Start Europa Starparade der Prachtfassaden – Die Wiener Ringstraße im Jubiläumsfieber

Starparade der Prachtfassaden – Die Wiener Ringstraße im Jubiläumsfieber

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Fassade des Kunsthistorischen Museums. © Foto: Dr. Bernd Kregel

Wien, Österreich (MaDeRe). Auch nach 150 Jahren gelingt in Wien das Zusammenspiel von imperialer Pose und bürgerlichem Glanz.

Ob sich der türkische Großwesir Kara Mustafa Pascha aus dem Jenseits heraus wohl ungläubig den Bart raufte? Denn immerhin hatte die Wiener Stadtmauer während des letzten Türkenkrieges mit ihren mächtigen Wehranlagen bis zuletzt seiner geballten militärischen Schlagkraft standgehalten.

Was damals jedoch seine wuchtig aufschlagenden Kanonenkugeln nicht geschafft hatten, das vollbrachten nun seine einstigen Gegner aus freien Stücken mit Hilfe einfacher Spitzhacken. Als Voraussetzung genügten allein die unaufhaltsame Bevölkerungsexplosion im Inneren des Mauerringes sowie ein einziger schwungvoller Federstrich von Kaiser Franz Joseph, um eine der widerstandsfähigsten Festungsanlagen des Abendlandes dem Erdboden gleich zu machen.

Aufbruchsstimmung der Gründerjahre

So beängstigend diese verteidigungstechnische Selbstentblößung für manche auch sein mochte, so befreiend wirkte sie demgegenüber auf viele Andere. Schienen doch, so Stadtbegleiterin Alexa Brauner, ganze Heerscharen von Städteplanern und Architekten, Baumeistern und Ingenieuren bereits auf diese Gelegenheit gewartet zu haben.

Denn bot nicht die frei gewordene Fläche mitsamt ihrem vorgelagerten Grüngürtel eine nie dagewesene Möglichkeit, um städtebaulich etwas ganz Besonderes zu schaffen? „Etwas Außergewöhnliches“, so Alexa weiter, „das nicht nur die imperiale Größe des Habsburger Kaiserreiches atmete, sondern darüber hinaus auch dem Repräsentationsbedürfnis des aufstrebenden Bürgertums in der Aufbruchsstimmung der Gründerjahre Rechnung trug.“

Phönix aus der Asche

Das Ergebnis ließ nicht lange auf sich warten. So entstand innerhalb kürzester Zeit ein fünf Kilometer langer Alleenring, der sich trotz aller unterschiedlichen Baustile und ornamentalen Verschiedenheiten in harmonischer Einheit verdichtete zur städtebaulichen Essenz des neuzeitlichen Wiens. Über lange 150 Jahre hinweg, seit die Wiener Ringstraße am 1. Mai 1865 im Beisein von Kaiser Franz Joseph pompös eröffnet wurde. Erstanden nach beispiellosem Bauboom wie ein Phönix aus der Asche und seitdem einer der schönsten und prächtigsten Boulevards der Welt.

Wem dieses Ambiente heute am Vorabend des Ring-Jubiläums jedoch als zu strahlend erscheint, für den bietet Thomas Preyer als Erfinder des „PolaWalks“ die Gelegenheit, sich mit einer geliehenen originalen Polaroidkamera auf den Weg zu machen. Einmal rings herum in der Absicht, die leuchtenden Prachtfassaden fotografisch etwas dezenter einzufangen im Stil der guten alten Zeit. So die von Kunst- und Naturschätzen überquellenden Museen am Maria-Theresien-Platz oder die wuchtigen Stätten politischer Entscheidungen wie das Rathaus und das Parlamentsgebäude gegenüber dem Volkspark.

Universum Staatsoper

Jedes dieser Gebäude in seinen Dimensionen gleichsam ein Universum für sich. Dies gilt ganz besonders für die Wiener Staatsoper, als Haus mit dem größten Repertoire eines der wichtigsten Opernhäuser der Welt. Als ebenso sehenswert wie der prächtige Zuschauerraum, alljährlich Veranstaltungsort des legendären Wiener Opernballs, erweist sich auch das technische Drum und Dran hinter den Kulissen. Denn fast so unübersichtlich wie das Labyrinth von Knossos, verfügt der Bühnenbereich hinter dem „Eisernen Vorhang“ neben der Hauptbühne über eine jederzeit aktivierbare Drehbühne sowie zusätzliche Nebenbühnen.

Oliver Sturm, Technischer Assistent in diesem Bühnen-Wirrwarr, zeigt sich beim Abstieg in die für den Besucher ungewohnte Unterwelt mit jeder von ihnen bestens vertraut. Vom Modernisierungsgrad her zwar nicht unbedingt auf ihrem allerneuesten Stand, ist der Bühnenfachmann doch fest davon überzeugt, dass von ihm und seinen Kollegen „technisch das Maximale herausgeholt wird“. Mit dem Erfolg, dass unvorhergesehene Patzer kaum vorkommen. Nicht einmal nach längerem Überlegen fällt ihm zu diesem Albtraumthema etwas ein, außer irgendwann einmal ein defekter Bühnenscheinwerfer.

Kaffee-Raffinessen

Auch die Kaffeehäuser an der Ringstraße sind wie die städtischen Bühnen aus dem Wiener Kulturleben nicht wegzudenken. Ihre unfreiwilligen Gründungsväter, so die Legende, seien die vom Kaffeegenuss berauschten Türken, die damals bei ihrer übereilten Flucht die prall gefüllten Kaffeesäcke vor den Mauern Wiens zurückließen. Unvermeidlich fällt beim Ring-Rundgang der Blick auf das Café Prückel am Stubenring oder das Café Landtmann in unmittelbarer Nähe des Burgtheaters. Weltweit einzigartig und mitsamt den anderen Wiener Kaffeehäusern unlängst gar in den Rang eines „immateriellen Landeskulturerbes der UNESCO“ erhoben.

Die Begründung dafür liefern vor allem die klassischen Kaffee-Spezialitäten in ihrer Vielfalt und geschmacklichen Raffinesse: vom Kleinen Schwarzen, dem Kleinen Braunen, dem Franziskaner und der Melange über die Kleine Schale Gold, den Kaffee Verkehrt, den Verlängerten Schwarzen oder Braunen bis hin zum Einspänner, Kapuziner, Fiaker oder der berühmten Maria Theresia als ein doppelter Mokka mit einem Schuss Orangenlikör und Schlagobers im Glas serviert.“

Wiener Schmäh

Zeigt sich bei dieser immer noch unvollständigen Aufzählung seiner Getränkekarte nicht gar ein stolzes Lächeln im Gesicht von Kommerzialrat Maximilian Platzer? Als Besitzer von Café Weimar und zugleich Obmann der Wiener Kaffeesieder kennt er die Eigenheiten der Wiener Kaffeehauskultur wie kein Anderer. Und organisiert zudem alljährlich den von 6.000 Gästen besuchten Kaffeesiederball in der Wiener Hofburg. Im Februar 2015, so fügt er hinzu, unter dem vielversprechenden Motto „Eine Nacht in Venedig“.

Mit Maximilian Platzer sich zu unterhalten ist belebend wie eine seiner vielfältigen Kaffeekreationen. Und schon schnell gewinnt der Zuhörer einen Einblick in all die Geheimnisse, die mit dem Kaffeesieder-Handwerk zusammenhängen: was ein echtes Wiener Kaffeehaus konkret ausmacht und von welchen nachbarschaftlichen Voraussetzungen es profitiert. Garniert mit einer gehörigen Portion Wiener Schmäh rückt er dabei die Maßstäbe innerhalb und außerhalb seiner Zunft zurecht.

Doch unter dem Strich bricht er eine Lanze für das Wiener Kaffeehaus, dem er sein Leben verschrieben hat: „Wer bisher überlebt hat“, so zeigt er sich überzeugt, „wird auch weiter leben“. Damit bescheinigt er bei zunehmender Allerwelts-Kaffeekonkurrenz selbstbewusst und von höchster Stelle aus dem Wiener Kaffeehaus auch nach 300 Jahren seiner Existenz eine tragfähige Zukunft.

Kulinarische Perfektion

Dabei kommt es sicherlich darauf an, bei allem Traditionsbewusstsein den Anschluss an die Moderne nicht zu verpassen. Ein Grundsatz, der auch die anderen Prachtbauten am Ring betrifft. Mit gutem Beispiel voran geht ein Hotel am Schottenring, das eigens für die gigantische Wiener Weltausstellung im Jahr 1873 errichtet wurde. Nach gründlicher Renovierung nun wiedererstanden als Palais Hansen Kempinski, das – unlängst neu eröffnet – neben seiner historischen Fassade hinter seinen Eingangstüren durch moderne Innenarchitektur und zeitgemäßen Luxus besticht.

Ebenso erlebenswert wie einige der denkmalgeschützten Räume, hierbei besonders der Ballsaal, ist das Feinschmecker- Restaurant „Die Küche“, in dem Küchenchef Philipp Vogel aus Köln und Dessert-Chef Francois Laloue aus Frankreich mit ihrem „Tischlein-Deck-Dich“-Programm für kulinarische Perfektion sorgen. Nur noch getoppt vom Fine Dining im „Edvard“-Gourmetrestaurant, das bei dem Versprechen einer „Fresh Cuisine“ mit unglaublich raffinierten Köstlichkeiten aufwartet.

Hauch von Jubiläumsfieber

So zeigt sich Wien am Vorabend des Ring-Jubiläums auf allen Ebenen bestens gerüstet und versprüht bereits einen Hauch des zu erwartenden Jubiläumsfiebers. Nicht zuletzt im Stolz darauf, als festes Bollwerk im Südosten mit seiner Widerstandskraft der europäischen Kultur einen nicht zu unterschätzenden Dienst erwiesen zu haben.

Reiseinformationen „Wiener Ringstraße“:

Anreise: Mit dem Flugzeug: Direktflüge mit Lufthansa, Germanwings und Austrian Airlines ab Berlin, Düsseldorf, Frankfurt, Hamburg, Hannover, Köln, Leipzig, München und Stuttgart. Mit Auto oder Bahn z.B. über München.

Reisezeit: Ganzjährig, besonders aber im Sommerhalbjahr.

Unterkunft: Palais Hansen Kempinski Wien, www.kempinski.com/Wien; The Guesthouse Vienna, www.theguesthouse.at; 25hours Hotel Wien, www.25hours-hotels.com/de/museumsquartier/hom/home.html

Essen und Trinken: Motto am Fluss, Heuer am KarlsplatzHansenLabstelle, Vestibül im Burgtheater, Zum Schwarzen KameelCafé Weimar, Café Landtmann, Café Prückel

Wien-Karte: Für 48/72 Stunden bei Euro 18,90/21,90 freie Fahrt in öffentlichen Verkehrsmitteln sowie 210 weitere Vorteile

Auskunft: Wien Tourismus, Invalidenstraße 6, 1030 Wien, Tel. +43-1211140; erste Anlaufstelle in Wien: Albertinaplatz/Ecke Maysedergasse, Tel. +43-124555

Reiselektüre: Sibylle Berg u.a., 1865, 2015 – 150 Jahre Wiener Ringstraße, Dreizehn Betrachtungen, Metroverlag, ISBN: 978-3-99300-175-9, Preis: 19,90 Euro

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