Start Europa Die Jagd nach dem Licht – Vom Zauber des Nördlichen Polarkreises

Die Jagd nach dem Licht – Vom Zauber des Nördlichen Polarkreises

679
0
Teilen
Lichtspiel um den Globus am Nordkap. © Foto: Dr. Bernd Kregel

Kirkenes, Norwegen (MaDeRe). „Die schönste Seereise der Welt“? In der Tat hält Norwegens Küste fesselnde Naturschauspiele bereit.

„Eisige Zeiten!“ Manche ergeben sich in stoischer Gelassenheit ihrem Schicksal. Andere hingegen verleihen mit einem infernalischen Aufschrei ihrem Entsetzen Ausdruck. Mit solchem Nachdruck, dass selbst die das Oberdeck umkreisenden Möwen dabei zusammen zucken und erschrocken das Weite suchen. Doch die Tradition will es so und duldet weder Widerspruch noch Aufschub. Denn sobald der Nördliche Polarkreis in nördlicher Richtung überschritten ist, steigt Meeresgott Neptun persönlich hervor aus den Fluten des Nordatlantiks, angetan mit Netz, Dreizack und Krone. Nur aus dem einzigen Grund, um an dieser imaginären geografischen Linie die ihm zufallende heilige Handlung zu vollziehen: die Polarkreistaufe.

Keine Prozedur für Warmduscher, die sich aus purem Mitleid schon mit ein paar Tropfen vorgewärmten Wassers zufrieden gäbe. Ein bisschen deftiger darf es schon sein. Und dazu natürlich liturgisch korrekt, wenn dieses ausgefallene Ereignis für längere Zeit im Gedächtnis des Täuflings haften bleiben soll. Da kommt eine Suppenkelle voller scheppernder Eiswürfel gerade recht, die durch den weit geöffneten Hemdkragen den Rücken hinunter rieseln und sich sodann, mangels einer geeigneten Öffnung, am Hosengürtel stauen. Zum Glück hilft in dieser Schrecksekunde eine kräftige Portion Aquavit, um noch während des Kälteschocks den in Habachtstellung befindlichen Lebensgeistern wieder zum Durchbruch zu verhelfen.

Eiszeitliches Bilderbuch

© Foto: Dr. Bernd Kregel
© Foto: Dr. Bernd Kregel

Waren diese doch bereits von Anfang an damit beschäftigt, das ringsum aufgeschlagene eiszeitliche Bilderbuch der norwegischen Küste in sich aufzusaugen. Von den heraus gehobelten Fjorden und Meeresengen bis hin zu den glatt polierten Bergkuppen und Felseninseln. Und doch, soviel wird klar, ist diese Reise mehr als das Schwelgen in begeisternden Landschaftserfahrungen. Denn hinzu kommt, wie stets nördlich des Polarkreises, die Jagd nach dem Licht. Des Polarlichts in der Winterszeit und der Mitternachtssonne im Sommer, mitsamt allen Abstufungen dazwischen.

Der Frühling zählt zur Übergangszeit. Als eine Phase, in der die Sonne noch regelmäßig untergeht und dadurch die Hoffnung auf ein anhaltendes Aufflackern des Polarlichts beflügelt. Denn niemand will ohne das Erlebnis dieses farbintensive Lichtspektakels wieder nach Hause zurück fahren. Jenes nur schwer nachzuvollziehende Naturschauspiel, wenn radioaktiv aufgeladenen Partikel der Sonnenwinde auf die Atome der Erdatmosphäre treffen. Und dabei vom Erdmagnetismus eingefangen und an der Nachtseite der Pole in unterschiedlichen Farbkombinationen sichtbar werden.

Wikingerfest auf den Lofoten

© Foto: Dr. Bernd Kregel
© Foto: Dr. Bernd Kregel

Schon für die Wikinger ein Phänomen, das ihnen Furcht einflößte, da sie es als göttliche Willenskundgebung werteten. So wie Wikingerhäuptling Olav Tvennumbryni, der in seinem Langhaus auf den Lofoten während der dunklen Jahreszeit auch noch das Überleben seiner Familie organisieren musste. Das verdeutlicht Nachfahre Geir Iversen, der noch heute in alter Tradition bei Fackelschein und Lagerfeuer jene alten Zeiten wieder herauf beschwört.

Besonders während eines Wikingerfestes im Lofotr-Museum, bei dem es mit Hammelbraten, Bier und Met nicht nur Gutes zu Essen und zu Trinken gibt. Beim Klang traditioneller Schlag- und Saiteninstrumente versucht Geir zudem, seine bereits in die Jahre gekommene Schwägerin Sigrid an einen der weit gereisten Gäste zu verkuppeln. Ein aussichtsloses Unterfangen, da der Künftige, wie sich beim Familienrat schnell herausstellt, nicht über den nötigen Viehbestand verfügt. So unbarmherzig kann das Leben sein!

Eroberung des Eismeers

© Foto: Dr. Bernd Kregel
© Foto: Dr. Bernd Kregel

Ganz anders die Atmosphäre in Tromsö. Nicht nur die moderne Hauptstadt Nordnorwegens, sondern auch das norwegische Tor zum Arktischen Meer. Als Ausgangspunkt für zahlreiche Polarexpeditionen war der Ort einst Zeuge einer Polarhysterie, die vor gut hundert Jahren die gesamte Weltöffentlichkeit ergriff und die Aufmerksamkeit auf diesen entlegenen Ort lenkte. Und natürlich auf Männer wie Friedtjof Nansen und Roald Amundsen. Forscher und Abenteurer zugleich, die, getrieben von Neugierde und Ehrgeiz, von dieser exponierten Stelle aus die Eroberung des Eismeers bis hinauf zum Nordpol planten und in Angriff nahmen.

Eine immer noch fesselnde Geschichte, mit der sich das „Polarmuseum“ auseinandersetzt, indem es in ausführlicher Dokumentation die Pläne und das Schicksal der damaligen Eismeerpioniere nachvollziehbar macht. Bis hin zu dem letzten Flug Roald Amundsens auf der Suche nach seinem verschollenen italienischen Forscherkollegen Umberto Nobile. In einer für ihn selbstverständlichen Hilfsbereitschaft, die ihn in den Weiten des hohen Nordens schließlich das Leben kostete.

Palette von Lichtreflexen

Bunte Wohnhäuser in Hammerfest. © Foto: Dr. Bernd Kregel
Bunte Wohnhäuser in Hammerfest. © Foto: Dr. Bernd Kregel

Von Tromsö aus sind es nur noch wenige Postschiff-Stationen bis hinauf nach Hammerfest, der nördlichsten Stadt der Welt. Hier zieht das Museum des weltberühmten Eisbärenklubs das Interesse auf sich für das Leben und Überleben an diesem abgelegenen Teil der Welt. Und besonders für das Schicksal der Eisbären, deren Existenzgrundlage mit dem verstärkten Abschmelzen des Packeises weiter schwindet. Jedoch auch an diesem exponierten Ort immer noch kein Nordlicht! Sollte es kurz nach Frühlingsanfang dafür vielleicht doch schon zu spät sein?

Stattdessen entschädigt das Nordkap als der nördlichste Punkt Europas mit einem Farbspiel der besonderen Art. Rund um den über dem Horizont schwebenden Metallglobus scheinen sich die unterschiedlichsten Wetterlagen und Farbspiele innerhalb kürzester Zeit ein Stelldichein zu geben. Schnee-, Regen- und Graupelschauer in wilder Jagd ruhelos nacheinander. Und dann wieder ein aufbrechender blauer Himmel im Kampf mit heran hastenden Wolkenfetzen. Eine bunte Palette von Lichtreflexen, die sich um die beste Position in der Nähe Metallglobus zu streiten scheinen.

Bewegte Barentssee

Postschiff an der norwegischen Küste. © Foto: Dr. Bernd Kregel
Postschiff an der norwegischen Küste. © Foto: Dr. Bernd Kregel

Ähnlich aufgewühlt wie der Himmel am Nordkap zeigt sich auch das Meer der Barentssee an der Nordspitze Norwegens, das mit weißen Wellenkappen das Schiff hin und her wirft. Bis es sich kurz vor der russischen Grenze beruhigt, als die Einfahrt zum schützenden Varangerfjord erreicht ist. Und schon bald auch die Stadt Kirkenes, der Umkehrpunkt der Reise zurück in Richtung Bergen.

Eine Stadt, die nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs wieder völlig neu aufgebaut werden musste und heute mit einer in leuchtenden Farben strahlenden Schule imponiert. „Meine Schule war früher braun“, spöttelt Stadtführerin Sigrid. „Und ich habe sie trotz Dunkelheit jeden Tag wiedergefunden.“ Ihren Humor haben die Menschen in dieser Grenzregion offenbar nicht verloren.

Erwartungsfrohes Gebell

Unterwegs mit Hundeschlitten in Kirkenes. © Foto: Dr. Bernd Kregel
Unterwegs mit Hundeschlitten in Kirkenes. © Foto: Dr. Bernd Kregel

Wer hier das Licht in einer bewundernswert klaren Form sehen möchte, für den empfiehlt sich eine Übernachtung im legendären „Eishaus“. Einem Hotel in der Gestalt eines riesiges Iglus, das – bestehend aus purem Eis – innen hält, was es von außen verspricht. Eiskünstler aus China haben die vergängliche Schönheit für die Wintermonate errichtet und mit Motiven der Umgebung verziert. In unterschiedlichen durchschimmernden Farben wunderschön schimmernd. Für eine Übernachtung jedoch kann das Bettzeug sicherlich nicht dick genug sein.

Ein letzter Höhepunkt vor der Rückreise ist die Hundeschlittenfahrt über einen zugefrorenen Fjord. Isabel ist als Musherin Herrin über die vier Husky-Paare, die ihr (fast) aufs Wort gehorchen. An dem rasanten Tempo haben selbst die Vierbeiner ihre Freude und quittieren jeden Stopp mit erwartungsfrohem Gebell. Nur Isabel schaut etwas besorgt auf die bereits dünner werdende Eisschicht des Fjords.

Einsicht des Himmels

Sonnenuntergang in Nordnorwegen. © Foto: Dr. Bernd Kregel
Sonnenuntergang in Nordnorwegen. © Foto: Dr. Bernd Kregel

Und dann hat der Himmel doch noch ein Einsehen. Denn noch in der Barentssee nahe der Ortschaft Berlevag öffnet sich die Wolkendecke und er wartet auf mit dem sehnsüchtig erhofften Naturschauspiel. Zunächst nur in schwachen Ansätzen. Bis sich schließlich deutlich sichtbar ein grüner Vorhang lichtstark am Himmel entfaltet, als wolle sich das Nordlicht für seine Säumigkeit entschuldigen. Ringsum an Deck ein hörbares Staunen, besonders als an den Seitenrändern noch ein rötlicher Lichtstreifen als dekorativer Rahmen hinzukommt. Nach diesem Erlebnis steht der Heimreise nun wirklich nichts mehr im Wege.

Reiseinformationen „Norwegen“:

Anreise: Günstig mit KLM Frankfurt – Amsterdam – Bergen

Einreise: Es genügt ein noch mindestens 6 Monate gültiger Reisepass.

Reisepaket: 12 Tage Bergen – Kirkenes – Bergen oder Teilbereiche

Reisezeit: Je nach Schwerpunkt Nordlicht (Winter und Übergangszeiten) oder Mitternachtssonne (Sommer)

Auskunft: Hurtigruten

Reiselektüre: Hans-Joachim Spitzenberger und Axel M. Mosler, Hurtigruten. Zeit für das Beste, Bruckmann-Verlag, 2014, 3. Akt. Aufl., Euro 14,99

* * *

Unterstützungshinweis:

Die Recherche wurde unterstützt von Hurtigruten.

Kommentieren Sie den Artikel

19 + = 25