Start Europa Die Kurische Nehrung – „Sylt des Baltikums?“

Die Kurische Nehrung – „Sylt des Baltikums?“

1116
0
Teilen
Kurische Nehrung Foto: © Elke Backert

Hamburg, Deutschland (MaDeRe). „Ist das nicht ein Traum – ein Sandstrand so ohne Menschen!“ Die Damen aus Deutschland sind überwältigt. Die Kurische Nehrung, jene Landzunge, 97 Kilometer lang und bis zu vier Kilometer breit, die sich die Russische Föderation und Litauen teilen, zwischen Kaliningrad, der einstigen ostpreußischen Hauptstadt Königsberg, und Klaipèda, ehemals Memel, in der Ostsee gelegen, wurde Ende 2000 in die UNESCO-Liste als Welterbe aufgenommen. Das verwundert nicht, sind doch der endlos scheinende Sandstrand, die bis zu 53 Meter aufragenden „Toten Dünen“, die „Hohe Düne“ (63 Meter, sie wandert noch) am Kurischen Haff und die dichten Kiefern- und Birkenwälder ein einzigartiges Naturschutzgebiet. Bereits 1991 hatte Litauen, das neue EU-Mitglied, seine 52 Kilometer zum Nationalpark erklärt. Die „Toten Dünen“, die im 18. und 19. Jahrhundert in einem Jahr 20 Meter wanderten und 14 Dörfer unter sich begruben, faszinieren wie eine Sahara im Kleinformat.

Dem Philosophen Wilhelm von Humboldt hatte die Nehrung es schon 1809 angetan: „Die Kurische Nehrung ist so merkwürdig schön, dass man sie ebenso gut in Spanien oder Italien gesehen haben muss, wenn einem nicht ein wunderbarer Blick in der Seele fehlen soll.“

Kurische Nehrung Foto: © Elke Backert
Kurische Nehrung Foto: © Elke Backert

Thomas Mann gefiel es auf der Halbinsel so gut, dass er 1930 im Fischer- und Künstlerdorf Nidden/Nida eine „Hütte“ baute, in der sich die Familie drei Sommer aufhielt und in der der dritte Teil von „Joseph und seine Brüder“ entstand. Gäste dürfen das Haus, heute ein kleines Museum und Kulturzentrum, besichtigen. Im Gedenken an den großen deutschen Schriftsteller findet jedes Jahr im Juli, in 2016 vom 16. bis 23. Juli – es ist das 20. Thomas-Mann-Festival und steht unter dem Motto „Menschenwürde“ -, ein Festival klassischer Musik statt. Enkel Frido Mann hatte es 1997 mit Erfolg ins Leben gerufen. Litauische und deutsche Künstler musizieren, lesen und diskutieren.

Glaubt man der Legende – und sie ist Volksglauben, gibt es doch den Hexenberg voller Sagengestalten -, schuf eine Riesin die Halbinsel: Um die Fischer vor einem tobenden Sturm zu retten, schüttete sie so viel Sand aus ihrer Schürze, dass die Fischer im so entstandenen Haff Schutz finden konnten. Die Fischer gibt es noch, auch ihre Häuschen. Ihre Netze und Reusen sind Motiv für Maler und Fotografen.

Kurische Nehrung Foto: © Elke Backert
Kurische Nehrung Foto: © Elke Backert

Der aus den vier Dörfern Nida (Nidden), Preila, Pervalka und Juodkranté (Schwarzort) gebildete Kurort heißt offiziell Neringa. Hier wohnt man in hübschen Hotels mit westlichem Standard, man kann aber auch privat unterkommen und lässt sich das ungewöhnliche, oft deftige Essen schmecken, kalte Rote-Bete-Suppe etwa, dazu ein Tellerchen warme Dill-Kartoffeln in Speck. Oder „Zeppeline“, Klöße aus roh geriebenen Kartoffeln, gefüllt mit Hackfleisch und übergossen mit Specksauce. Natürlich stehen auf jeder Speisekarte Fischgerichte.

Die Nehrung lädt zu Spaziergängen und Radtouren. Sie ist nicht nur für westliche Besucher ein Erlebnis. Mehr und mehr Russen und reiche Litauer verbringen hier ihren Sommerurlaub. Eine Bremerin, die ihr Haus in Nida für 70 Euro am Tag vermietet, sieht die bislang paradiesische Halbinsel schon als Sylt des Baltikums. Sehenswert ist der alte unter Denkmalschutz stehende Kurenfriedhof, dessen „Totenbretter“, hölzerne Grabkreuze, durch Ornamente anzeigen, ob Mann oder Frau bestattet ist. Besuchen muss man das Bernsteinmuseum in Nidden, sofern man nicht das im Schloss von Palanga (Palangen) auf dem Festland vorzieht, eines der größten der Welt. Das kostbare Harz, das immer noch an der Ostseeküste zu finden ist, galt schon in alten Zeiten als Allheilmittel und gilt nach wie vor als Energiespender und mit Wodka angesetzt als Stimulanz.
Fast einzig auf der Welt ist der Flughafen Palanga auf dem litauischen Festland. Vor dem Abflug lauschen die Passagiere auf der Terrasse open air und kostenlos Vogelgezwitscher.

Kommentieren Sie den Artikel

9 + = 15