verwirrend zipfligen Landesgrenze. Isny erzählt in einer bemerkenswert inszenierten szenischen Stadtführung „Von Recht- und Wüstgläubigen“. An fünf historischen Schauplätzen nehmen dreizehn Laien-Darsteller und ein Flötist in originalgetreuen Kostümen die Teilnehmer auf eine Zeitreise zurück in emotional aufgeladenen Jahre: 1523 bis 1535. Vielversprechende Proben, Premiere dann 2017 am Ostermontag. Von Mai bis Oktober, jeden ersten Samstag im Monat ist hier die wandelnde Bühne für wunderbar direkt ansprechendes Theater. Der Stoff fürs Drehbuch, von Regisseurin Ute Dittmar umgesetzt, stammt aus dem Stadtarchiv. Klingt verstaubt? Ist nicht, und es lohnt auch einen Blick in die nahe Predigerbibliothek zu werfen. Der Zugang für Besucher ist begrenzt, zum Schutz antiquarischer Schätze in dieser bis in letzte Winkel herrlich mit Wissenswertem gefüllten „Bücherstube“ oberhalb der Sakristei der Nikolaikirche. Wer drin ist will nicht mehr raus, kann sich nicht sattsehen an den verzierten Seiten der nach vielen Sachgebieten – oft rein weltlich – geordneten, schmuck eingebundenen Bänden, satthören bei der kenntnisreichen individuellen Führung.

Kempten - Erasmuskapelle. © Lienert, Kempten
Kempten – Erasmuskapelle. © Lienert, Kempten

In Kempten können Mauern sprechen, wenn man bereit ist unter der Oberfläche nachzusehen. Zum „Schauraum Erasmuskapelle“ gelangt der findige Besucher vom Pavillon auf dem St. Mang-Platz eine steile Treppe hinab. Das „dreidimensionale Geschichtsbuch“ entwirft mit Ton und Licht, Sprache und Farben die Umrisse von 800 Jahren Ortsgeschichte. 600 Jahre gab es zweierlei Kempten: die Stiftsstadt mit der Residenz der Fürstäbte und die Reichsstadt. Sie schloss sich 1527 der Reformation an, aber beließ die Kapelle als Teil der Augsburger Bischofskirche katholisch. 1557 nahm die Reichsstadt von ihr Besitz – und machte unten dem alten Glauben gleich gottlos Garaus. Mit einer Trinkstube samt Weinkeller. Ach ja, einst war ersichtlich das Beinhaus hier untergebracht.

Wer da aus dem protestantischen Norden auf Luthers Spuren im Bayerisch-Schwäbischen unterwegs ist, wird Augsburg nicht links liegen lassen. Auch hier bietet sich eine szenische Stadtführung an, nicht nur mit Mönch Martin, auch mit dem Handelsherren Fugger, in einer Person. Große Gesten an passenden Plätzen. Wobei zum besseren Verständnis der Beziehung zwischen Kapital, Kirche und Kaiser das neue, ausgezeichnet didaktisch aufgebaute Fugger und Welser Erlebnismuseum wertvolle Hilfe leistet. Ja, nach Augsburg hat man kaum mehr Augen für kleine Städte im Allgäu mit ihrer vielseitigen Geschichte. Also vorher mitnehmen! Mindelheim, zum Beispiel. Die Mindelburg, gut, und das Frundsbergfest, freilich erst wieder 2018. Aber Luther, 1517, 2017? Wo doch erst 1863 erste „Evangelsche“ nachweisbar sind. Mönch Martin aber wohl 1511 auf dem Rückweg von Rom hier verweilte. Und Frundbergs Frau… Folgen wir dem engagierten Kulturamtsleiter Christian Schedler auf seiner Stadtführung zum Thema und schenken wir unseren Ohren Glauben. „Münchlein, Münchlein, du gehest einen schweren Gang…“ Ein Gang mit Schedler durch das Städtchen ist profundes Weggeleit durch die Zeit von Reformation und Gegenreformation.

Anmerkungen:

Vorstehender Beitrag von Christoph Merten ist eine Erstveröffentlichung im Magazin des Reisens. Die Recherche wurde unterstützt von der Allgäu GmbH.

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