Start Afrika Die Nebelwelt der Gorillas – Auf Dian Fosseys Spuren in Ruanda

Die Nebelwelt der Gorillas – Auf Dian Fosseys Spuren in Ruanda

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Ruhepause der Mountain Gorillas im Volcanoes National Park. © Foto: Dr. Bernd Kregel, 2015
Kigali, Ruanda (MaDeRe). Wie einst die Nilquellen, üben heute die Nationalparks Ruandas eine magische Anziehungskraft aus.
„Hier kriegt keiner was geschenkt!“ Lässt sich aus dem übermütigen Krächzen der Nashornvögel nicht sogar eine gehörige Portion Schadenfreude heraushören? Deutlich erkennbar sitzen sie im Geäst eines ausladenden Baumriesen im Trockenen und blicken aus ihrer erhöhten Position federschüttelnd herab auf den regennassen Urwaldboden. Auf eine kleine Schar seltsamer Wesen im Gänsemarsch, denen ein glitschiger Schlammbelag auf ihrem feuchten Pfad höchste Aufmerksamkeit abverlangt. Ab und zu, so wird aus der Vogelperspektive heraus erkennbar, verhindert nur ein stützender Holzstab die unbeabsichtigte Landung mit dem Hinterteil im verrottenden Blattwerk.

Doch trotz aller Widrigkeiten scheinen Abenteuerlust und Entdeckerfreude die Gruppe voranzutreiben. Bis schließlich ihre Geduld von Erfolg gekrönt wird. Denn urplötzlich zieht ein schnarrendes Grunzen die Blicke nach oben in die Baumkronen. Direkt in das Nachtlager einer Schimpansenfamilie, die sich langsam aus ihren sorgfältig geflochtenen Baumnestern erhebt und sich geschäftig ihrer Morgentoilette hingibt. Jeder hilft dabei jedem, um das während der Nachtruhe zerzauste Fell wieder neu zu ordnen. Ein geradezu anheimelndes familiäres Schauspiel, das rührend auf die in sich versunkenen Zuschauer wirkt. Bis ein jäher Schrei die Schimpansen zu einer wilden Aufbruchsjagd antreibt, hinein in das Abenteuer des noch jungen Morgens.

Aufbruchsstimmung

Golden Monkeys im Volcanoes National Park. © Foto: Dr. Bernd Kregel, 2015
Golden Monkeys im Volcanoes National Park. © Foto: Dr. Bernd Kregel, 2015

In ähnlicher Aufbruchsstimmung wie die Schimpansen im Nyungwe-Nationalpark befindet sich auch das kleine Ruanda. Eingezwängt zwischen seinen Nachbarn Uganda, Tansania und dem Kongo, sind es nur wenig mehr als zwanzig Jahre her, seit die Bevölkerungsgruppe der Hutu über die der Tutsi herfiel. Und ihr in unvorstellbarer Brutalität vor den Augen der Weltöffentlichkeit den Garaus machte. Kaum ein Besucher des Genozid-Museums in Kigali, der nicht den Kopf schüttelte über ein solches Ausmaß an Verblendung.

„Eine Zerstörungswut, die das Land in die Knie zwang“, wie Joseph Birori, Chef der „Primate Safaris“ in Kigali rückblickend bestätigt. Doch dann, so fügt er nicht ohne ein Quäntchen Stolz hinzu, habe man sich mit besten Vorsätzen und unter vollem Einsatz an den Wiederaufbau heran gewagt und die Spuren der Verwüstung innerhalb kürzester Zeit beseitigt. So habe Ruanda nicht nur ein respektables Wirtschaftswunder erzielt, sondern sei zudem auch eines der saubersten und sichersten Länder in ganz Afrika. Ein Erfolg, der – so weiß auch die Statistik – den Weg ebnet für viele neugierige Besucher aus aller Welt.

Variationsbreite

Flusspferd im Akagera National Park. © Foto: Dr. Bernd Kregel, 2015
Flusspferd im Akagera National Park. © Foto: Dr. Bernd Kregel, 2015

Vor allem sind es die Landschaften, die in ihrer unglaublichen Variationsbreite in dem kleinen Land unmittelbar nebeneinander liegen. Vom dichten Regenurwald bis zur ausgedehnten Savannenlandschaft, von Hochgebirgs-Vulkanketten bis hin zu romantischen Seenlandschaften. Kaum eine ostafrikanische Landschaftsformation, der nicht in idealtypischer Form hier anzutreffen wäre. Zum Glück erkannte man noch rechtzeitig, wie wichtig es war, ein Viertel des Landes im Status von Nationalparks vor den Zerstörungen einer planlosen Zersiedlung zu schützen.

Vom Nyungwe-Nationalpark im Südwesten des Landes aus lockt der Lake Kivu als nächstes Reiseziel. Ruandas schönster See und dazu mit seinen kleinen Inseln und malerischen Buchten der schönste in ganz Ostafrika. So macht die malerische Routenführung bis hinauf nach Gisenyi an seiner Nordspitze immer neue Fotostopps erforderlich.

Bergdschungel

Garten der Nyungwe Forest Lodge. © Foto: Dr. Bernd Kregel, 2015
Garten der Nyungwe Forest Lodge. © Foto: Dr. Bernd Kregel, 2015

Doch dann fällt im äußersten Norden des Landes an der Grenze zum Kongo und nach Uganda die Silhouette der mächtigen Ruwenzori-Gebirgskette ins Auge. Ein gewaltiges Massiv bis hinauf in die Höhe von viereihalbtausend Metern. Bis zu seiner Mitte eingehüllt in einen Bergdschungel, aus dem sich nach jedem Regenfall fließende Nebelschwaden gespensterhaft in Bewegung setzen. Erinnert diese Gegend nicht sofort an Dian Fossey, die hier in dieser wilden Landschaft ein Zuhause fand, jedoch ihr Lebenswerk des Naturschutzes mit dem Leben bezahlte?

Waren es doch die unterschiedlichen Gruppen der Berggorillas, die hier – erst zu Beginn des letzten Jahrhunderts entdeckt – schon bald als „Buschfleisch“ von der Ausrottung bedroht waren. Jene sanften Riesen, denen Gewalt in ihrem innersten Wesen fremd ist. So grenzt es fast an ein Wunder, dass hier an den Hängen der Vulkane noch einige intakte Familien zu sehen sein sollen, die man mit etwas Glück unter kundiger Leitung bei ihrer Futtersuche entdecken kann.

„Villa Gorilla“

Mountain Gorilla im Buschwerk des Volcanoes National Park. © Foto: Dr. Bernd Kregel, 2015
Mountain Gorilla im Buschwerk des Volcanoes National Park. © Foto: Dr. Bernd Kregel, 2015

Diese außergewöhnlichen Wesen aufzuspüren ist daher einer der Höhepunkte jeder Ruanda-Reise. Bernice und Jerome gehören zu dem Ranger-Team, das täglich lediglich 80 risikofreudigen Abenteurern in kleinen Gruppen den Zugang zu den Berggorillas im Volcanoes National Park ermöglicht. Zunächst durch Bambusdickicht am Fuße des Sabyinho-Vulkans und dann durch dichtes grünes Buschwerk, das als „Villa Gorilla“ den sanften Riesen nicht nur Wohnung bedeutet, sondern zugleich auch als Nahrungsquelle dient.

Der erste Eindruck Auge in Auge mit den Berggorillas ist überwältigend. Er gilt zunächst dem Schwarzrücken namens Uburanga, was nach Jeromes Übersetzung so viel heißt wie „schön anzusehen“. Seelenruhig nagt er an Blättern und Zweigen, ohne sich mehr als nötig um die Tagesgäste in seiner unmittelbaren Nähe zu kümmern. Oder doch? Denn irgendwann scheint ihn die Neugierde zu packen. Und er tut, was den Besuchern nicht erlaubt ist: zart und einfühlsam betastet er die außergewöhnlichen Objekte seines Interesses und macht dabei sogar vor locker herab hängenden Schnürsenkeln nicht Halt. Um dann aber doch schnell zu erkennen, dass diese sich als Futter nur wenig eignen.

Silberrücken

Mountain Gorilla beim Frühstück im Volcanoes National Park. © Foto: Dr. Bernd Kregel, 2015
Mountain Gorilla beim Frühstück im Volcanoes National Park. © Foto: Dr. Bernd Kregel, 2015

Etwas tiefer ins Gebüsch hat sich das Gorillaweibchen Kabatwa mit ihrem jüngsten Baby zurückgezogen, das ihren ganz besonderen Schutz zu genießen scheint. Vor wenigen Jahren hatte sie ihrem „Silberrücken“ Munyinya ein Zwillingspaar geboren, das seine Selbstständigkeit und Pfiffigkeit im Familienverband längst täglich unter Beweis stellt. Munter hüpfen und klettern die beiden Halbwüchsigen herum und scheinen dabei sogar die nach Ruhe suchenden Erwachsenen ein wenig zu nerven.

Nur ihr Vater Munyinya, was so viel heißt wie „Akazie“, lässt den jugendlichen Übermut nicht an sich heran. In stoischer Ruhe liegt er unbeweglich wie ein Akazienbaum im weichen Blattwerk und genießt die ihm von drei Familienmitgliedern gleichzeitig dargebrachte Fellpflege. Vielleicht lässt sein nachdenkliches Gesicht darauf schließen, dass er es früher als die Nummer zwei in der Suza-Gorillagruppe nicht eben leicht hatte. „Besonders die Damen ließen ihn aus Gründen der Hierarchie beim „djiggi djiggi“ ihre Verachtung spüren, weiß Bernice schmunzelnd zu berichten. So gründete er seine eigene Gorillagruppe, der man den Namen Hirwa verlieh. Das heißt nichts anderes als „glücklich“ und beschreibt offenbar das augenblickliche Lebensgefühl des Silberrückens.

Afrikanische Nacht

Die Nyungwe Forest Lodge im Morgenlicht. © Foto: Dr. Bernd Kregel, 2015
Die Nyungwe Forest Lodge im Morgenlicht. © Foto: Dr. Bernd Kregel, 2015

Ebenso wohl wie die Berggorillas in ihrem bequemen Buschwerk fühlen sich auch die Besucher der über das Land verstreuten Nationalpark-Lodges. Wunderbar gelegen inmitten von Teeplantagen eine der Schönsten von ihnen, die „Nyungwe Forest Lodge“. Von ihrer Terrasse aus kann man mit etwas Glück die in eigenwilligem Schwarzweiß gekleideten Colobus Monkeys und die lebensfrohen Vervet Monkeys herumtollen sehen. Oder von dem durch die Baumgipfel hindurch führenden Canopy walk, dem einzigen seiner Art in Ostafrika,  die Vielfalt des hier gedeihenden Tier- und Pflanzenlebens nacherleben.

Oder zieht gar die „Gorilla Mountain View Lodge“ am Fuße der Ruwenzori-Gebirgskette noch mehr Aufmerksamkeit auf sich, in der alltäglich in farbenfrohen Trachten bei wilden Rhythmen die Tänze der traditionellen Krieger Bewunderung erregen? Und schließlich das „Ruzizi Tented Camp“ im Akagera-Nationalpark nahe der tansanischen Grenze im Osten. Von einem weit in den See hinausragenden Steg aus erlebt man morgens den Sonnenaufgang über dem östlichen Seeufer. Oder genießt mit Einbruch der Dunkelheit das furiose Klickkonzert der zahlreichen Frösche, das sich wie ein Klangteppich über die Uferlandschaft legt. Soweit ihre penetranten Geräusche nicht übertönt werden von dem lautstark herauf hallenden Grunzen der Flusspferde, die hier im Ufergestrüpp auch akustisch ihr Territorium abstecken. Ist dies nicht die Traumkulisse einer die Phantasie beflügelnden „afrikanischen Nacht“?

Safari im Geländewagen

Gorilla Mountain View Lodge am Volcanoes National Park. © Foto: Dr. Bernd Kregel, 2015
Gorilla Mountain View Lodge am Volcanoes National Park. © Foto: Dr. Bernd Kregel, 2015

Doch auch der Tag weiß zu punkten. Wenn bei einer Safari im Geländewagen sich die Tierwelt der Savanne am Wegesrand ein Stelldichein gibt. Besonders auf die Elefanten, so gibt Parkbegleiter Johnson zu bedenken, muss man dabei ein wachsames Auge richten. Denn immerhin hat die ansehnliche Herde einige Junge bei sich, ein Umstand, der sie aggressiver erscheinen lässt als zu normalen Zeiten. So hat er aus Erfahrung nur den einen Wunsch, sich nicht versehentlich den Weg von ihnen verstellen zu lassen …

Wie ruhig dagegen die Giraffenherde, die lässig und zielgerichtet zugleich die Savanne durchschreitet, stets die frischen Akazienzweige im Blick, aus denen sie mit ihren langen Zungen die schmackhaften Blätter aus den Dornen hervor angelt. Oder die majestätisch durch die Lüfte dahin gleitenden afrikanischen Fischadler, die, sobald sie einen Fisch erblicken, blitzschnell zupacken. Ostafrika auf kleinsten Raum – vielleicht ist es das, was Ruanda als Reiseziel so erstrebenswert macht.

Reiseinformationen „Ruanda“:

Anreise: Günstig mit Ethiopian Airlines von Frankfurt über Addis Abeba nach Kigali, www.ethiopianairlines.com

Weitere Fluglinien sind Brussels Airlines, KLM und Turkish Airlines.

Einreise: Mit mindestens 6 Monate gültigem Reisepass; ein 3 Monate gültiges Besucher-Visum gibt es für 30 USD bei der Einreise.

Reisezeit: Ganzjährig. Die große Trockenphase Juni bis September sowie die kleine Trockenphase von Ende November bis Ende Januar eignen sich besonders gut für Gorilla-Tracking und Waldexkursionen.

Reiseveranstalter: Besonders erfahren in Deutschland mit Ruanda-Tourismus ist Abendsonne Afrika GmbH, Telefon: 07343 – 929980; info@abendsonneafrika.de; www.abendsonneafrika.de; in Kigali: www.primatesafaris.info

Unterkunft: Nyungwe Forest Lodge: www.nyungweforestlodge.com; Gorilla Mountain View Lodge: www.3bhotels.com; Ruzizi Tented Lodge: www.ruzizilodge.com; Serena Hotels Kigali und Lake Kivu: www.serenahotels.com

Auskunft: Kamageo. African Destination Marketing, www.kamageo.com; Akomasa. Creative Connection, Telefon: 06171-5868580, germany@rwandatourism.org; www.rwandatourism.com

Reiselektüre: Heiko Hooge, Iwanowski’s Ruanda, Tipps für individuelle Entdecker, 1. Auflage August 2016, ISBN: 978-3-86197-126-9, Preis: 22,95 Euro

Unterstützungshinweis:

Die Recherche wurde unterstützt von Rwanda Tourism Board.

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