Start Deutschland Xanten und seine Helden – Kulturelle Glanzpunkte in der rheinischen Provinz

Xanten und seine Helden – Kulturelle Glanzpunkte in der rheinischen Provinz

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© Foto: Dr. Bernd Kregel

Xanten, Nordrhein-Westfalen, Deutschland (MaDeRe). Überrascht stößt der Besucher des Niederrheins auf die Aushängeschilder einer bewegten Geschichte.

„Nordrhein-Sibirien“ sagen die Kölner und meinen damit die Landschaft irgendwo hinter Düsseldorf, „in der selbst die Kühe den weiten Blick üben“. Der rheinische Humor, das ist kein Geheimnis, lebt vor allem vom Vorurteil. Und dient besonders während der fünften Jahreszeit dazu, die „nördlichste Stadt Italiens“ mit ihrer sprichwörtlichen Leichtigkeit und Lebensfreude immer wieder neu auf Kosten Anderer ins rechte Licht zu rücken.

Doch die Spottattacke aus dem Zentrum des Rheinlands erreicht den Niederrhein nur in abgeschwächter Form. Weiß man hier im deutsch-niederländischen Grenzgebiet doch nur zu gut um die Attraktivität der hiesigen Landschaft, über der sich ein von atlantischen Wolken dekorierter Himmel in ständig wechselnder Dramatik von einem Horizont zum anderen wölbt.

Gladiatoren als wahre Helden

Eine Region, die schon die alten Römer um die Zeitenwende zu schätzen wussten und daher unter Kaiser Trajan dem Kölner Römerlager an diesem Ort eine zweite wehrhafte Anlage hinzufügten. Als „Colonia Ulpia Traiana“ versehen mit Wehrtürmen, Badeanlagen sowie einem von korinthischen Kapitellen verzierten weithin sichtbaren Hafentempel.

Und natürlich ausgestattet mit einem riesigen Amphitheater, in dem einst Gladiatoren als die wahren Helden der Antike im Kampf auf Leben und Tod ihre Kräfte maßen. Heute auf weiter Fläche ein Eldorado für Altertumsforscher, unter deren Händen sich das Areal als „Archäologischer Park Xanten“ in ein riesiges Freilichtmuseum verwandelte. Ein überaus beliebter Tummelplatz für Jugendliche und Forscherseelen jeglichen Alters.

Numidisches Huhn mit Pinienkernen

Eine reiche Kostprobe der ausgegrabenen Fundstücke bietet das unlängst auf dem Museumsgelände eröffnete Römer Museum. Hier finden sich die Hinterlassenschaften einer vergangenen Welt, die selbst unsere Neuzeit auf vielfältige Weise geprägt hat. In Handwerk und Wissenschaft, in Lebensstil und darstellender Kunst. Eines der ausgestellten Meisterwerke ist der „Lüttinger Knabe“, eine Nachbildung der im Jahr 1858 von Fischern des Ortes Lüttingen aus dem Wasser herausgezogenen Bronzestatue. In ihrer unvergleichlich natürlichen Pose lässt sie sich von einem lebenden Menschen kaum unterscheiden.

Als Endstation forschender Neugierde empfiehlt sich die „Römische Herberge“, in der stilecht und formvollendet aufgetragen wird wie zurzeit von Plinius und Trajan. Mit einem Speisenarrangement aus Numidischem Huhn mit Datteln und Pinienkernen oder einem noch deftigeren Legionärsmahl für den ganz großen Appetit. Alle diese Menüs erbringen – serviert mit heißem Gewürzwein – in kürzester Zeit den Beweis, wie gepflegt man damals selbst in der Römischen Provinz zu speisen wusste. Zeitgemäße Kleidung, darauf macht Restaurantleiter Fadil Kryezi in seiner humorvollen Art aufmerksam, hängt zur Auswahl bereit und vollendet auch optisch die kulinarische Zeitreise zurück zur Zeitenwende.

Glaubensheld der Thebäischen Legion

Wem der Weg zurück in die Römische Antike nun als genügend vertraut erscheint, stößt schnell auf das zweite kulturelle Standbein der Stadt, den Xantener Dom. Geballte Gotik, die sich hier seit 750 Jahren mit zwei mächtigen Westtürmen in den niederrheinischen Himmel reckt. Im Zweiten Weltkrieg weitgehend zerstört, teilt der Dom das Schicksal vieler anderer großer Gotteshäuser. Doch längst zeigt er sich zum jetzigen Dombaujubiläum in seinem äußeren Erscheinungsbild von seiner besten Seite.

Der äußere Eindruck wird nur noch übertroffen vom Inneren des Gotteshauses, das sich dem Besucher mit fünf aneinander gereihten Kirchenschiffen in geradezu vollendeter Harmonie präsentiert. Die über den Innenraum verteilten Kunstgegenstände umfassen den Zeitraum von der Gotik bis hin zur Moderne. Allen voran der Viktorschrein aus dem 12. Jahrhundert als das bedeutendste Heiligtum des Xantener Domes. Eingearbeitet in den Hochaltar, enthält er die Gebeine des Märtyrers Viktor, dem Namensgeber des Xantener Domes St. Viktor. Einst Mitglied der legendären Thebäischen Legion, bezahlte er als Glaubensheld für seine unumstößliche christliche Überzeugung sogar mit dem Leben.

Siegfried der Drachentöter

Und noch einen weiteren Helden hat Xanten hervorgebracht, der in seiner Bekanntheit alle anderen überragt. Obwohl sich seine Herkunft im Dunkel der nordischen Mythologie verliert, wird er vom mittelalterlichen Verfasser des Nibelungenliedes historisch am Hofe von Xanten angesiedelt. Kein Geringerer als Siegfried der Drachentöter, der sich von hier aus auf seine abenteuerliche Reise begab. Bis an den Wormser Hof, wo er – verstrickt in zahlreiche Intrigen – schließlich selbst ein Opfer menschlichen Verrats wurde.

Das Nibelungen Museum zeichnet diesen Weg nach und wird mit seiner Sammlung zum Zentrum des niederrheinischen Siegfried-Gedenkens. Die üppige Präsentation umfasst jedoch nicht nur die biographischen Stationen des Helden. Vielmehr zeigt sie auch, darauf macht Museumsleiterin Anke Lyttwin bei ihrer Führung aufmerksam, die verschiedenen Epochen der Rezeptionsgeschichte Siegfrieds bis in die Gegenwart hinein.

Vom Umgang mit Helden

Zum Beispiel in Filmdokumenten und Darstellungen der bildenden Kunst, in Vertonungen des Siegfried-Stoffes und Texten zur Nibelungen-Tradition, wobei sich der jeweilige Zeitgeist stets auf seine eigene Weise artikuliert. Bis hin zum unrühmlichen Missbrauch durch die politische Führung während des Zweiten Weltkrieges, als in realitätsfernen Durchhalteparolen eine unnachgiebige „Nibelungentreue“ eingefordert wird. Mit dieser Botschaft schallt die Stimme Hermann Görings aus einem waschechten „Volksempfänger“ heraus.

So bringt jede Epoche ihre eigenen Helden hervor. Hochstilisiert zum Ideal dienen sie der gesellschaftlichen und persönlichen Identitätsfindung, sei ihre Leistung nun kämpferischer, religiöser oder höfischer Natur. Xanten in seinem kulturellen Erbe bietet Anschauungsmaterial zu alledem. Nachdenklich stimmt allerdings die Frage, mit welchen Helden unsere Zeit wohl einst in die Geschichte eingehen wird.

Reiseinformationen „Xanten“

Anreise: Per Bahn über Duisburg, per Auto über A 57, per Flugzeug über Düsseldorf, per Rad über den Rheinradweg

Reisezeit: Ganzjahresziel, besonders empfehlenswert in der wärmeren Jahreszeit.

Unterkunft: Hotel Hövelmann; Hotel Nibelungen Hof

Essen und Trinken: Römische Herberge; Gotisches Haus

Auskunft: Tourist Information Xanten; Archäologischer Park; Dom; Siegfried Museum

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