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Ganz groß – Eine Reise an den Kleinen Plattensee in Ungarn

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Kis-Balaton © Foto: Thilo Scheu, 2012

Csopak, Ungarn (MaDeRe). Klein ist er wahrlich nicht: Der Kis-Balaton im Westen Ungarns. Das bedeutende und schützenswerte Feuchtgebiet kann stolz sein den Titel drittgrößtes Schilfgebiet Europas zu tragen. Nur das Donaudelta und die Camargue können ein größeres Areal für sich verbuchen. Auf einer Fläche von 75 km² tummeln sich am Kleinen Plattensee in ursprünglicher Natur unzählige seltene Pflanzen- und Tierarten, darunter mehr als 100 Wasserbüffel. Ein noch eher unbekanntes Kleinod in der Region Transdanubien voll lebendiger Pracht aus Farben und Geräuschen.

Erfolgreicher Naturschutz

Segway-Tour am Kleinen Plattensee. © Foto: Thilo Scheu, 2012
Segway-Tour am Kleinen Plattensee. © Foto: Thilo Scheu, 2012

Dabei sah es nicht gerade ersprießlich aus für das seit Dutzenden von Jahrhunderten bestehende Sumpfgebiet, welches sich nur knapp 200 km von Budapest entfernt befindet und seit jeher mit dem „großen“ Balaton verbunden war. Mitte des 20. Jahrhunderts kam es durch umfangreiche Eingriffe des Menschen zu weitreichenden negativen ökologischen Folgen. Am Ende blieb nur eine kleine schilfbestandene Sumpfregion mit einer winzigen Wasserfläche von einem halbem Quadratkilometer übrig. Die Uhr tickte und tickte. Gnadenlos. Die Zeiger standen auf fünf vor Zwölf. Die Zeit zum Handeln war gekommen, um eine einzigartige Naturlandschaft vor dem Verschwinden zu retten. Dank eines einzigartigen Projektes zur Renaturierung, das 1976 begonnen wurde und durch die seit 1997 bestehenden Zugehörigkeit zum Nationalpark-Balaton-Oberland erholte sich die Region in den letzten Jahrzehnten Schritt für Schritt. Die natürliche Funktion als Wasserschutz- und Reinigungssystemsystem für den Plattensee stellte sich wieder ein und nach Wiederherstellung des ökologischen Gleichgewichts erschien erneut eine unglaubliche Fülle an seltenen Tieren und Pflanzen auf der Naturbühne. Grund genug das Gebiet 1979 in das Ramsarer Übereinkommen zum Schutz international bedeutsamer Feuchtgebiete aufzunehmen.

Der Kis-Balaton zeigt Größe

© Foto: Thilo Scheu, 2012
© Foto: Thilo Scheu, 2012

Heute braucht sich der kleine Bruder des großen Plattensees vor seinem bekannten Verwandten nicht zu verstecken. Im Gegenteil: Der Kis-Balaton, durch den Hídvéger und den Fenéker See und dem Fluss Zala mit dem Balaton, dem größten Binnensee Mittel- und Westeuropas verbunden, fasziniert auf ganzem Areal. Bei einer kurzen Radtour entlang der Zala eröffnet sich immer wieder ein herrlicher Blick über den Hídvéger See und über die weite Schilflandschaft. In der Ferne erhebt sich der Kirchturm von Zalavár, ein Kuckuck ruft und am Uferrand steigt ein aufgeschreckter Silberreiher empor. Mit etwas Glück erspäht man auch die völlig harmlose Würfelnatter wie sie sich schnell und nahezu lautlos von ihrem Sonnenplatz ins sichere Wasser schlängelt. Auf der kurzen, etwa 5 km lange Strecke erhebt sich an einer Schleuse ein hölzerner Aussichtsturm, dessen „Besteigung“ sich lohnt, um ausgerüstet mit einem Fernglas weitere tierische Preziosen entdecken zu können. Wer noch mehr Natur und seltene Vogel- und Pflanzenarten wie den Seeadler, den Kormoran oder die Echte Mondraute unter die Lupe beziehungsweise das Spektiv nehmen möchte, dem sei eine geführte Tour durch das ansonsten gesperrte und geschützte Areal des Kis-Balaton ans Herz gelegt. Rund 250 Vogelarten, davon mehr als 20 streng geschützte Spezies, singen und schweigen in Wipfeln und Geäst von Eichen, Erlen, Pappeln und Weiden. Im nahegelegenen Zalavár steht nicht nur die aus der Ferne ansehnliche kleine Kirche, sondern auch das Kis-Balaton-Haus. Wie der Name erahnen lässt, findet der Besucher hier viele Antworten auf Fragen rund um das Reservat aus Sumpf, Schilf und Wasserfläche. Auch Kinder erfahren auf anschauliche und spielerische Weise Spannendes und Interessantes über die ökologischen Zusammenhänge und die Artenvielfalt des riesigen Feuchtbiotops.

Ungarisches Temperament

Büffel. © Foto: Thilo Scheu, 2012
Büffel. © Foto: Thilo Scheu, 2012

Schnaubend, sich im Schlammwasser erfrischend und gehörig dreckig stehen und liegen sie da: Die Büffel der Kápolnapuszta. Hier im Westen Ungarns, südlich der beiden Seen Hídvéger und Fenéker in der Nähe der Ortschaft Balatonmagyaród sind sie Zuhause. Von wildem Westen jedoch zunächst keine Spur. Die Landschaft rund um den Kis-Balaton kommt eher unaufgeregt daher, manchmal gar etwas langweilig, auf keinem Fall spektakulär. Den Büffeln ist es womöglich egal, denn ihnen fehlt es an nichts, sommers wie winters. Über 100 bullige Exemplare leben im Büffelreservat artgerecht auf weit über 100 Hektar Weidefläche. Die leicht wellige saftiggrüne Landschaft mit seinen einzelnen Baumgruppen ist ein idealer Lebensraum für diese ursprünglich aus Asien stammenden Wasserbüffel. Für ein paar Forint kommt man in den Genuss mit einem zweispännigen Planwagen und echten Büffelkennern eine kleine Entdeckertour durch das Büffelreservat zu unternehmen. Aug in Aug mit majestätischen Einzelstücken. Und das birgt durchaus aufregende Augenblicke, die Dank fachkundiger Begleitung durch einen beherzten Sprint mit Pferd und Wagen als angenehmes Urlaubsabenteuer in Erinnerung bleiben. Zwar sind die Tiere an Besucher gewöhnt, kommt man ihnen jedoch zunahe, insbesondere wenn junge Kälber anwesend sind, lodert in ihnen das ungarische Temperament auf, und man sollte sich trollen. Die Kutscher erklären, dass vor allem die Pferde bei einer Attacke im Focus der aufgebrachten Kolosse ständen. Die Flucht nach vorn erweist sich da als probates Mittel in der Not.

Wie kam der Büffel eigentlich nach Ungarn?

Büffel. © Foto: Thilo Scheu, 2012
Büffel. © Foto: Thilo Scheu, 2012

In Ungarn werden die domestizierten Büffel, die zu den Wildrindern gehören, auch Urhausrind genannt, gelten jedoch nicht als spezielle Rasse. Seit wann diese Art Büffel auf ungarischem Boden grast, ist nicht genau geklärt. Im kleinen Besucherzentrum des Büffel-Reservat bekommt man Erklärungsversuche an die Hand. Einer führt das Ankommen der Büffel auf das 6. Jahrhundert, also die frühe Awaren-Zeit zurück, andere Aspekte zeichnen die Magyaren während ihrer Blütezeit um 1000 nach Christus verantwortlich. Die größte quantitative Zunahme erfolgte wahrscheinlich durch die türkische Invasion im 16. Jahrhundert. Für einen weiteren Entwicklungsschub sorgte die gräfliche Familie Festetics, die nach Berichten des englischen Arztes Richard Bright Anfang des 19. Jahrhundert zahlreiche indische Wasserbüffeln eingeführt haben soll. Wie es in weiten Teilen Asiens auf dem Lande heute noch Usus ist, verließen sich die ungarischen Bauern damals und viele Dekaden lang auf die Kraft und Ausdauer der bis zu einer Tonne wiegenden Hornträger, deren Zahl man in dieser Zeit auf über 100.000 in ganz Ungarn schätzte.

Ein langer Weg

Büffel-Reservat am Kleinen Plattensee. © Foto: Thilo Scheu, 2012
Büffel-Reservat am Kleinen Plattensee. © Foto: Thilo Scheu, 2012

Durch die Technisierung und Verstaatlichung der landwirtschaftlichen Betriebe während der sozialistischen Regierung in Ungarn reduzierte sich Zahl der Büffel auf wenige hundert Stück. Erst nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und Ausrufung der Republik Ungarns keimte ein neuer Enthusiasmus für die noch rudimentär vorhandenen Büffel auf. 1992 begann in der Kápolnapuszta ein ambitioniertes Tierschutzprogramm zur Rettung des Bos bubalus domesticus. Aus allen Regionen der Republik schaffte man Restbestände heran und so stieg die Zahl der schieferschwarzen Vierfüßler wieder deutlich an. Heute beheimatet das Büffelreservat um die 100 Exemplare, ein Mehrbestand ist aufgrund der begrenzten Fläche nicht möglich. Überzählige Büffel werden abgegeben, so zum Beispiel nach Kärnten in die Gemeinde Keutschach. Um das Zuwachsen der dortigen Moorlandschaft zu verhindern, siedelte man vor einigen Jahren sieben westungarische Wasserbüffel an, um den Bewuchs zu regulieren und die heimische Flora und Fauna zu retten. Trotz erkennbarer Erfolge beendete man die landschaftsregulierende Maßnahme aufgrund zu hoher Kosten. Einige der Paarhufer fanden andernorts in Kärnten wieder ein grasgrünes und ökologisch angemessenes Domizil.

Die Grafenfamilie Festetics

Schloss Festetics. © Foto: Thilo Scheu, 2012
Schloss Festetics. © Foto: Thilo Scheu, 2012

Unweit des Büffelreservates lohnt ein Abstecher zum sehenswerten Barockschloss der Familie Festetics in Keszthely. Mit seinen 110 Räumen das drittgrößte Schloss Ungarns. Neben herrschaftlichem Mobiliar und liebevoll gestalteten Zimmern schauen hier und da animalische Gesichter auf den Besucher hinab und lassen auf den nahen Bezug der Familie zu Geschöpfen verschiedenster Couleur schließen. Die ausdrucksstarken Gemälde zeigen Pferde und Rinder auf dem weitläufigen Adelsgut. Bei den mit feinem Strich dargestellten Rindern handelt sich allerdings eher um altungarische Graurinder, die Besucher ebenfalls im Büffelreservat beobachten können. Apropos erkunden: Eine aufregende und gleichzeitig entspannte Möglichkeit das Büffelreservat und die Umgebung rund um den Kis-Balaton kennen zu lernen, ist ein geführter Ausflug mit dem Segway. Angetrieben durch einen Elektromotor und einem leicht schwebenden Gefühl rollt man auf zwei wuchtigen Rädern leise vorbei an Feldern, Wiesen und Weiden.

Reiseinformationen:

Ungarisches Tourismusamt (Unterkünfte, Infomaterial etc.), Wilhelmstr. 61, 10117 Berlin, Telefon: 030 / 24 31 460, Telefax: 030 / 24 31 4613, E-Mail: berlin@ungarn-tourismus.de, Web: www.ungarn-tourismus.de

Nationalparkdirektion Balaton-Oberland inklusive Kis-Balaton
Kossuth u. 16, H-8229 Csopak / Ungarn, Telefon: +36 87 555 260, Web: www.bfnp.hu (auch in deutscher Sprache)

Segway-Touren ab Zalakaros beispielsweise zum Büffelreservat
Bodahegyi ut.1, H-8749 Zalakaros, Telefon: +36 30 4114 001, E-Mail: zalakaros.segway@gmail.com, Web: www.segwaytura.zalakaros.co

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