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Die Knochenarbeit mit der Rinde – Kork, Fisch und eine wilde Küste: unterwegs im Süden Portugals durch die Algarve

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Warten auf die naechste Welle. An der Algarve kommt sie bestimmt. Foto: © Rainer Hamberger

Olhão, Portugal (MaDeRe). Bei der nächsten Welle braucht es etwas Mut. Ein großer Schritt und man landet in dem schaukelnden Gefährt. „Etwas windig heute“, entschuldigt sich José bei den zugestiegenen Gästen. Sein Portugiesisch klingt weich, mit vielen Kehllauten, beinahe ein bisschen wie Russisch. Geschickt steuert er das Boot zwischen Kalk- und Sandsteinsäulen hindurch, die sich aus dem glasklaren, blau schimmernden Wasser erheben. Ständig wechseln die Formationen.

Starke Winde und ständige Unterspülungen haben über Tausende von Jahren das instabile Material entfernt. Zurück blieben skurrile Gebilde. Dort eine Höhle, ein Steinbrücke oder ein Fantasietier, das seinen sandfarbenen Rücken der Sonne entgegenstreckt.

Mittlerweile weltweit bekannt ist der Küstenstreifen zwischen Faro, der Hauptstadt der Algarve, und dem im Westen gelegenen Cabo de Sao Vincente. Entlang der 20 bis 50 Meter hohen Steilküste haben sich feinsandige Strände und kleine Buchten gebildet, die in der Hochsaison Hauptanziehungspunkt für Touristen wie für Einheimische sind. Hat man das Glück in der Nebensaison Portugal besuchen zu können, findet man tatsächlich noch viel Ursprünglichkeit.

In Olhão genießen wir einen „uma bica“ im Freien. Nur ein paar Cent kostet das starke Kaffee-Gebräu, das den Kreislauf wieder in Schwung bringt. Es ist später Nachmittag. Die Fischer kehren vom Fang heim. Maria entgeht nichts. Die Besitzerin des Lokals kennt sie alle. Da ein freundliches Winken, mit dem Anderen eine heftige Diskussion. Die Männer, die von ihren Booten kommen, sind abgearbeitet. Vom Wetter zerfurchte Gesichter, rissige Hände von der Arbeit mit den Netzen im kalten Wasser. In der kleinen Taverne am Hafen ist was los. Hier trinkt man sich seinen Frust von der Seele oder feiert einen erfolgreichen Fang, oder einfach nur das Ende eines langen Arbeitstages.

Die Algarve ist die südlichste Provinz Portugals. Ihr Namen ist arabischen Ursprungs und bedeutet soviel wie „der Westen“, obwohl dieser Landesteil im Südenwesten der Iberischen Halbinsel liegt. Auf einer Fläche von ca. 500.000 qkm leben rund 400.000 Einwohner. Sie nennen sich „Algarvios“ und sind im Vergleich zu ihren spanischen Nachbarn etwas gelassener und sehr liebenswürdige Gastgeber. Ein wichtiger Bestandteil ihres Lebens ist die Familie.

Burgen und Seefahrer

Die ruhelose Vergangenheit machte es dem Land nicht gerade leicht, politisch und wirtschaftlich Fuß zu fassen. Mal war es von den Mauren besetzt, dann befand es sich wieder in den Händen von Christen. In Silves, nördlich von Lagoa, thront auf einer Bergkuppe noch eine alte Burganlage der Mauren aus dem 8. Jahrhundert. Zur damaligen Zeit hatte die Stadt dreimal soviel Bewohner wie heute, war größer und reicher als Lissabon und galt als Hauptstadt der Algarve. Dies wirft auch ein völlig anderes Licht auf den Islam, wie wir ihn heute erleben. Eine der herausragenden Persönlichkeiten war Heinrich der Seefahrer, der ab 1415 Sagres zum Ausgangspunkt „Großer Entdeckungen“ machte. Heute noch kann die wuchtige Burganlage besichtigt werden, die u. a. einst eine Art Universität beherbergte. Hier kamen Seefahrer aus aller Welt zusammen, um ihre Erfahrungen und vor allem ihr Kartenmaterial auszutauschen. Im Jahre 1755 verwüstete ein verheerendes Erdbeben Portugal. Es kostete vielen Menschen das Leben und zahlreiche historische Gebäude wurden auf immer zerstört, ein nicht wieder gut zu machender Schaden.  Nachdem Portugal 1986 der EG beitrat, griff man auch der Algarve wirtschaftlich unter die Arme. Heute durchzieht ein gut ausgebautes Straßennetz das Land, um die wachsenden Touristenströme in die Feriendomizile zu leiten. Leider wurden auch hier viele Bausünden begangen.

Es muss nicht immer Strand sein

Das Gässchen wird immer enger. Die Hoffnung, dass es sich um eine Einbahnstraße handelt wird leider nicht bestätigt. Doch irgendwo findet man eine Ausweichstelle und lässt den Anderen vorbei, alles ohne Aggression, ohne Hupen und Händefuchteln. Vorbei an brechend voll hängenden Orangen- und Zitronenbäumen führt die Straße hinauf auf die Sierra de Monchique, die mit nur ca. 900 Metern die höchste Erhebung der Algarve ist. Etwas südlich davon kann man in dem 32° warmen Schwefelwasser, das aus dem Berginnern quillt, verschiedene Leiden heilen, um dessen wohltuende Wirkung bereits die Römer wussten. Auf der Via Algarviana, die den Bergort Monchique streift, gelangt man durch die verschiedenen Vegetationszonen, über Loorbeer- und Eukalyptushaine und steinige Plateaus mit weiter Rundsicht. Entweder man wählt eine Tagesetappe, oder nächtigt in rustikalen Landhotels.

Hin und wieder am Wegrand ein Garten mit Olivenbäumen, dazwischen knorrige Korkeichen, die das Grundmaterial für einen der wichtigsten Wirtschaftszweige Portugals liefern. Die Rinde dieser immergrünen Eichenart ist ein universelles Naturprodukt. Es müssen erstmal 20 Jahre vergehen bevor ein Teil des Baumes erstmalig geschält wird. Frühestens nach neun Jahren darf wieder geerntet werden, so sagt es das Gesetz. Die „tiradores“ (Schäler) schlitzen mit der Axt die Stücke auf, die abgetragen werden. Eine Knochenarbeit, zumal die Korkernte nur im Hochsommer möglich ist, weil sich um diese Zeit die Rinde am leichtesten schälen lässt.  Die mit Stickstoff gefüllten Zellen verleihen dem Kork hervorragende Eigenschaften als Isoliermaterial. Er brennt nicht und leitet keine Elektrizität. Wandert ein Korken in den Hals einer Flasche, ist dies die höchste Auszeichnung für ihn. Nur wenn das Volumen seiner Poren geeignet ist, den Flaschenhals wie einen Saugnapf abzudichten, kann ein Wein unbedenklich gelagert werden.  Leider verdrängen billige Plastikverschlüsse und Kronenkorken immer mehr den echten Rindenkorken.  Das Museu da Cortica in der Fábrica do Inglês in Silves bietet Einblick in die Gewinnung und Verarbeitung dieses für Portugal typischen Naturstoffes.

Der Klapperstorch ist auch schon da

Zu den bekannten und herausragenden Baudenkmälern in der Kulturhauptstadt  Faro zählen der Bischofspalast Paço Episcopal, sowie zahlreiche Kirchen und historische Gebäude. Wie schön, sich anschließend im Stadtpark Alameda Joao de Deus auszuruhen. Durchhaltevermögen ist hier angesagt. Man kann sich aber auch gemütlich durch die Altstadtgässchen treiben lassen, dem aufgeregten Geklapper der zahlreichen Störche lauschen, oder die Mosaikarbeiten bestaunen, mit den typisch portugiesischen Kacheln, die so manche marode Hausfassade zieren. Völlig gegensätzlich dazu ist der Yachthafen mit den Luxusbooten. Nur vom Flugzeug aus bekommt man einen Überblick über die einzigartige Hafflandschaft des Ria Formosa mit unzähligen Inselchen und Stränden. Die Strände sind es ja auch, wonach das Herz der meisten Touristen drängt. Es gibt sie zur Genüge und für jeden Geschmack. Beim Verlassen des Fahrzeugs wird man fast umgeblasen. Der Umweg über die Schotterstraße durch den Naturpark hat sich gelohnt. Die Brandung schickt haushohe Wellen die Felsküste entlang. Sogar die vorwitzig am Rand stehenden Fischer suchen Zuflucht. Immer wieder drückt die Sonne zwischen den vom Wind zerfetzten Wolken durch. Eine halbe Stunde später in einer windgeschützten Bucht: Der Himmel ist tiefblau, das Wasser eben wie ein Tisch. Hier können die Fischer unbeschwerter ihrer Arbeit nachgehen. Ob in ihren Familien heute Abend gebratener Fisch auf dem Speiseplan steht.

Informationen:

Unterkünfte: Eine Vielzahl von Hotels und Ferienhäusern finden sich an oder in der Nähe der Küste.

Allgemeine Anfragen zur Algarve gibt es unter www.algarvepromotion.pt und
www.visitalgarve.pt und zu Portugal unter www.visitportugal.com.

Exkursionen, Mountainbike Touren und Trekking auf der Via Algarviana: Email:
info@outdoor-tours.com; Website: www.outdoor-tours.com

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