Start Europa Sommersonnenwende am Polarkreis – Füllhorn des Lichts im nördlichen Lappland

Sommersonnenwende am Polarkreis – Füllhorn des Lichts im nördlichen Lappland

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© Foto: Dr. Bernd Kregel, 2014
Inari, Rovaniemi, Lappland, Finnland (MaDeRe). Die lange Winternacht an der Nordspitze Europas findet ihr Gegenstück in der Lichtfülle des Sommers.

„Wo ist das Haus vom Nikolaus?“ Manche vermuten es in Alaska oder gar am Nordpol. 40.000 Kinder aus aller Welt hingegen meinen es aus Erfahrung besser zu wissen. Alljährlich schicken sie ihre an Santa Claus adressierten Herzenswünsche direkt an den Nördlichen Polarkreis nach Rovaniemi, der Hauptstadt Lapplands. Mit großem Erfolg. Denn Santa Claus und seine Helfer versäumen es nicht, zum Beweis seiner Existenz und zur Freude aller Kinder die Briefe persönlich zu beantworten.

Doch wovon träumen Erwachsene, wenn ihnen das Lappland nördlich des Polarkreises in den Sinn kommt? Ist es die Aurora Borealis, die in endlos langen Winternächten den Himmel in eine bunte Farbpalette verwandelt? Jeder schimmernde Lichtstreifen dazu geeignet, Schauder der Ergriffenheit über den erwartungsvollen Mitteleuropäer auszuschütten? Oder ist es vielmehr die Zeit der Sommersonnenwende, in der für viele Wochen die Sonne niemals hinter dem Horizont versinkt und dadurch die Nacht zum Tage macht?

Wildes Lappland

© Foto: Dr. Bernd KregelWie auch immer, die Europäer sind verrückt nach dem Nördlichen Lappland. So wie Gerhard Bullinger aus Karlsruhe, der zu seinem 60. Geburtstag nur einen Wunsch hatte: einmal in seinem Leben mit Trecker und Anhänger an die Nordspitze Europas, koste es was es wolle. „Entschleunigung“ nennt er sein Nordland-Abenteuer bei einem Gespräch am Rande der Europastraße 75. Und freut sich dazu diebisch, „das meist fotografierte Vehikel in ganz Finnland“ zu sein.

Ist es bei solchem Abenteurergeist vor allem das wilde Lappland, das die unternehmungslustigen Menschen hinter ihrem heimischen Ofen hervor holt? Und die Begegnung mit Naturmenschen, die sich noch den Herausforderungen des Lebens in der Wildnis stellen? So wie Raimo Hekkanen aus Nuorgam und sein Sohn Santeri. Mit dem Finnenmesser am Gürtel pirschen sie während der Mitternachtssonne auf Rentierpfaden über die Fjelle des hohen Nordens. Um dann mit ihren Gästen am Lagerfeuer vor ihrer Jagdhütte gemeinsam getrocknetes Rentierfleisch zu genießen. Kein Laut ringsum zu dieser außergewöhnlichen Tageszeit bis auf das Knistern der glühenden Holzscheite im Lagerfeuer.

Goldgräbertradition

© Foto: Dr. Bernd Kregel, 2014Wild geht es zu auch weiter südlich am Tennenjoki-Flusssystem. Eine Landschaft mit uralter Goldgräbertradition. Zu einer Zeit, in der die abenteuerlustigen Digger bereits alle erdenklichen Mühen auf sich nahmen, bevor das Gebiet mit halbwegs befestigten Straßen aufwarten konnte. Doch der Ruf des Goldes war stärker als die Bedenken der daheim Gebliebenen. Aber nur selten spielte der Zufall mit, der im Jahr 1937 einem Goldgräber den Glücksfund eines Nuggets von 393 Gramm bescherte.

Wie mühselig das Geschäft sein kann, zeigen Nils und Aslak Paltto, zwei Brüder aus dem Volk der Samen. Immer wieder helfen sie den Möchtegern-Goldgräbern, ihre Goldwaschpfannen mit Erdreich zu füllen, um es anschließend nach allen Regeln der Goldgräberkunst  auf seine Goldbestandteile hin zu untersuchen. Zunächst sind alle Kieselsteine zu entfernen, bis im Zentrum der Pfanne nur noch eine dünne Sandschicht übrig bleibt. Mit Hilfe des Wassers gleitet sie ständig über den flachen äußeren Pfannenrand, bis schließlich bei genauem Hinsehen zwei oder drei Stückchen Goldstaub aufblitzen. Vorsichtig werden sie mit der Fingerspitze aufgenommen und in einem mit Wasser gefüllten Glasröhrchen verstaut. Da heißt es schnell aufhören, bevor das Goldfieber ausbricht.

Im Sog der Stromschnellen

© Foto: Dr. Bernd Kregel, 2014Noch nicht Wildnis genug? Das Rafting-Abenteuer auf einem der Gletscherflüsse ist wie kein zweites geeignet, augenblicklich Abhilfe zu schaffen. Bootsführer Visa Ruokokoski kann es kaum erwarten, vor dem Aufbruch zu den Ritakoski-Stromschnellen im Juutuajoki-Fluss seine mahnenden Anweisungen zu geben: die Füße am Boden des Schlauchboots gut festklemmen, den Paddelschlag nach vorgegebenem Kommando koordinieren und im Fall der Fälle sofort den Kontakt zum Boot suchen.

Schon treibt das Boot einer ungewissen Zukunft entgegen. Je näher die ersten Stromschnellen kommen, umso schneller wird es in ihren Sog hinein gezogen. Und schon ist es mittendrin, versinkt in einem Wellental, um sich auf dessen anderer Seite wieder steil aufzubäumen. Ein Wechselbad der Gefühle, das zudem nicht ohne kalte Dusche abgeht.

Romantik des Inarisees

© Foto: Dr. Bernd Kregel, 2014Doch das wilde nördliche Lappland mag es auch romantisch. Ruhig gleitet das kleine Motorboot von Tapani Lappalainen über den Inarisee, den größten See Lapplands. Kurvenreich sucht es seinen Weg durch das Inselgewirr von 3000 Inseln und Inselchen. Weiß spiegeln sich die Wolkenformationen im blauen Wasser. Zeit zum Träumen im klaren Licht des Nordens und sich dabei vorzustellen, wie im Winter eine dicke Eisdecke die Oberfläche überzieht. Und dabei Raum gibt für vielfaches Wintervergnügen.

Doch zunächst legt das Boot an einer kleinen Insel an, die sich in ihrem Äußeren kaum von all den anderen unterscheidet. Es ist die Insel Ukonsaari mit einer atemberaubenden Aussicht über die Seenlandschaft ringsum. Diesen Blick schätzten vor mehreren tausend Jahren offensichtlich auch schon die Ureinwohner der Region. Sie errichteten an dieser exponierten Stelle eine Kultstätte, an der sie ihre nordischen Gottheiten verehrten.

Hüttenzauber

© Foto: Dr. Bernd Kregel, 2014Profaner geht es zu auf Tissikivisaari, einer der Nachbarinseln. An einer kleinen Bucht hält Tapani Angelzeug bereit. Wird es seinen Gästen mit ein wenig Glück gelingen, dem See etwas von seinem Reichtum abzuringen? Und richtig! Schon bald hängt ein stattlicher Hecht an der Angel. Die Aufregung ist groß, als er kurze Zeit später im Kescher zappelt, woraus ihn aber das Mitleid schnell wieder befreit.

Eine moralische Tat, die sogleich belohnt wird. Denn schon lodert in der nahen Blockhütte ein ansehnliches Holzfeuer, dessen Flammen an einem schwarzen Teekessel empor züngeln. Gebäck steht bereit, und schon bald lässt das lebhafte Gespräch zu fortgeschrittener Stunde vergessen, dass draußen die Sonne gar nicht daran denkt, hinter dem Seeufer abzutauchen. Dafür wird es drinnen umso klarer, dass selbst in der nahezu menschenleeren Wildnis stets  mit anspruchsvollem Service gerechnet werden darf.

Kulturelle Vielfalt

© Foto: Dr. Bernd Kregel, 2014Nicht nur für Zugereiste, sondern auch für die Finnen stellt diese Region ihres Landes so etwas wie eine Endstation Sehnsucht dar, in der sie offenbar ihre tiefe Erfüllung finden. Pro Einwohner vier Rentiere, da kann sich niemand über zu hohe Bevölkerungsdichte beklagen. Damit ist der Lebensstil der Samen vorgeprägt, die aus ihren Rentierherden ihren Lebensunterhalt gewinnen. Für alle Fragen ist man hier offen. Nur die Frage nach der Größe der eigenen Herde wird seit dem berühmten Rentierhalter Kaapin Jouni beantwortet mit der entwaffnenden Gegenfrage nach dem Bankkonto des Fragestellers.

Trotz der gerade einmal 6.800 Einwohner umfassenden Bevölkerung der Region Nordlappland ist die kulturelle Dichte enorm. Verschiedene Volksgruppen unterscheiden sich, wie das SIIDA-Kulturmuseum zeigt. Nicht nur in ihren unterschiedlichen Trachten und Sprachen, sondern auch in ihren Gesängen. Ergreifend die von Nils Paltto in tiefem Ernst demonstrierte Joik- Gesangskunst, die jeweils einem Naturphänomen oder einer bestimmten  Person gewidmet ist.

Wer gar einen der vier unterschiedlichen Dialekte erlernen will, begibt sich leicht aufs Glatteis. So Pastor Arto Seppänen von der im ganzen Land bekannten Lutherischen Kirche in Utsjoki. Eine falsche Betonung während der Tauffeier, und schon hat man statt des Heiligen Geistes einen Russen angerufen. Und ein Versprecher bei der Beisetzung des Vaters bringt versehentlich den Sohn unter die Erde. Die Betroffenen, so Pastor Seppänen, reagieren in einem solchen Fall mit Verständns. Wüssten sie bei aller Peinlichkeit doch ohnehin, wer da gemeint war.

Sauna mit Kultcharakter

© Foto: Dr. Bernd Kregel, 2014Bei allen kulturellen und sprachlichen Unterschieden gibt es jedoch eine alle verbindende Gemeinsamkeit mit Kultcharakter. Dies ist zweifellos die Sauna, die fast überall und zu allen Jahreszeiten angeheizt wird. Wohlige feuchte Wärme steigt nach dem Aufguss schweißtreibend aus der Steinkrone des Ofens empor und verbreitet sich wohltuend auf den oberen Holzbänken. Kräftige Schläge mit frischen Birkenreisern helfen dabei, die Durchblutung anzuregen.

Und schon bald hat jeder das Bedürfnis, sich im Adams- oder Evakostüm ins Freie zu begeben und sich im nahen See abzukühlen. Bei 13 Grad Celsius sicherlich eine Herausforderung, die jedoch durch das anschließende Wohlgefühl an Leib und Seele reichlich belohnt wird. Genau der richtige Ort und Zeitpunkt, um lange gehegte Urlaubsträume unmittelbar und in aller Intensität wahr werden zu lassen.

Reiseinformationen „Lappland“:

Anreise

Mit Auto und Fähre: Travemünde – Helsinki mit Finnlines, weiter über die E75 nach Rovaniemi,www.finnlines.com; Mit dem Flugzeug ab Frankfurt, Berlin, Düsseldorf, München mit Finnair nach Helsinki, Weiterflug nach Rovaniemi, www.finnair.com, von dort aus mit dem Auto auf der E75 nach Inari.

Einreise

Zur Einreise genügen der noch sechs Monate gültige Reisepass oder der Personalausweis.

Reisezeit

Ganzjährig bis auf den Mai, der Grenzlinie zwischen Winter- und Sommersaison.

Reiseveranstalter

Erlebe-Fernreisen GmbH, Tel. 02837-6638-0, www.erlebe-lappland.de; Forum anders reisen e.V. Tel. 0761-4012699-0, www.forumandersreisen.de; Fintouring, Tel. 05135 929030, www.fintouring.de.

Unterkunft

Daariselkä: Santas Hotel Tunturi, www.santashotels.fi; Ivalo: Hotel Kultahippu, www.hotellikultahippu.fi; Inari: Hotel Korpikartano, www.menesjarvi.fi und Hotel Kultahovi, www.hotelkultahovi.fi; Nuorgam: Nuorgamin Lomakeskus, www.nuorgaminlomakeskus.fi.

Auskunft

Lappland-Tourismus: www.onlyinlapland.com; www.inarisaariselka.fi; www.visitinari.fi; Finnland-Tourismus: www.visitfinland.com.

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Unterstützerhinweis:

Die Recherche wurde unterstützt vom Fremdenverkehrsamt Lappland.

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